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Soncino-Blätter · 1925-01-01 · I. Band 1925-1926 · p. Seite 219

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Journal
Soncino-Blätter
Volume
I. Band 1925-1926
Date
1925-01-01
Page
Seite 219 (sequence 238)
Language
German
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religiöfer Norm. Diefe univerfale Bedeutung der Liebe war in der zeitgenöflifchen Philofophie bereits angebahnt. Sie geht natürlich auf das platonifche „Gaftmahl" zurück. Die Wendung zum Platonismus, die fich in der Philofophie des 15. Jahrhunderts vollzieht und die nicht nur aus einer Veränderung der fpekulativcn Tendenzen allein, fondern auch aus den äfthetifchen Momenten der Zeitftrömüng hervorwächft, hatte" gerade das „Gaftmahl" in den Vordergrund des Interefles rücken müffen, weil in ihm die allfeitig belebte fchöne Form, die Anmut philofophifcher Haltung mehr als irgendwo den Gefchmack der Zeit befriedigte.* Der neuplatonifche Afpekt, den die urfprüngliche Lehre angenommen hatte, hatte die platonifche Liebeslehre den Tendenzen der chriftlichen Philofophie foweit angenähert, daß atts-ihr eine neue fynkretiftifche Weltanfchauung fich bilden konnte. Ausdruck diefer heidnifch-chriftlichcn Lehre bildete der gleichfalls als Dialog geformte Sympofionkommentar des Marfilio Ficino. An ihn fchloß fich eine Reihe gleichtendierter philofophifcher Werke an; der ganze fchöngeiftige und religiös bewegte Kreis um Lorenzo de'Medizi einerfeits, um Savonarola andererfeits lebte in diefen Anfchauungen. Durch Leone Ebreo gewannen diefe eine neue Geftalt, die fich in unzähligen populärphilofophifchen Werken der folgenden Jahrzehnte über die ganze gebildete Gefellfchaft der Renaiffancc ausbreitete und in alle Zweige der Kultur, Dichtung und Denken, eindrang. Diefe populäre Tradition verlor fich in die mittleren Schichten der Kultur; nur hie und da noch, z. B. in der franzöfifchen Renaifläncelyrik, in der fpanifchen Äfthetik und religiöfen Poefie deutlich erfaßbar bleibend. . Die Wirkung diefer Konzeption in der eigentlichen Philofophie blieb fehr viel manifeftcr. Sie tritt uns in Giordano Bruno ebenfo wie in Campanella, auch Bacon bis hin zu Spinoza als ein klarer Strom entgegen. Mit ihr hängt die Wendung der urfprünglich rein metaphyfifch gerichteten Spekulation zur Naturphilofophie, endlich Naturwiflenfchaft aufs innigfte zufammen. Die Keime diefer Entwicklung find in Leone Ebreo felbft fchon angelegt.' Die Licbesidcc ift zunächft ein ontologifches Prinzip. Alle gefchaffenen Dinge, fo lehrt Leone, find miteinander durch Liebe verbunden, die unbelebten Dinge nicht anders als die belebten. Die Schwierigkeiten einer folchen Auffaffung weiß Leone dadurch aus dem Feld zu räumen, daß er den BegrifF der Liebe je nach Bedürfnis bis in den einer allgemeinen Wollung auflöft, oder aber mit ganz fpezififcher Bedeutung erfüllt. Stellt die Liebe fo ein vitales Band aller gefchaffenen Dinge gleicher Art untereinander dar, fo wird fic zugleich als wirkend zwifcherrderr einzelnen Scinsftufen des Kosmos begriffen. Leone v Ebreo übernimmt das phyfikalifchc Weltbild des Mittelalters wie es ift, die Vorftcllung einer ftrengen Hierarchie des Seins. Aber feine Liebesidee gibt diefem Weltbild einen neuen Sinn. An die Stelle eines ftarren Gebäudes tritt ein durch die Liebe bewegtes, alfo lebendiges Gebilde. Die verfchiedene Art diefcs dynamifchen Prinzips gibt die fpezififchen Unterschiede zwifchen den Sphären des Seins her. Die mittelalterliche Subftanzialität fetzt fich in Funktionalität um. In diefer veränderten Attitüde liegt die Bedeutung diefcs Buches vor allem, in feinem entfehicd'encn Willen zu einer Weltanficht aus einem Prinzip, zu^ einer philofophifchen Erfafiung des ganzen Seienden. Diefer univerfaliftifche Zug der Lconefchcn Philofophie ift es, der ihr ihre ganz befondere Stellung gibt inmitten des Gcdankenwirbels, der fein Jahrhundert für die Philofophie fo überaus befruchtend und zugleich fo wenig ergiebig gemacht hat. Für die fpekulative Ausprägung einer gerundeten und allgemein akzeptierten Wcltanficht fehlte diefer Zeit noch jener

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