Soncino-Blätter
- Journal
- Soncino-Blätter
- Volume
- I. Band 1925-1926
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 231)
- Language
- German
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dem Gefängnis Pliitzenfee an den Philofophen Hermann Cohen, richtete, einen Brief RofaLuxemburgs und einen Brief Guftav Landauers vor üns ausbreiten und dazu noch einen Brief vom „andern Lager", von Walter Rathenau - weht daraus nicht in eins Judenjcnickfal und Völkergcfchick mit tragifchem Ewigkeitshauch uns an: Ks liegt nahe, bei einer Schriften-Kollektion von etwa 1300 Perfonen Betrachtungen* über den Zufammenhang zwifehen den Charakteren der Perfönlichkciten und ihren Schriftzügen anzubellen. Ich habe mich nie mit Graphologie befaßt. Sie erfehien mir, offen gefagt, nicht immer verläßlich. Doch ließen fich an der Sammlung oft, ohne die, minderte Theorie und Vorkenntnis, ganz zweifellos gewifTc Charakterzüge aus der Schrift erkennen: Welr zum Beifpiel Rabbi Me'irl Primifchlaners von befchwingter Gebärde geführte Schrift betrachtet, muß aus ihren breiten Wogen fchlicßen, daß der Schreiber kein Mcnfeh von zahmer, enger Seele fein könnte. pichenheLift dies ein J der ihren Körper charakterifiert. Diefer infantile, windweiche Körper! Ich habe unter den 19 verfchiedenen photographifchen Aufnahmen von ihr eine in fehr ftarker Verkleinerung, wo fie in großer Gefellfchaft auf einer Jacht fitzt. Man erkennt keines der Gefichter. Sarah kauert fo zufammengezogen, daß man nichts unterfcheidet als irgendeinen Körper - und doch erkennt rrjan fogleich: das ift ihr Körper! So grazilfranzil ift diefes fonft indifferenzierte Häufchen Menfch auf der Photographie, fo leidenfehaftlich vibrierend auch in der Ruhe!-Und wahrlich, aus diefer Wefenstatfache heraus vcrfleht man erft recht die persönlich - oftentative Bedeutung ihres Wahlfpruches, der fich auf ihrem Papier findet: „Quand meme!" Oder man betrachte das von bewegteftetn Impuls gepeitfehte Auf und Nieder in der Handfchrift Elfe Lafker-Schülers und vergleiche damit die Schrifftüge Ludwig Philippfons, Adolf Jellineks oder anderer Rabbiner diefer Zeit und dergleichen Gefinnung: diefe Glätte der Beruhigten, diefe Zufriedenheit der Uneforgten! für den wiiicnrch:iftlichcri, charakterologifch-biogräphifchen Wert manches Autographen. Diefer Wunderrabbi MeYrl (ca. 1790-1850) gilt nämlich bei vielen nach feinen überlieferten Gewohnheiten - er pflegte fich z. B. fiundcnlang mit feinem ruthenifchen Fuhrmann zu unterhalten — und Ausfprilchen als,ein wenig intelligenter, als ein „balagulifcher (= fuhrmännifcher) Zaddik". Die fo urteilen, wrürdcn fichcr beim Anblick feiner Schrift ihre Meinung über ihn ändern.] Oder legt man fich Sarah Bernhardts ganz unleferliche, tief ungeduldige, nervöfe, zerrifTene Schrift neben ihr Bild in" ganzer Figur, fo ficht man in diefen Schriftzügen dicfclbc Gehauchtheit, diefelbe zarte Filigranhaftigkeit, Allerdings ift es ein Gebot der Wahrheit, zu konltatieren, daß diefe SchlüfTjausder Schrift auf die Wefensart des Schreibers, für mich zumindeft, nicht überall zu ziehen find. Und ich weiß nicht, ob es eine Graphologie der hcbräifchen Schrift gibt; auch nicht^ob—fidv für den Graphologen vielleicht gewifle Merkmale, Züge manifestieren, die er auch in der nichthebräifchen Schrift von Juden als fpezififch jüdifch anfprechen könnte. Allenfalls wäre in meiner Sammlung Material genug, um Studien zur Graphologie der Schrift von Juden im allgemeinen un4 der hebräifchen Schrift in den zeitlichen und regionalen Varianten vorzunehmen.