Soncino-Blätter
- Journal
- Soncino-Blätter
- Volume
- I. Band 1925-1926
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 211 (sequence 230)
- Language
- German
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von leinem heutigen Belitzer als „Schmirah" (Amulett), als Schutz gegen alles Böfe, angefehen und darum meift um keinen Preis herausgegeben wird. Und da, wie gefagt, der öftliche Teil meiner Sammlung faft ganz aus den letztem vier Jahren ftammt, fo ift er auch darum« abgefehen von den angeführten objektiven Gründen, beträchtlich lückenhafter als der weltliche, der ja naturgemäß auch noch weit ift von jedem Grade der Vollftändigkeit. So fpiegelt fich in diefer Sammlung der Unterfchied zwifchen dem jüdifchen Oft und Weft in verfchiedenen teilten recht-detrrfith abr '---tt-- Über das eflentielle Wefen und den beftimmenden Akzent meiner Schriftftücke-Sammlung, über deren Was? und Wozu? kann im allgemeinen das gefagt werden, was von jeder wiffenfchaftlich-fyftematifchen Autographenfammlung gefagt werden muß. In einem Vortrage lägte Stetan Zweig, ein bekannter Sammler eigenhändiger Manufkripte: „Die Welt der Autog-raphen ift keine unmittelbar fichtbare finnliche Welt, fie ift fühlbar einzig durch Phantafie, erkenntlich erft durch Bildung und gaftlich nur jenen, die ihr Verftändniswillen und die nicht alljmhjmfige RrgaKimg zur Ehrfurcht entgegenbringen. Nur wenn man folche Blätter als die fichtbaren Reliquien'von Unfterblichen, als die finnlichen Lebensfpuren großer Exiftenzen ahnend erfaßt, nur dann kann ein griftiges und geifterhaftes Leben von diefen abgeftorbenen Blättern in uns überklingen. —Und daß felbft oder vielmehr, daß gerade die geiftigften Menfchen diefen Schauer am Schriftzeichen fühlten, bezeugt ein"Wort Goethes, als ihm, dem eifrigen Autographen-Sammler, eine Sendung folcher Blätter zukam und er »den unendlichen Werf der über- Iändten1Bta*tteriiedankend, fchreibt: »Da mir die finnliche Anfchauung durchaus unentbehrlich ift, fo werden mir vorzügliche Menfchen durch ihre Handfchrift auf eine magifche Weife gegenwärtige." Die weferitliche Sphäre' der Autographen-, ebenfo der Porträtsfammlung, ift alfo die des Gemüts, der Empfindung, des Herzens. Wie jeder Menfch, dem das Gefühl unzeremonieller Pietät nicht fremd ift, wohl gerne das Bild und die Schriftzüge einer ihm werten, lieben Perfon aufhebt und erhalten wiffen will, fo muß es für jeden,-der zu den Großen feines Volkes ein Verhältnis herzlich-intimer Verehrung hat, von Reiz und Wert fein, BildnifTe und Schriftzüge diefer Menfchen - das Intimfte und Perfönlichfte, das von ihnen zurückbleibt - zu kennen und für die Dauer aufbewahrt zu wiffen. Was den Inhalt der Schriftftücke betrifft, fo kann 'diefer nicht das Wefcn der Sammlung ausmachen. Sonft könnte ja jede Abfchrift das Original erfetzen. Natürlich werde ich von zwei eigenhändigen Schriftftücken desfelben Menfchen die mit bedeutendem Inhalt vorziehen. Aber nur als Zutat, als eine manchmal fehr wertvolle allerdings und niemals, gleichgültige. Nicht unberührt lafTen möchte ich einen nach innen pädagogifchen, nach außen kulturpolitifchcn Gefichtspunkt. Die Zufammenfaffung und Schauftellung einer folchen Sammlung bildet ein nach außen und innen wirkendes Pantheon der bedeutenden Perfönlichkeiten der betreffenden Nation. Und noch einen Hinblick,einenindividucll-moralifchen, wenn ich ihn fo nennen darf: Wer von irgendeiner Eitelkeit, Einbildung, einem Größendünkel in feinem Herzen befallen wird, der möge fichmitten in die faft lebendige Gegenwart der Großen aller Kategorien und Schattierungen begeben, wie fie meine Autographen- und Porträtfammlung repräfentiert. Hier muß er fich klein fühlen; hier wird er Demut, Ehrfurcht und ftilles Refpektgefühl lernen. Und die Wirkung der lebendigen Schrift in V erbindung mit dem Bildnis ift eine ganz andere als die einer biographifchen Zufammenftellung, die all die Namen der Sammlung enthielte und noch viele mehr. Es wären doch nur „Worte, nichts als Worte". Hier find die Urzeichen des- Schickfals, hier fprechen die Perfönlichkcitcn felber. - Wie find z. B. die foliden, reinlichen, prätenfionslofen Schriftzüge Schmucl David Luzzattos, eines der Väter der jüdifchen Wiffenfchaft das Abbild feines Charakters 'oder wie fpiegelt "fich der Anteil der Juden am Schickfal der Völker in dem bei mir befindlichen Gedicht von Erich Mühfam an Fritz Adler, Wien, nachdem diefer im Jahre 1917 den öflerreichifchen Minifter Grafen Stürgk erfchoflen hatte! Das Gedicht ift betitelt „L06 der Tat" und beginnt: „Jammern und um Hilfe fehrcien Schafft nicht Heil noch Rat. Eines nur kann die Welt befreien, Eines nur: die Tat!" Wenn wir fo aus der Sammlung diefcs Gedicht, weiter einen wundervollen Brief, den Kurt Eisner aus r ~2TT