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Soncino-Blätter · 1925-01-01 · I. Band 1925-1926 · p. Seite 104

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Journal
Soncino-Blätter
Volume
I. Band 1925-1926
Date
1925-01-01
Page
Seite 104 (sequence 121)
Language
German
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denn er glaubt nicht an eine Neugeburt szenen von Tod und Verzweiflung, Mord, eines Volkes durch bloßen Wechsel seiner Prostitution und Fäulnislediglich der Hinter»- .äußeren Lebensformen. Er träumt von einer grund für die tiefere Tragödie eines Volkes, Revolution der Seele^^daher-^K€he4nt^hm-das^den seelischen Inhalt seines einstigen jeder Nationalismus als der Geist der Be* Lebens verloren hat, seiner Wurzeln beraubt schränktheit, der im G runde genommen wurde, die es mit dem lebendigen Wort seiner nichts anderes anstrebt,alsden Dogmatismus alten Führer und Propheten verbunden"^ in der Religion auf einen Dogmatismus in hatten. Gefade hier offenbart sich die beT der Politik zu übertragen. sondere Charakteristik von Lewins Kunst. Ebenso steht es mit den sozialen Bestre» Doch die Lösungen, die Her Dichter für allbungen unsres Dichters. Sie sind ihm keine die nagenden Probleme, die ihm wie ein rejn^Ma^enfVaje^sondern eineriefe seelische Berg auftleirSeele lasten, zu finden^süclrtf ~ "Angelegenheit, die alle Winkel unsres Innern muten noch fremdartiger an als die Augen, durchwärmt und zu einem reineren Leben die sie erschauten. Das ist vielleicht mit anregt. Es ist die innere Sehnsucht nach eine der Hauptursachen, weshalb die Werke sozialer Gerechtigkeit, der Hunger nach Lewins bisher nur in Übertragungen ver* Erkenntnis, die unbesiegbare Hoffnung auf öffentlicht wurden und nicht in der Sprache, eine bessere Zukunft, die des Künstlers in welcher der Dichter selbst sie innerlich Seele ahnend ertaßt. So vergeistigt er jede erlebte. Lewin will Unmögliches erreichen Handlung und verleiht den gewöhnlichsten und blieb deshalb bisher ein Fremder seinem Erscheinungen des Alltags ein« tiefere ethi* Volke. Doch jede wahre Kunst strebt nach sehe Weihe. _~ dem Unmöglichen, untLdarnm ist der wahre —- Aber gerade diese Sonderstellung des Dich» Künstler stets der Schöpfer seiner eigenen ters in all den Fragen, welche die mensch* Tragödie. liehen Hirne beschäftigen, berührt wohl die Es gibt ein Bild von Rembrandt — der meisten wie ein Hauch aus fremden Welten. Prediger Anslo. Im halbdunklen Räume Sie trennt den Künstler von den Schlag* steht der Prediger. Nicht weit von ihm liegt worten und Parolen der Parteien und läßt die aufgeschlagene Schrift, von magischem ihn allen gleich fremd erscheinen. So konnte Lichte umzittert. Zarte Strahlen wirken sich es denn nicht ausbleiben, daß bisher sein leise wie zitternde Erleuchtung durch derr Wort verhallte, wie die Stimme des Pro* Raum zu dem Prediger, der einer Frau aus pheten in der Wüste. dem Volke die heilige Lehre verkündet. In seinem Drama »Goluth«, einem Stück mit Doch zwischen den Lippen des Predigers, tiefen psychologischen Hintergründen, zeigt über den der Geist Gottes kam, und dem uns Lewin die furchtbare Lage der Juden in Ohre der Frau spinnt das Geheimnis seine einem kleinen polnischen Städtchen während zarten Fäden. Seine Worte kommen un# des Krieges. Man fühlt sofort, daß man es hier mittelbar aus der Seele, sind klar wie Kri* nicht lediglich mit dem Gebilde eines Dich* stall, rein wie ein Gebet. Doch der Prediger ters, sondern mit dem inneren Erlebnis eines redet von einem, und die Frau versteht etwas Menschen zu tun hat, der jene furchtbare andres. Zwischen Mund und Ohr schwebt Zeit mit durchlebt und überstanden hat. ein Zauber und lacht aller menschlichen Immer ist der Tude das Opfer — zuerst für Weisheit. die Kosaken, danach für die Deutschen und Das ist die tiefe Tragödie jeder Lehre, jeder schließlich für die Polen. Grausig wirken Religion, jedes Ideals und jeder Kunst, hier die Bilder aus der Tragödie eines mit Auch in dem Werke Lewins lebt der Prediger dem Fluche des Schicksals beladenen Volkes. Anslo und mit ihm dieselbe alte Tragödie. Allein für den Dichter sind die Schauer* Berlin Rudolf Rocker

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