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Soncino-Blätter · 1925-01-01 · I. Band 1925-1926 · p. Seite 30

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Journal
Soncino-Blätter
Volume
I. Band 1925-1926
Date
1925-01-01
Page
Seite 30 (sequence 38)
Language
German
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hundert erreicht, und zwar war es Deutschland, das ganze damalige Deutschland, bis nach Böhmen und Steiermark hinein, das in jenen Jahrs hunderten dieser Kunst fast allein huldigte und darin große Triumphe gefeiert hat. Wir werden unten sehen, in welche Gegenden uns schon die vonjmsjbe^chrie^ führen werdenT^ Ornament und Pflanze, Mensch und Tier bieten dem Lederschnittkünstler die Motive, und es sind zum Teil vollendete Arbeiten, die, mit cliesen Vor* würfen versehen, uns erhalten sind. Dazu kommt dann aber die Groteske, die auf den in Lederschnitt verzierten Buchdeckeln ganz besonders häufig zu finden ist. So erblicken wir z. B. Tiere, deren ungestalte, massive Leiber durch Gurte zusammengehalten werden, und deren Zungen, ebenso wie die Schwänze, in Blätter oder in Herzformen auslaufen. Oder wir sehen menschliche Fratzen und schauen wohl auch, wie Gestalten von eigen* tümlichem Aussehen und in sonderbarer Haltung gegen Drachen und anderes unmögliches Getier ankämpfen. Eigentümlich ist nun aber, daß gerade die Lederschnittbände mit hebräis schem Inhalte diese Grotesken zeigen, ein Umstand, der bewirkt hat, daß man direkt vom »jüdischen Lederschnitt« gesprochen hat. Ob das aber mit Recht geschient? Ob nicht vielmehr der jüdische Künstler bzw. der judische Buchbinder, ebenso wie man im Innern des hebräischen Buches die Groteske kultivierte, auf gleiche Weise den Deckel mit grotesken Dar* Stellungen verzierte, indem er eben zu jenen eigentümlichen Figuren griff, die der Lederschnitt jener Zeit ihm auf den Buchdeckeln sowieso bot? Denn die Groteske ist doch schon längst vorhanden! Sie findet sich am ^Bhorgestühi deFchristticTien Kirchen ebenso wie in.cjen Miniaturen ihrer Handschriften, d. h. selbst in jenen Handschriften, die liturgischen Zwecken zu dienen hatten. Hierfür Beispiele zu bringen, dürfte sich erübrigen. Es wird deshalb darauf hinauskommen, daß der sogenannte »jüdische Lederschnitt« zu deuten ist als der Lederschnitt auf Einbänden mit hebräi* scheminhalte. Die darauf sich findenden Grotesken dürften aber wohl nicht etwa eine spezifisch jüdische Neuschöpfung sein. Vielmehr nimmt der jüdische Künstler, dem es versagt ist, etwa Gott oder die Propheten im Bilde darzustellen, und der — aus demselben Grunde — auch im Innern des hebräischen Buches die Groteske so reichlich verwendet findet, für den Deckenden er mit Lederschnitt verziert, mit Vorliebe groteske Figuren, die im übrigen auch der christliche Künstler so gern anzuwenden pflegt. Ich sage mit Absicht »für den Deckel, den er mit Lederschnitt verziert«. Denn neben der Kunst der Verzierung des Deckels mit Lederschnitt geht damals einher jene viel gebräuchlichere, weil einfachere und deshalb weniger 30

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