Mannheim
Compact Memory

Soncino-Blätter · 1925-01-01 · I. Band 1925-1926 · p. Seite 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Soncino-Blätter
Volume
I. Band 1925-1926
Date
1925-01-01
Page
Seite 24 (sequence 30)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3983568-8587096--032-3983599
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

am Ende der Kolumne darf kein Kustos angebracht werden. Hierfür gibt es ein ausdrückliches Verbot, weil die Versuchung zu nahe liegt. Der Gottesriame darf unter keinen Umständen ausgewischt oder wegradiert werden; nötigenfalls wird das ganze Blatt beiseitegelegt, d. h. es wird »ver* borgen«, vor Profanation geschützt. Jeder einzelne Göttesname muß mit Andacht geschrieben werden, mit der ausgesprochenen Intention, einen Gottesnamen zu schreiben. Eine alte Regel lautet: »Mit einer frisch ein* getauchten Feder schreibe keinen Gottesnamen; tauche die Feder ein, bevor du den letzten Buchstaben des vorhergehenden Wortes sehreibst. Selbst wenn der König den Schreiber begrüßt, darf er nicht erwidern, bevor er den Namen zu Ende geschrieben,« lautet ein .talmudischer Satz. Es ist dem* nach nicht zu verwundern, daß die Kabbala, die jüdische Geheimlehre, sich mit der Schreibung des Gottesnamens befaßte. Auf die äußere Gestalt des Schriftbildes übte sie indes keinen Einfluß. _ _ Wie die einzelnen Bücher der Thora durch leeren Raum voneinander ge* trennt wurden, so wurden auch Sinnabschnitte durch unbeschriebe* nen Raum markiert. Bei kleineren Abschnitten wird ein Raum von neun Buchstaben leer gelassen und dann die Schrift in derselben Zeile fortgesetzt, bei größeren wird die Zeile unterbrochen und die Schrift dann in der nächsten Zeile wieder begonnen. Man nennt die beiden Abschnitte die geschlossene bzw. die offene Parascha. Die Thora gliedert sich in 290 offene und in 379 geschlossene Abschnitte (nemo« nrnns nrns). Dieses Schreibverfahren bestand nach dem Ausweis der griechischen Papyrus* ftinde in ältester Zeit auch beim antiken Buch, wurde aber dort bald aufs gegeben. \ Der Text fließt sonst von Zeile zu Zeile ununterbrochen fort, ohne irgend? welches Worts oder Satzzeichen, was als ein Zusatz zum Gotteswort emps funden worden wäre. Auch beim leeren Raum der Sinnabschnitte dürfen keine Abweichungen geduldet werden. Die Zeile wird voll ausgefüllt. Eine Ausnahme bilden nur die poetischen Stücke (II. Buch Mosis Kap. 15 und V. Kap. 32), welche in eigenartig stichischer Weise geschrien ben werden. »Wenn die prosaischen Stücke wie die poetischen oder die poetischen wie die prosaischen geschrieben wurden, ist das Thoraexemplar unbrauchbar«, sagt der Talmud. Es gab Schreibkünstler, die nicht nur mit der linken Hand, sondern auch mit dem Handrücken, mit dem Fuße, mit dem Munde und mit dem Ell? bogen schreiben konnten, der Sofer darf aber all dies nicht. Nur wenn er linkshändig ist, darf er mit der Linken schreiben. Er beschreibt nur eine Fläche, bei Leder die Haarseite, bei Pergament die Fleischseite, wie es auch in der Antike bei den Papyrusrollen allgemein üblich war. Während 24

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.