Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 16 (1938)
- Issue
- 11 (1.11.1938)
- Date
- 1938-11-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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U.JhrgyNr.11 Mr dl« >f g«9«« Q«i«l«d— I« INI •ehr intensiv gearbeitet werden kann. Durch- •ebnittlicb beträgt die Teilnehmerzahl pro Knra 10 Personen. Die Arbeit für die Auswanderersprachlehrgänge wird noch wesentlich verstärkt werden müssen. Die Bedeutung der sprachlichen Vorbereitung kann gar nicht hoch genug eingeschätst werden. Es kann deshalb bei AbscMuß diesea Rechenschaftsberichts nur nochmals jedem Juden, dhr seine Auswanderung betreibt, dringend nahegelegt werden, die sprachliche Schulung als die wichtigste Voraussetsung für eine schnelle und erfolgreiche Einordnung ih der neuen Heimat zu erkennen und demgemäB durchzuführen. Je geringer die materiellen Hilfsmittel sind, die einem Auswanderer zur Verfügung stehen, desto wichtiger ist für ihn der Sprachunterricht, denn die Beherrschung der Landessprache ist die beste Chance, die er für die Zukunft haben kann. PaulaOllendorff Ein sonst oft miBbrauchtes Wort, auf Paula Ollendorff trifft es zu: wer sie einmal gesehen hatte, der vergaB sie niemals wieder; das Gesicht, der ganze Kopf, Bewegung und Sprache waren zu charakteristisch und einprägsam, als daß sie mit der Erinnerung an andere Menschen hätten verschmelzen und dadurch verloren gehen können. Und wie ihr Aeußeres, so ihr Leben und Wirken. Sie war in jungen Jahren Lehrerin geworden, vielleicht ihr selber unbewußt aus dem Grunde, weil dieser Beruf damals der einzige Frauenberuf war, von dem aus man zu einem Wirken in die Weite gelangen konnte. Das Wort „Weite“ darf zunächst ganz wörtlich genommen werden: Paula Ollendorff fand als junge Erzieherin von Breslau aus Gelegenheit zu größeren Auslandsreisen. Die Sprachkenntnisse und die Erfahrungen, die sie auf diese Weise schon frühzeitig hatte sammeln können, ermöglichten ihr späterhin dann auch in dem übertragenen Sinne des Wortes ein Wirken in die Weite. Sie wurde eine der aktivsten Förderinnen der Frauenbewegung, besonders auch der jüdischen Frauenbewegung. Ihre große Tatkraft wirkte sich am stärksten an dem Orte ihres Wohnsitzes aus, und es war nur selbstverständliche Dankespflicht, daß die Jüdische Gemeinde zu Breslau die dortige jüdische ’Haushaltungsschule nach Paula Ollendorf benannte. Aber weit über Breslau hinaus arbeitete die nun Verewigte überall an den großen sozialen Aufgaben mit, die der jüdischen Frauenbewegung gestellt waren; man kannte sie in Amerika so gut wie in England und Palästina. Auf internationalen Kongressen trat sie nicht nur als Rednerin, sondern oft genug auch als überraschend vielseitige und gewandte Dolmetscherin hervor; so z. B. auch auf den Konferenzen des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum (World Union for progressive Juda’ism), dessen Präsidium sie angehörte und an dessen geistigen Problemen sie stets 1 aufs stärkste interessiert war. Andererseits war gerade sie auch allen praktischen Aufgaben in regster Aktivität angewandt. Innerhalb unseres Preußischen Landesverbandes kam dies u. a. durch ihre Mitarbeit im Haushaltsausschuß zum Ausdruck, in dessen Sitzungen oft genug Fragen und Nöte der Kleingern ein den entscheidende Erledigung fanden. Es fällt schwer zu glauben, daß der so vielsprachig gewandte, lebendige Mund nicht mehr spricht, daß dies edle, von echter Menschenliebe erfüllte Hers nieht mehr schlägt. Ihr Gatte und zwei ihrer Kinder sind ihr im Tode 'vorausgegangen. Nicht neben ihnen, wie es ihre Sehnsucht gewesen, wird sie ihre ewige Ruhe finden, sondern in Palästina, wo sie während eines Besuches bei Die Pensionäre, die in Havelberg zur Erholung weilte*, zeigten sich wißbegierig erfreut, als sie durch ihren Wirt erfuhren, eine Wegstunde entfernt befände sich ein Kibbuz. So machten wir «ns an einem heitern Julitag auf, das Jagdgehöft, denn so heißt die Siedlung, mit seinen zwanzig Chawerim und Chawerot zu besichtigen. Die meisten von uns, zumal die Aelteren, hatten dergleichen noch nie gesehen, ja ich glaube, sie hatten überhaupt keine Vorstellung von der Beschaffenheit solch einer Hachscharasiedlung. Um so größer war ihr Erstaunen und ihre Bewunderung, als sie innerhalb! eines Kiefernwaldes unvermutet ein stattliches Stück Erde eingegrenzt fanden mit fruchtbaren Gartenanlagen, mit Wohnhäusern und Stallungen, mit einer Windturbme und Waachräumen. Auf diesem schönen Flecken Erde also leben und arbeiten diese siebzehn- bis zwanzigjährigen Menschen unter der Leitung eines jüdischen Gärtners, zu dessen großem Können und betreuendem Gewissen sie alle, wie sie berichteten, ein respektvolles Vertrauen hätten. In der Tat, man gewann den Eindruck einet gedeihlichen Zusammenlebens. Ja, ich glaube, sie haben es gut hier. Die Wohnräumesind schlicht und sauber, auch an Blumen fehlt es nicht. Es ist so eingerichtet, daß fast in allen Schlafräumen vier Menschen beherbergt sind, infolge Platzmangels meist zwei Betten übereinander. Aber richtige Betten, bequeme Betten. Die ländliche Arbeit ist für gewöhnlich am Frühnachmittag beendet, um der Tarbutarbeit (Iwrit, Palästinakunde, theoretischer Agrarunterricht) zu weichen. Man bedauert hier zweierlei: 1. daß die Möglichkeit zur Feld arbeit nicht gegeben ist, 2. den Wassermangel; es ist keine Gelegenheit da zum Schwimmen. Diesen Mangel weiß nur der gebührend einzuschätzen, der nach schwerer körperlicher Arbeit die „fließende Entspannung“ herbeisehnt. Und was das Fehlen der Feldarbeit betrifft, so ist das natürlich ein Verlust für Menschen, die hier zwei Jahre verbleiben müssen, ehe sie auf Einzelhachschara -geschickt werden, um dort erst mit der eigentlichen Landarbeit beginnen zu können. Dafür aber haben sie hier eine vielfältige und ausgedehnte Gartenkultur, Obstzucht, sie haben Kleinvieh, haben Pferde und Kühe. Und was das Wichtigste zu sein scheint: sie lernen unter erfahrener Leitung arbeiten, und die Liebe zur Natur und zum naturhaften Leben wird ihnen ein unverlierbarer Reichtum. Man muß JULIUS M. BIER L AN- UND VERKAUF VON GRUNDSTÖCKEN Stussashavs gegründet 1890 ■orttm, leipziger Str. 31-32, Tat. 1*4441 ihren dortigen Kindern, 78 Jahre alt, jetzt gestorben ist. Ihr Wirken aber gehört der jüdischen Gesamtheit an. nur einmal diese prächtigen Mädel und Jungen reden hören! Einige erzählten ■«<- mit wahrer Anteilnahme von einer ihrer Kühe, die erst vor kurzem für teures Geld gekauft wurde, aber es ergab sich, daß von Tag zu Tag ihre Milchspende ahnahm Der Tierarzt wurde gerufen und stellte eine Go» bärmutterentzündung fest. Man wird daa Tier schlachten müssen, es ist ein Unglück. Ja, so, sprechen diese ehemaligen Großstadskinder. Wie die Gesichter strahlen, wenn diese Menschen mit ihren Besuchern durch den Garten gehn und ihnen zeigen, was sie alles gesät und geerntet und — gelernt haben! „Aber sehen Sie, wir haben auch einige Zierpflanzen! Das da ist ein Trompetenbaum, er hat schon mächtige Trichter und duftet stark. Dort haben'wir sogar eine Tamariske; das da ist buntblättriger Ahorn; hier, sehen Sie dieses Gewächs mit den roten Ruten: das ist ein Hartriegelstraueh. Und wie gefällt Ihnen unser Heckenrosengang? Hier an diesem Baum können Sie deutlich das Hervorsprießen des Johannistriebes beobachten; man rechnet mit seinem Erscheinen immer vom 24. Juni an.“ Einer rief den Schäferhund, aber als der die vielen Gäste sah, lief er auf und davon. Ja, er sei schrecklich feige, nicht mal zur Kaninchenjagd zu verwenden. Des Nachts übrigens müssen die Chawerim wegen der wildernden Kaninchen abwechselnd Wachen stellen. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, der Förster schießt diese Wilderer nicht, was ihm nicht verübelt werden kann, denn trifft er unglücklicherweise einen Baum und verletzt die Rinde, so muß er dafür geradestehn. Wir sind durch die ausgedehnten Gartenanlagen gegangen, haben riesige Gurken bewundert, Tomaten, Spargelbeete, Mangold, Rüben, Kohl und Bohnen gesehen — inzwischen aber hat sich der Sonnenball mehr und mehr dem Westen zu geneigt; schweren Herzens brechen wir auf. Wir nehmen Abschied vom Jagdgehöft, von jedem Einzelnen, es ist schwer, sich von dieser Jugend zu trennen, vor deren Naturverbundenheit mich Scham befällt. Nun sind wir zum Tor hinaus, dort stehen sie noch und winken, und während ich mich nach ihren langsam sich verflüchtigenden Gestalten umwende, muß ich plötzlich an ein vor vielen Jahren über unsere Chaluzim gesprochenes Wort von Moritz Heitmann denken: „Diese Jugend ... ist ein Stolz und ein Trost unserer Zeit; wer, der ein Hers hat, fühlte es nicht! . . .“ Werner Bukofzer. Besuch im Jagdgehöft DAS SPEZIALHAUS für Stoffe Wäsdie Kleidung, Teppidie Gardinen Möbel A US RÜSTUNG FÜR PALÄSTINA UND ÜBERSEE Sdiriftliehe Anfragen an die Ühenu-Abteüung HUM! BERUN Cr» SPANDAUBR STRASSE KONIGSTRASSB ■ HHMI 5