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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-10-01 · 10 (1.10.1938) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
10 (1.10.1938)
Date
1938-10-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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1t. JfcrgJNr.1t Oiufcidtblitt IVr dto Sy»agog— Ofilndw In friiim/Norddtbüditwd 1. Oktober im ewige Gottezgabe die Kraft an empfangen, Menachen und Zeiten einen Willkommensgrnß anrnfen an können, dieaea Bewußtsein kann Leid in Gläck wandeln. Dieser Ge* danke iat der tiefe Sinn des Wortes, das Simon Dnbnow, wenn er die jüdische Ge* Der Keren Kajemet Lejiarael hat einen außerordentlich fruchtbaren Gedanken ge* habt. Und, wie es so oft, wie es meistens ist im Judentum, daß die besten Gedanken diejenigen sind, die altes Traditionsgut wieder aufleben lassen, so auch dieses Mal: aeit alters her steht das jüdiscbe Leben im Zeichen der Wanderung, seit alters her haben daher die jüdischen Gemeinden ihre Memor* bücher, ihre Chroniken, ihre Archive und Urkundensammlungen; und heute, da die Gesamtheit der jüdischen Gemeinden in Deutschland im Zeicben des Aufbruchs lebt, soll für die Gesamtheit der jüdischen Gemeinden in Deutschland solch ein Memor* buch, solch eine Chronik, solch eine Urkunden* und Bildersammlung geschaffen werden. Wie jene alten Bücher die Namen der Gelehrten, der Rabbiner, der Stifter und Wohltäter enthalten, so soll auch dies neue Buch die Namen aller derer aufweisen, die als Rabbiner oder Vorsteher, als Lehrer oder soziale Leiter, geistig oder praktisch an der großen Gemeinde der Juden in Deutschland ihres Aufgabe erfüllen und in allen ihren vielen Einzelgemeinden, jeder an seinem Platz, mitarbeiten. Das Buch, zum soeben hinter uns liegenden Neujahrsfeste — Jom ba*Sikkaron, d. i. „Tag des Gedenkens4* — als Sefer Sikkaron, d. L Buch des Ge* denken« gestiftet, wird sich zusammen* setzen aus vielen Hunderten von kleinen Büchern: in einheitlicher, würdiger typographischer Ausstattung werden in allen Ge* meinden Bücher angelegt, die die Gemeindegeschichte enthalten; in jedem Buch wird auch Platz für Bilder sein: Zeichnungen oder Photographien der Synagogen, der Friedhöfe und sonst wichtiger Gemeindeeinrichtungen. Die Namen alle, derer, die in den Gemeinden geistig oder praktisch zum Gesamtwohl gewirkt haben und noch wirken, werden in diesen Chroniken verzeichnet stehen, und darüber hinaus kann ein jeder — kann ein jeder und wird ein jeder — seinen eigenen Betende Juden von Ludwig Meidner Aida.: Sonaenfeld schichte als ein Ganzes überschaut, als Frucht seiner Erkenntnis uns kündet: „Das jüdische Volk lebt deswegen, weil in ihm eine lebendige Seele ruht. In diesem Selbstbewußtsein liegt der tröstende Quell für die duldende jüdische Seele.44 Namen, die Namen seiner Familienmitglieder und die Namen all der Teuren, die er bei seiner Auswanderung hier in den Gräbern znrücklassen muß, in dieses Buch eintrsgen. Jede dieser Eintragungen ist mit einer Spende für den Keren Kajemet Lejisrael verbunden und entreißt so auf eine doppelte Weise das heutige Israel der Vergangenheit und Vergessenheit. Einmal, weil alle diese Einzelehroniken mit ihren Aufzeichnungen, Bildern und Namen — zum Gesamtwerk des Sefer Sikkaron, zum Buch des Gedenkens, vereinigt — nach Jerusalem gebracht und dort zum ewigen Gedächtnis an würdiger Stätte aufbewahrt werden wird — ein schöner und ein jüdischer Gedanke, daß unsere Enkel und Urenkel dereinst im Heiligen Lande auch von uns lesen, von uns wissen, an uns denken und uns als ihre Vorfahren kennen werden! Aber diesem gleiche?! Zweck dient das große Werk nun noch auf eine andere Weise: damit unsere Nachkommen in Palästina an uns denken können, müssen nicht nur die Aufzeichnungen über uns vorhanden sein, sondern es müssen vor allem auch jene Nachkommen, die an uns denken sollen, dasein und in Palästina leben! Und hierauf geht der Zweck, der mit der für jede Namenseintragung geforderten Spende verbunden ist: der KKL. wird mit den auf diese Weise zusammenkommenden Mitteln eine Siedlung ins Leben rufen —: durch das Sefer Sikkaron das „T el Sikkaro n44, durch das Buch des Gedenkens die „Siedlung des Gedenk e ns44. Für die Erkenntnis und Beurteilung des Charakters eines Volkes bietet sein Schatz an Sprichwörtern ein ‘wichtiges Mittel, da er seine Anschauungs- und Denkweise, seine Sitten und Gebräuche treu wiederspiegelt. Wie nun das Ostjudentum innerhalb des Gesamtjudentums eine in ihrer Eigenart streng umgrenzte Gruppe mit eigenen sprachlichen und literarischen Ausdrucksformen bildet, so ist auch in folkloristischer Hinsicht die Betrachtung der ostjüdischen Sprichwörter außerordentlich ergiebig für die Kenntnis der Denk* und Gefühlsweise, der Welt- und Lebensanschauung, des Humors und Witzes im ostjüdischen Raum. Aus ihrer gedanklichen und sprachlichen Prägung kann man die ganze äußere und innere Geschichte dieses jüdischen VolksteiU herauslesen: die Welt des biblischen und talmudisch-midratchischen Schrifttums, Sprache und Sprachgebrauch der deutschen und slavischen Wirtsvolkschaften, die Tradition des eigenen Milieus mit seinen großen Nöten und kleinen Freuden — all das erscheint in söharfen Strichen auf diesen Scheidemünzen der jiddischen Alltagssprache und gestattet, eine gleichsam aus seiner Geschichte herausdestillierte Gesamtanschauung des Ostjudentums über alle Fragen der Welt und des Lebens absuleiten. Leider ist dieser ungeheuer reiche Schatz jüdischer Lebensweisheit noch nicht im entferntesten erschlossen, bilden doch die Die Epoche des Lebens der Juden in Deutschland, die jetzt abgeschlossen ist, ist aus der Gesamtgeschichte des Judentums nicht hinwegzudenken: das kulturelle Leben in den Gemeinden and die geistige and religiöse Entwicklung, dazu eine ungeheure fruchtbare wissenschaftliche Literatur — all das iat Mutterboden und Ausgangspunkt für das Leben der Juden in anderen Ländern diesseits und jenseits der Ozeane; man denke an die sozialen jüdischen Einrichtungen in aller Welt, man denke an die ebenfalls von hier in alle Welt gegangene, moderne Wissenschaft des Judentums, die in Deutschland entstanden ist, man denke an das gemeindliche and gottesdienstliche Leben, das jetzt, ebenfalls durch die aus Deutschland kommenden Juden, überall in neue Bewegung gerät. HHllllülllflliBUttlffiratllHIIItlBimBWHB t ' j Edi;h Samuel: Simchat Tora (Puppenbild) Aufn.: Abraham # ^9lA ItllUtliltHHimtmmilUHUKtlHIHHIiUUlHIIUIIHinflHIDIHUmiliiHmUllllMUlUIUa Soll aber all die», diese ganze für die äußere wie für die geistige Geschichte des Judentums so ungeheuer wichtige Periode des Lebens der . Juden in Deutschland allen späteren Geschlechtern anschaulich vor Augen stehen —: jede Gemeinde und jedes Gemeindemitglied mag sich einzeichnen in das Buch des Gedenkens nnd solcherart mitbauen an der Siedlung des Gedenkens! etwa 4000 ostjüdischen Sprichwörter, die die 1908 erschienene Sammlung von Ignaz Bernstein und Binjamin Segel enthält, nur einen kleinen Bruchteil der im jüdischen Osten und seinen Welt-Dependancen nmlaufenden ostjüdischen Sprichwörter. Eine kleine Auswahl möge vor Augen führen, welch reiche Lebensweisheit diese knappen Sprüche bergen. „A geschwir ia a gute Sach bei jenem untern orm“ (Ein Geschwür ist eine gute Sache unter dem Arm des Nächsten) ist typisch für die unbekümmerte Drastik, mit der eine landläufige Erkenntnis formuliert wird. Menschliche Dummheit bietet schönes Material: „A narr is an ejbiger kaljeke“ (Ein Narr ist ein unheilbarer Krüppel) ist eine leidenschaftslose Feststellung, während in dem Wort „Er klärt, wie der käs kummt in kräppel arajn“ auf den beschränkten Menschen, der die ein« fachsten Dinge nicht begreift nnd sieh s. B. den Kopf darüber zerbricht, wie der Käse in die Kräppelchen, die doch von allen Seiten geschlossen sind, hineingekommen sein mag, die blutige Ironie in ein anschaulichea Bild gekleidet wird. „Der szejchel (d. i. der Verstand) kocht an backt* lehrt, daB auch Verrichtungen untergeordneter Art vom Verstand geleitet werden müssen. Die bei Juden so beliebte „Mischpoehologie“, die versucht, zwischen swei wildfremden Menschen auf abenteuerlichen Umwegen eine Verwandt- Die Siedlung des Gedenkens ...und jeder bunt mitl Vom ostjüdischen Sprichwort Von Dt. Sally Rabinowit's 4

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