Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-10-01 · 10 (1.10.1938) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
10 (1.10.1938)
Date
1938-10-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/10279739-10021755-10021752--252-3981631
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

M. JfcrgJNr.1« UdbdtM Olw»l»J*Mrtt Mr dU lymm« hl i/NnKMutrtauM 1 ms Geschichte im Kreise Von Dr. ERNST F RAE NK EL Der Anteil der USA;-Wanderung an, der Gesamtanawanderang beträgt bereit« im Reichsdurchschnitt faat 40 Prozent, er dürfte aogar noch höher »ein, wenn man beachtet, daB die gerade in Berlin in letzter Zeit stark einsetzende Amerikawanderung aus den oben dargelegten Gründen nur unvollständig erfaßt werden konnte, ln einzelnen Bezirken ist der Anteil der Auswanderung nach den Vereinigten Staaten noch wesentlich höher; so beträgt er in Bayern rund 65 Prozent, in Baden über 70 Prozent, in Hessen 70 Prozent u. a. m. Die Auswanderung nach Kolumbien war im Berichtsquartal besonders hoch, weil in diesen Monaten mit Hilfe des Altreufonds zahlreiche Auswanderer gerade in dieses Land gehen konnten. — Im Ganzen hat sich der Anteil der S ü d - amerika-Auswanderung an der Gesamtailswanderung trotz des sehr erheblichen Rückschlags in Brasilien gegenüber dem Vorjahre fast unverändert gehalten. Das bedeutet für jeden, der die hinter diesen nüchternen Zahlen liegenden Schwierigkeiten und Probleme kennt, eine außerordentliche Leistung, sowohl der jüdischen Hilfsorganisationen als auch der persönlichen Initiative dir einzelnen Auswanderer. In den früheren Quartalsberichten ist regelmäßig auch die Berufsgliederung der Auswanderer ausgewiesen worden. Da in dieser Berufsgliederung nach den bisherigen Erfahrungen aber nur sehr geringfügige Schwankungen auftreten, soll davon abgesehen werden, dieses Material vierteljährlich zu veröffentlichen, vielmehr will sich die Meldestelle darauf beschränken, *am Ende eines jeden Jahres die betr. Daten auszuweisen. — Es ist selbstverständlich, daß für alle Stellen, die auch in der Zwischenzeit an des^ Zahlen der Berufsgliederung interessiert sind, das vorhandene und statistisch ausgewertete Material zur Verfügung steht. In der gleichen Weise seil hinsichtlich der Zusammenstellungen über den Familienstand und die Staatsangehörigkeit der Auswanderer verfahren werden. Wir beschränken nns deshalb im vorliegenden Bericht darauf, in Tabelle 3 noch die Altersgliederung der Auswanderung zu untersuchen. 3. Altersgliederung der Auswanderung Hier is Jahres Aosi m.be Aon Zi ll und. rdg.- lel 13 li -<-• „Ui od., Reit ab 11 bek.“ waM iml IS Is ■<-6 Ii JaiL- 19 Pst». nag i -Jooi 38 1 •/, 58 an Jul— 19: Per*.!t -Juni 37 ii, ustsr 6 6 bis unter 14 14 „ .20 20 . „35 35 . . 40 40 . .45 45 . .50 50 „ „65 65 Jahre a.nshr I 16 49 m MS 1« n tat 96 11 'S m 61 a « 141 *J 476 1187 1987 6761 Ulf 1164 IST 684 8 3 *8 7A 09 A* K Um 11661 }lf24 22.1 47.1 143 16.8 tlUIllN ofcae Aifike ü» IM SM) 223 764 M 761 61 16261 478 166,1 6766 882 146,6 lugetaal 5 5629 766 793 16766 - 16681 — Der Vergleich mit dem ersten Halbjahr 1937 ergibt eine beachtliche Verschiebung zu Gunsten der Jugendlichen, deren Anteil von 22 Prozent auf 26 Prozent gestiegen ist. Dagegen ist der Anteil der 20- bis 40jährigen von 47 auf 41 Prozent gesunken, während wiederum der Anteil der 40- bis 50jährigen sich von 14 anf ItH Prozent erhöht hat. Wenn man diese Verschiebungen analysieren will, so deuten sie offensichtlich auf eine Verstärkung der Familien Wanderung hin, die besonders auch innerhalb der Auswanderung nach den Vereinigten Staaten einen erheblichen Raum einnimmt. Vor Jahren ging ich einmal durch die alten Ghettostraßen der Stadt Emden. Ueber dem Tore eines der altersgrauen, niedrigen Häuser in der engen dunklen Gassa fand ich in Stein gemeißelt die hebräische Inschrift der Worte aus dem Prediger: „Eine Zeit ist es einzureißen und eine Zeit ist es aufzubauen.“ Ergriffen las ich die Worte, die ein frommer Mann an den Eingang seiner Wohnung geschrieben hatte, in einer Stunde vielleicht, als an Stelle des altersschwachen, vom Zerfall bedrohten ein neues feste» und stolzes Gebäude vom Wohlstände, vom Lebenswillen, aber auch vom starken jüdischen Optimismus seines Erbauers Zeugnis ablegen wollte. Immer wieder in diesen Jahren sollte dies Wort vor unseren Geist und vor unsere Seele treten, in diesen Jahren, da täglich jüdische Menschen die Grundlagen ihrer bürgerlichen Existenz abbrechen, da jüdische Menschen hinter sich lassen, was ihnen einst an Werten materieller und ideeller Art fester und gesicherter Besitz zu sein schien, in diesen Jahren, da jüdische Menschen glauben, das Gebäude von Hoffnungen, Erwartungen, Träumen — und vielleicht auch Illusionen — versinken zu sehen, das sie einst in ihrem Innern sich errichtet hatten. Gerade in diesen Tagen unserer Feste, in den Tagen der Erinnerung, der Umkehr und der Freude über die Reife, in diesen Tagen, die für uns Stunden der Loslösung vom nur Irdischen und seinen Sorgen, von den Gedanken, die uns an den Alltag binden, bedeuten, gerade in diesen Tagen wollen wir die Kraft finden, unsere durch den Tag und durch die Stunde nicht getrübten Blicke rückwärts und zugleich vorwärts schweifen zu lassen, aus der Erkenntnis des jüdischen Lebens der Vergangenheit uns den Willen zum jüdischen Leben in der Zukunft zu sichern. Wir wollen uns bewußt sein, daß, was heute Schicksal der einzelnen als Glieder der Gemeinschaft ist, morgen bereits ein Stück Geschichte dieser Gemeinschaft sein wird. ★ Nach einem Worte Leo Baecks ist es das Besondere im Judentum, daß ihm ein jedes neue Ereignis zur nenen Aufgabe wird. In der geschichtlichen Entwicklung der Juden sehen wir eine jede das jüdische Leben erschütternde und geistig oder sozial revolutionierende Erscheinung zum Führer auf einen neuen und doch ewig alten Weg werden. Geheimnisvoll und selbst dem tiefer blickenden Geist meist unerklärlich sind die Wege, die die Geschichte in ihrem ewigen Wirken geht. Es zeugt von einer großen tebenschaffenden Idee in der Geschichte der Juden, daß immer dort, wo scheinbar ein Ende ist, gleichzeitig in der- Wirklichkeit ein neuer Anfang ist, daß Ende und Anfang unlöslich miteinander verknüpft sind, daß ein Abschiednehmen von der Vergangenheit gleichzeitig ein Willkommen an eine neue Zeit und an neue Hoffnungen ist. Wenn Jerusalem fällt und Rabbi Jochanan ben Sakkai von dem feindlichen Feldherrn nichts anderes erfleht, als eine Lehrstätte im fremden Lande errichten zu dürfen, so fällt eine Epoche, die das Ende des Judentums als politisch-nationale Einheit mit sich bringt, mit dem Beginn eines Ganges jüdischer Gedanken und jüdischer Lehre in die Welt zusammen, wird mitten im schicksalhaften Einreißen des Alten ein Neues, vielleicht Größeres aufgebaut, wird die Lehre der Vergangenheit zum verheißenden Gedanken für die Zukunft. An ein anderes Beispiel aus der neuzeitlichen Geschichte der Juden sei erinnert. Vor hundert Jahren kam unter dem Einfluß politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse die große Welle jüdischer Wanderung aus Deutschland nach Amerika. In den Jahren von 1830 bis 1870 sind es wohl 250 000 Juden gewesen, die besonders aus Süddeutschland — Bayern, Baden, Württemberg — nach den Vereinigten Staaten kamen, um sich eine neue Heimat, ein neues Gebäude für ihre wirtschaftlichen, geistigen und seelischen Bedürfnisse zu zimmern, nachdem das alte der Zeit hafte zum Opfer fallen müssen. Was heute von der gesamten Judenheit der Welt mit Stolz als Leistung des amerikanischen Judentums auf allen Gebieten jüdischen Lebens betrachtet wird, all das ist zum größten Teile in jenen Jahren jüdischer Einwanderung aus Deutschland nach Amerika geschaffen worden, für all das ist unter unendlichen Mühen und Opfern, aber auch mit leidenschaftlichem Willen zur Selbsterhaltung und zur Erhaltung jüdischer Gedanken und damit zu einem neuen Zentrum jüdischen Lebens und Wirkens der Grundstein gelegt worden. Als Theodor Herxl mit in die Zukunft gerichteten Blicken den „Judenstaat“ sah, erkannte er aus der Not der Juden in Osteuropa und ihrer prophetisch geschauten Zukunft die Notwendigkeit zur Schaffung von „Alt-Neuland“ für diese Juden — und nicht nur für diese, sah er nicht nur im materiellen sondern mehr vielleicht noch im geistigen, die Werte des zukunftsträchtigen Aufbaus in einer Welt und in einer Zeit, in der die jüdische Jugend vor die schicksalhafte Gefahr gesellt war, fast überall nur das Wirken abbauender Kräfte im und für das Judentum sehen zu müssen. * ★ Simon Dubnow, der große jüdische Historiker, spricht einmal in seinen Lebenserinnerungen davon, daß alles geschichtliche Leben sich im Kreise vollzieht. Wenn das Wesen des Kreises in seiner Geschlossenheit beruht, so gleicht die jüdische Geschichte nicht nnr darin der mathematischen Figur. Bestimmt wird der Kreis durch seinen Mittelpunkt. Alles geschichtliche Leben der Juden aber beruht auf der Beziehung zu seinem ihm wesenseigenen Mittelpunkt. Leopold Znnx sah im Judentum eine von der Weltgeschichte anerkannte historische Besonderheit: „Nach Volkstum und nach Bekenntnis ein Ganses, dessen geistige Erzeugnisse bereits über zwei Jahrtausende eine Lebensfaser unzerreißbar durchzieht.“ In majestätischer Ruhe, vergleichbar der Ruhe auf dem Grunde des Meeres, das selbst in ewiger Bewegung und im ewigen Sturm ist, liegt seit Beginn unseres geschichtlichen Lebens der Mittelpunkt jüdischen Seins. Mag au verschiedenen Zeiten, nnter verschiedenen Menschen die Wiederbelebung und Verwirklichung des nationalen Volksgedankens oder die einstige Verwirklichung des messianischen Gedankens des „Reiches der Zedaka“ als die stärkste wirkende Kraft des Mittelpunktes betrachtet worden sein oder werden — die Geschichte der Juden ist von einem lebenschaffenden Prinzip durchdrungen, das die Wurzeln ihres Daseins Erstellt und tief im Boden der Geschichte ruht. ★ In den Tagen des Abbrechens und des Einreißenmüssens den Glauben an die Zeit des Aufbaues zu haben, und in diesem Glauben den lebendigen Willen zum schöpferischen Aufbau an betätigen, das ist es, was wir — beute mehr ab je — aus der Geschichte der Juden zu allen Zeiten und unter allen Himmelsstrichen ab gebieterische Forderung erkennen können und müssen. Immer wieder Abschied nehmen zu müssen, mag ein bitteres Leid sein, aber immer wieder als s

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.