Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 16 (1938)
- Issue
- 10 (1.10.1938)
- Date
- 1938-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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««.JhrgJNr.1l JOdhchM OrarhdrblW für dto Synagogen-Goaaeinden I« Prowßen/NorddeuUchland 1. Oktober im der Herr der Welt nur ab ein harter Richter entgegen, der nna erbarmnngtloa untere Sünden Torhält. Immer aufs neue sagt er uns ja anch, daß er um des Bundes willen, den er mit unseren Vätern geschlossen hat, uns niemals ganz zerlassen wird und uns in das Land der Verheißung zurückbringt. Jüdische Menschen befinden sich heute auf gewaltiger Wanderung. Sehr ziele, die am zorigen Jom Kippur noch in unseren Reihen gebetet haben, sie zerleben diesen Tag heute in einem andern Erdteil. Wir wiuen, daß ihre Gedanken über Zeit und Raum hinweg »ich mit unteren Gedanken treffen. Wir wiegen, daß to mancher von ihnen nun, wo er aut dem Kreise seiner Nächsten weggeritten int, erst empfindet, was Familie und Gemeinde gewesen sind, f Wenn wir in den Stunden des Jom Kippur mit unserem Gotte ringen, dann fühlen wir ans mit all diesen Menschen verbunden, die ans nahe sind, ob sie nqn in Eres Israel auch im Jom Kippur auf der Wacht sein mutten, um ihren Acker su schützen, ob •ie tief im Innern Argentiniens oder Brasiliens mit dem Neuaufbau ihres Daseins beschäftigt sind. Aus heißem Herzen heraus mochten wir wünschen, daß jeder Jade an seiner Stelle, wo es auch immer sein möge, an diesem Jom Kippor besonders gelobt, nicht die gleichen Fehler in anderen Landern zu machen, die wir so oft begangen haben. Denn nur wenn man sich im Sinne des Jom Kippur zu dem Gedanken bekennt: „Ich habe gesündigt“, kann eine Umkehr und Rettung möglich sein. Und nur mit einem Worte, denn diese Gedanken sind ja oft ausgesprochen worden, soll angedeutet werden, wo eben diese Sünden liegen: Berufswahl nach dem Gesichtspunkt des augenblicklich Angenehmen, nicht Berufswahl so wie es sein sollte, nach dem Gesichtspunkt des dem Volke and der Gemeinschaft Nützlichen. Jeder Fehler, den der einzelne Jude macht, jeder einzelne Fehler rächt sich an der Gemeinschaft, das müßte nach den Gedanken eines Laien diejenige Erwägung sein, die uns an diesem Jom Kippur besonders nahe Hegt. Wenn dann der letzte Schofarstoß ertönt, wenn wir ans dem schützenden Halbdunkel des Gotteshauses wieder in den Alltag hinaustreten in dem Bewußtsein, ein schweres Jahr ▼or uns zu haben, dann wird sich aber, wenn wir diesen Tag so verbracht haben, wie wir ihn tollten, der Segen dieses einzigartigen Gnadengeschenkes des Versöhnungstage« an jedem einzelnen von ans erfüllen. Steigerung jüdischer Auswanderung 8. Bericht der Meldestelle für Binnen- und Auswanderung: Ouartal April bis Juni 1938. — Von Max Birnbaum, Berlin Der Beginn de« Berichtsqnzrtzls wird durch zwei Ereignisse gekennzeichnet, die für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zon grundlegender Bedeutung sind. Das eine ist die Angliederung Oesterreichs and damit die Einbeziehung der Jaden in Oesterreich in das Schicksal der Judenheit im Altreich. Die. zweite Tatsache, die die Organisation der Juden in Deutschland zon Grund auf geändert hat, ist die Umwandlang der jüdischen Gemeinden aas öffentlichen Körperschaften in Vereine dea bürgerlichen Rechts. Die beiden Ereignisse haben die jüdische Answanderung ans Deutschland and die statistische Erfassung dieser Auswanderung wesentlich beeinflußt. Die Angliederung Oesterreichs hat dazu geführt, daß auch dort eine außerordentlich starke jüdische Auswanderung eingesetzt hat. Die allgemeine Uebung, die jüdischen Angelegenheiten in Oesterreich getrennt zon den jüdischen Gesamtorganisationen in Deutschland zu behandeln, hat auch auf die Statistik der Auswanderung Anwendung finden müssen. Es ist daher leider zorerst nicht möglich, in den regelmäßigen Berichten der Meldestelle die Zahlen ans Oesterreich in der gleichen Weise wie die übrigen Antwanderangsziffern auszuweifen. — Sehr nngünstig hat sich bisher auch der Verlust der Rechte öffentlicher Körperschaften anf die Auswanderungs- Statistik aasgewirkt. Die Finanzämter, Einwohnermeldeämter und ähnliche Stellen, zon denen insbesondere die größeren Synagogengemeinden bisher im wesentlichen die Unterlagen für die Auswanderungsmeldungen erhalten haben, sind zum Teil dazu übergegangen, dieses Material nicht mehr den Synagogengemeinden zur Verfügung za stellen. Die Bemühungen, eine generelle Regelung herbeizuführen, die. auch künftighin die Unterlagen für die Erfassung der jüdischen Auswanderung sicherstellen soll, sind noch im Gange. Für den zorliegenden Quartalsbericht muß aber leider festgestellt werden, «laß so wichtige Städte wie Berlin, Breslan und Düsseldorf offensichtlich ganz erhebliche Lücken in den Meldungen anfznweisen' haben. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß, entsprechend dem allgemeinen Bild, die jüdische Answanderung gerade auch aus Berlin weiter angestiegen itt. Es war aber nur möglich, für die Monate April bis Juni 1280 Fäll* zu erfassen, gegenüber 1950 Fällen im Quartal Januar-März. Auch in den größeren Städten Westfalens haben sich derartige Erschwernisse des Meldewesens gezeigt, die früher nur für Dortmund zorgelegen hatten. Sehießlich sind auch im Berichtsquartal wieder die Meldungen aus Leipzig offensichtlich ganz unzollständig. 1. Auswanderung aus den Provinzen, Ländern und Großgemeinden Ansvaad. m. „Unbekannt“ bestimmtem oder Ins* Answsnde „anf Reisen*4 HeWegekiet mgsaiel abgemeldet Jan.- Anril- Jnni Jan.- April> Jas.- Jas.* Min Hin Jnni Jnni Juni 1938 1938 1938 1938 1938 1937 Ostpreußen Brandenburg. Pommern, <6 111 8 SS SM 141 Grenzmark, Medübe. 88 71 18 S4 184 _ &fele*iea ohne Breslau Hadn..SaAs^SdUes.-H.. Ml M8 1# 1* 487 248 Anbalt,BreaeaJlranadiweig.GMeubf^Tbir 148 SX8 11 8 MX _ West!«len. Lippe Hessen-Nassau 181 »8 8 11 SH — (obne Frankfurt a. M.) Rbeinprovini (ohne 178 XM SS X« U* SM Großgem.). Saargebiet Düsseldorf 88S »1 Ul II 18 8 XX 848 11« iss Essen 88 M 4 18 Ml US Preußen a. ugesdilona. Verbinde (ohne Großiss gemeinden) 1881 I7M 181 8858 2848 Berlin 1881 1148 8S4 148 »88 X2M Frankfurt n. Main 487 841 ISS xss 1X87 1377 Breslan 1X8 188 48 8 4M 411 Köln 188 MS 84 M 787 SM Preußen «, aagencUesseae Verbinde «1X8 3848 7M 118 0X2 7SM Hamburg 88 238 8 M 4M 4SI Leipzig restL Laad Sackten 81 88 M Ml 8 1 X X 118 IM }m Bayern 4M 411 u 1 887 7M Bades 18« SS8 18 18 SM 888 Württemberg IM XM 18 1 4M IM Beste« 1 s«4a Aalheine. MS SM 8 H MS 871 Hacksckarabs teilen 8« 11 8 t 78 M Isagetant MH MM TM 7» HTM MMI Tabelle 1 zeigt die Verteilung, der Auswanderung anf die zertchiedenen Meldegebiete, die mit den oben erwähnten Ausnahmen eine sehr erhebliche Steigerung der Auswanderung gegenüber dem letzten Quartal aufzuweisen haben. Im ganzen sind im Vierteljahr April bis Juni 1938 5525 Auswanderungsfälle mit bestimmtem Auswanderung*- ziel erfsßt worden, dazu kommen 752 „unbekannt“ oder „auf Reisen“ abgemeldete Personen. Wenn man den Unsicherheitsfaktor berücksichtigt, der sich aus der Hinznzählqng dieser letzteren Kategorie sn den Auswanderern ergibt, and andrerseits die besonderen Ausfälle der statistischen Erfassung im zorliegenden Quartal in Betracht zieht, so kann man die jüdische Gesamtauswandernng ans dem Altreich im 2. Quartal 1938 anf 7000 bis 7500 Personen schätzen, gegenüber einer Schätzung zon 6700 für das 1. Quartal 1938. Diese Steigerung wird noch erheblicher, wenn man berücksichtigt, daß der zorliegende Bericht nur 399 Nachträge aus früheren Quartalen bringt, während der letzte Bericht 738 Nachträge enthalten hat. Man kann also annehmen, daß im Bericbtsquartal die Auswanderung weiter um 10 bis 15 Prosent gegenüber dem letzten Quartal angestiegen ist. ln wie erheblichem Maße aber tatsächlich die jüdische Auswanderung aus Deutschland sich seit Beginn dieses Jahres trotz aller Einwanderungsschwierigkeiten gesteigert hat, geht aus einem Vergleich mit dem entsprechenden Zeitraum des zorigen Jahres herzor. Während in den Monaten Januar bis Jnni 1937 die Melde, stelle 8639 Personen mit he. stimmten A n s w a n d e r u n g s z i e 1 e n erfaßt hat, beläuft sich die entsprechende Zahl für die Monate Jannar bis Jnni 1938 anf 11156 Personen. Das bedeutet eine Steigerung der Auswanderung am rund 30 Prozent. - Bei dieser Gegenüberstellung ist noch unberücksichtigt geblieben, daß, wie oben ausgeführt, die Meldungen für das Quartal April-Juni 1938 besonders unzollständig sind. Die Steigernngsqnote dürfte also tatsächlich eher noch höher sein. Tabelle 2 zeigt, wie in früheren Berichten, die Verteilung der Auswanderung anf die zersebiedenen Auswanderungsziele. Auch hier ist gegenüber dem zorangegangenen Quartal und insbesondere gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres eine erheb- 2. Auswanderungsziele Answsndernngsziel Jiasar— Hin 38 April — Jaai38 In i(tnn t ItiL-Jasi 3(11«.-Juni 37 Prn. °/o Peru % estu. Hitteleuropa teutepa Julias ästiges Asien idalrika ästiges Afrika SJLa.Kua4a geafiniea asilien JsaikieB zgsaj nst Amerika istraiien. Nea- •eeiaai IM SM 18 |1SS7 Ml 17 88 87 II SU 188 111 IX M II 8811X18 X« 8 17* 71 1*7 41 za ii STI 1 1X3 I «7 I 1114 IM 1« IM sa it XXS8 878 1X81 87 188 SX S8 818 2*8 XX8> 8M M IM I I ptsi 1181 XX 811 M 07 XM IM 8 M *8 8 M Zusammen Aos)u4sbathsdiarah „nnbekannt“ od. „aal Keine»' ahgameMet IMS 8 SS1«S8S7 8 «18 SS1«U1M XI 188,1 M 1SS8 8BHMM 18« - 1711 IsSgesant tm tut xmi iztm - lasst t) Darin Paraguay 7«, Chile 36, Peru 28. liehe Veränderung eingetreten. Die Vers zinigten Staaten zon Nordamerika treten in immer wachsendem Maße in deft Mittelpunkt des Answanderangsstrehens» 2