Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-10-01 · 10 (1.10.1938) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
10 (1.10.1938)
Date
1938-10-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/10279739-10021755-10021752--250-3981629
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

mm i i.uiumjn PUR DIK SYNAttOPIN-ttfMIINDCN IN RREUSSEN UND NORDDEUTSCHLAND Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Vollcsaufklärung und Propaganda betr. Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet. Nh 10 Berlin, 1. Oktober 1938 16. Jahrgang Herausgeber: Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden 5 Versöhnung Heimkehrend aus der Synagoge vom Gottesdienst am Versöhnung!tage, soll der Jude am selben Abend noch den ersten Hammerschlag snr Errichtung der Laubbütte tun. War je ein unseren alten, guten Bräuchen sugrundeliegender Gedanke gegenwartsnah und fruchtbar, dann dieser: alle Sühne dient dem Neubau. Hinter uns liegt das Neujahrsfest, Tag des Gerichts, wie einer seiner Namen lautet, und Tag des Gedenkens, wie es auch genannt wird. Vor Uns liegt das Versöhnungsfest, der Tag der Sühne; aber vor uns liegen auch das Laubhüttenfest, das Schlußfest, das Tora-Freudenfest, S’man Ssimchstenu, Festseit unserer Freude, wie diese ganten Feste mit ihrem Sammelnamen genannt werden. Wenden wir von unseren Festen den Blick auf unsere Wirklichkeit — in rückschauendem Gedenken und in banger, aber dock suversichtlicher Vorausschau: gibt es einen aktuelleren Gedanken’ als diesen, daB dem Gericht die Sühne, die Versöhnung folgt und daB diese beiden Neubau und Freude aum Ziele haben?! Viel könnte gesprochen werden über die Sünden der Vergangenheit, Sünden, die eine gante jüdische Generation begangen hat. Und auch darüber wäre viel tu sagen, daB auch in der Gegenwart das Tun und .Lassen sehr Vieler Ton uns noch .in hohem MaBe der Besserung bedarf. Aber als Ganses acheint Israel in seiner heutigen und in seiner jetst heranwachsenden Generation auf dem richtigen Wege. DaB die hinter uns liegende Zeit, der unser Gedenken gilt, eine Zeit des Gerichtes gewesen, haben wir bis in die lernten Verästelungen des beruflichen und familiären Lebens, bis in die leisten Tiefen unseres. Gemüts gespürt; nun halten wir Ausschau und sollen bei allem kommenden Schweren wissen, daB Sübne — Versöhnung bringt, daB alles schwere Geschehen tum Bau neuer Hütten fährt I Et würde gut sein, wenn das hinter uns liegende Neujahrsfest uns teranlaBt hätte, die Sünden der Vergangenheit recht klar ins Auge tu fasten —: wir dürfen sie in der künftigen Zeit, im Heiligen Lande und tot allem in den Ländern der Diaspora- Immigration, nicht wiederholen. Et würde gut Sein, wenn das Vor uns liegende Versöhnungsfest einen jeden yon uns veranlassen wollte, -Mann und Weib, Jung nnd Alt, sieh tu fragen:~„Wie kann ich mich noch bessern; wie kann ich Frohsinn und gute Kräfte unter die Menschen meines Lebenslf reiset und meiner Gemeinde pflansen?!“ Und es wird, vor allem, gut sein, alle" Gedanken darauf au richten, daB wir aus dem Niederbruch solchen Gerichts die Kraft tum Neubau gewinnen! Gewiß, die Schwierigkeiten sind groB, immer neue Hindernisse scheinen sich dem, der answandern will, an türmen. Aber war nieh* auch der Weg unsrer Altverdersn etn Wäg durch die Wüste? Sie haben gsatyrt, und wir, wenn wir in BetigieatmtfeqiM» J 7 und Neubau und Predigt von ihrem Murren hörten, haben sie darob verurteilt. Warum? Weil wir — aus der Schrift — wufiten, was sie vielleicht nicht wissen konnten: daß die Gefahren der Wüste überwunden wurden. Nun, auch unser Weg ist eine Wanderung durch die Wüste, und spätere Generationen werden in den dann vorhandenen Schriften lesen, daB wir ihn tu Ende gegangen sind. Aber sie werden auch wissen, wie wir ihn tu Ende gegangen sind. Möchten wir dann vor ihnen bestehen als ein Geschlecht, das' nicht versagte, das nicht vor den Schwierigkeiten des Augenblickes den Mut verlor, sondern das nach dem Wort handelte: „Gedenke des ganten Weges, den der Ewige dich in der Wüste geführt bat, ... er ließ dich hungern und er speiste dich mit Manna, das du nicht gekannt ... um dich durch Widrigkeiten tu prüfen und um am Ende d i r w o b 11 u t a nu (5. Mos. 8). Schon bauen viele der Unsern im alten. Heiligen Land oder in neuen Ländern ihre neuen Hütten, sind unsagbar glücklich, daB sie bauen dürfen und können. Auf sie laßt uns den Blick richten. Schauen wir in Gedanken, in tiefstem inneren Miterleben, das ihre Briefe und Berichte uns vermitteln, bei ihrer Arbeit ihnen tu, dann muß sogar auch der Trennungsschmers schweigen, muß Freude auch unsere eigenen Kräfte beflügeln: der Gerichtstag, den wir alle erfuhren, war wirkliche Sühne; so ist kein Zweifel, daB eine wirkliche, auf alle unsere Lebensangelegen- ' beiten sich besiehende Versöhnung vom Schicksal uns bestimmt ist; laßt uns darum in allen Häusern und in allen Gemeinden alle Sinne und alle Kräfte auf den Neubau unsrer Hütten richten! Wedawar echad middewarecha achor lo-jaschuw rekam — „und von Gottes Verheißungen bleibt keine unerfüllt“. Laienpredigt zu Jom Kippur Von Dr. Willy Cohn, Breslau Wenn der Herbst ins Land kommt, der Monat Elul seinen Eintug hält, dann gehen die Gedanken nicht aller Juden, aber immerhin doch vieler und heute vielleicht einer größeren Antahl als früher tu dCn Feier. . tagen, die man in der Regel als die Hohen Feiertage beteichnet. Diese Ehrfurcht gebietenden Tage, wie mansie richtiger nennt, pflegen dann in der Regel tu einer gewissen Innerlichkeit tu führen, einer Innerlichkeit, vonder man wünschen möchte, daß sie nicht m der Mitte des Monats Tischri bald abklingt und nachher wieder in den Alltag mündet. Der Höhepunkt dieser Tage ist der Jom Kippur, und wenn die Stunde des Sehlnßgebetes, die Stunde des Neilah-Gebetes ihren Einsug hält, so durchströmt auch die Brust aller derjenigen, die. aus äuBerem Anlaß nur das Gotteshaus aufgesucht haben, etwas wie eine mystische Verbundenheit mit unserem Glauben. Von unsähligen Kanteln und in unsähligen Zungen wird um diese Stunde tu ■ jüdischen Menschen von dem Gedanken des Versöhnungstages gesprochen. Ueberall in (allen fünf Erdteilen rufen Rabbiner tur Umkehr auf und versuchen, den Betern klar tu machen, daB ihr Schicksal in ihrer Hand liegt, daß sie die Verleihung Gottes erringen - können, wenn sie eine wirkliche Umkehr . vornehmen. Es ist nicht meine Aufgabe, das tu sagen, was dem Rabbiner Vorbehalten ist. Gant bescheiden nnr möchte ich das eine oder andere bemerken; was ein Laie sagen kann, dem sein Judentum heißestes Bemühen ist. Unsere Altvorderen pflegten, wenn große ßehiehnikgen über sie kamen, sieh an diesem Tage besonders die Frage veraul egen, inwieweit sie aalbat Sebald an ihrem Schicksal hatten. Alle unsere Gebete, die wir an diesem Tage sprechen nnd von denen man nur wünschen möchte, daß sie nicht nur mit den -Lippen, sondern auch mit dem Herten und mit Verständnis der Seele gesprochen werden, gehen von dem Gedanken aus: „Ich habe gesündigt.“ Und was für das Individuums gilt, das scheint mir auch für unsere Gemeinschaft als Volk au gelten. Wenn man so oft Menschen unter uns begegnet, - die unserem Judenschicksal fassungslos gegenüberstehen, die am liebsten mit Untergangsstimmung für unsere Gemeinschaft darauf antworten, so mag das daran liegen, daB sich nicht alle Juden in dem wünschenswerten Umfange die Frage Vorleben, ob wir nicht als- Gantes gesehen, andere Wege hätten einschlagen müssen, die Wege, wie sie nns in unserer Lehre vorgeseiebnet waren. Der Jude, der Woche für Woche seinen Abschnitt der Tora lernt und das in jedem Jahre aufs neue tut, ist immer wieder davon erschüttert, wenn er liest, daß uns schließlich unser Schicksal vorausgesagt war und* wir es in der Hand hatten, es absuwenden. In den Wochen vor dem Jom Kippur lesen wir das 5. Buch der Tora, in dem in den gewaltigen Abschie,dsreden unseres Lehrers Mose noch einmal all das susammengefaßt ist, was uns Gott durch Moses Mund mit auf den Weg gibt. Und wenn man dann immer wieder liest, daß wir atft Eres Israel, aus dem schönen Lande der Verheißung, wieder entfernt werden, wenn wir nicht die Wege 'Gottes wandeln, dann fragt man sieh, warisat im Laufe seiner vieltausendjährigen Geschichte das jüdische Volk immer wieder die gleichen Fehler begangen hat. Aber in dem Jom Kippur Hegt ja auch ein großer Trost. Es tritt uns ja hier alfeht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.