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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-09-01 · 9 (1.9.1938) · p. Seite 8

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
9 (1.9.1938)
Date
1938-09-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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li. Jfcrgjtlf. 9 Oiw>liiiHlil»ii Nt dk Sy—gog«« 0«wtwd«ii bi Prnntnn/MonidnticliInnJ 1. Iipiinhir WH ■war, jedoch in ungewohnt aufrechter Haitung hinan«. Verwundert blickte er ihr nach. — — Von diesem Tage an veränderte sich unmerklich, aber stetig die Atmosphäre des Hauses, deren Entwicklung ja immer vom Walten der Frau ausgeht. Und die Worte, die zwischen den Menschen gewechselt wurden, waren jetzt nicht nur blutlose Vermittler einer rein äußerlichen Verständigung; sie bildeten vielmehr die stablharte Struktur eines sich langsam steigernden Willens zur entscheidenden Tat, jener Tat, die — angesichts unseres jüdischen Schicksals —- in der absoluten Entschlußkraft schon fast vollendet scheint. —. — Onkel Martin, der gern in Vergleichen sprach, nannte Hanna nun nicht mehr eine „Erinnerung*4, sondern „die erwachende Gegenwart44; er hätte vielleicht besser die „erweckende Gegenwart44 sagen sollen; denn sie war es tatsächlich, — nicht nur für ihren Vater, sondern in erster Linie für Joseph. Durch ihre Wandlung aufgerüttelt, fand er sein inneres Gleichgewicht zurück, fing sich gleichsam auf im Sturz. Er paßte sich den Gegebenheiten an und erlernte ein Handwerk. Hannas Interesse an allem, was er tat, förderte seinen Eifer und damit seine Kenntnisse — nnd half ihm vor allem über die unvermeidlichen toten Punkte der seelischen Umstellung hinweg. Auf Dr. Silbermann übte die wieder-* gewonnene Aktionsfähigkeit seines Sohnes eine in jeder Hinsicht günstige Wirkung aus, und er verhehlte sich nicht, daß dieser belebende Hauch, der sie alle erwärmte, Hannas verändertem Wesen entströmen mußte. Wie war es möglich, daß sich aus diesem, jedem liebevoll-erzieherischen Einfluß entgleitenden Kinde eine Kämpfernatur erhob, die den grauen Geschehnissen der Zeit gewappnet gegenübertrat?! Onkel Martin sah nicht soviel Rätselvoller wie »ein Schwager darin. ..Unkomplizierter als alles44, schrieb er in sein Tagebuch, „ist der sonst so schwer ergründliche Mensch, wenn es gilt, seine natürlichen Abwehrkräfte zu entwickeln; und gerade der Schwache kennt immer wieder am besten das Geheimnis des göttlichen Widerstandes im entscheidenden Augenblick der Gefahr.44 — — Hanna aber entrückte den sie umgebenden Zweifeln ganz* — in der wachsenden Reife der Betrachtung aller Dinge. Sie war das Licht im Chaos der Stunde: für die Ihren — und manchen „Starken44, der das „blitzende «Schwert des Siegers44 mit dem einfachen Stab der „Bereitschaft44 vertauschen mußte. Von Schabbat zu Schabbat L Schabbat —Schoftim“, 3. September 1938. Königtum Gottes. ln diesem Wochenabschnitt finden sich die Vorschriften über Einsetzung und Wirksamkeit eines jüdischen Königs. Im theokratischen Staat war Gott der alleinige Herrscher und König, Aufgabe des menschlichen Königs war , letzten Endes die Repräsentation. Für den König war das Gesetz Gottes oberste Richtschnur des Lebens. „Und es sei, wenn er auf dem Throne seines Reiches sitzt, so soll er sich die Abschrift dieser Lehre auf Pergament schreiben ~. . . Diese sei bei ihm, und er lese darin alle Tage seines Lebens, damit er lerne, den Ewigen, seinen Gott, zu fürchten . . ." 2. Schabbat „Ki texe“, 16. September 1938. Soziale Gesetze (Aus der Sidra). „Dem armen und bedürftigen Tagelöhner, er sei von deinen Brüdern oder ein Fremder, der in deinem Lande, in deinen Toren istr sollst du den Lohn nicht vorenthalten. Am selben Tage sollst du seinen Lohn bezahlen, und es darf darüber die Sonne nicht untergehen; denn er ist arm und wartet mit Verlangen darauf, daß er nicht über dich zum Ewigen rufe und an dir Sünde wäre!“ „Du sollst das Recht des Fremden, der Waise nicht beugen und nicht das Kleid einer Witwe zum Pfände nehmen! Wenn du bei deinem Nächsten irgend etwas pfändest, so sollst du nicht in sein Haus kommen, um sein Pfand zu nehmen. Draußen sollst du stehen bleiben, und der Mann, von dem du zu fordern hast, soll dir das Pfand herausbringen." 3. Schabbat „Ki tawo“, 17. September 1938. Die Erstlinge. Schawuot ist das Fest der Erstlinge. Die erste Aehre und die erste Traube mußte Gott geweiht werden. Vor dem Schawuotfeste versammelten sich im alten Palästina in allen Städten die Menschen, um gemeinsam in feierlichen Zügen nach Jerusalem zu gehen und dem Priester die Erstlinge zu bringen. Im neuen Palästina feiert man wieder das Fest der Erstlinge. Aus allen Siedlungen des Landes kommen die Siedler nach Haifa und bringen ihre Gaben dem Keren Kajemet. Bei der Darbringung in alter Zeit sprach man ein besonderes Dankgebet, das sich am Anfang dieses Abschnittes findet. 4. Schabbat „Nizawim“, 24. September 1938. Verheißung des Trostes (Aus der Haftara). An den sieben Sabbaten nach dem 9. Ab liest man als Haftara in den Synagogen die sogenannten Trostverheißungen. „Und du wirst eine Krone der Herrlichkeit in der Hand des Ewigen sein und ein königliches Diadem in deines Gottes Hand. Es wird nicht mehr zu dir gesagt: Verlassene, und zu deinem Lande Jugend in Von G e o Was heute hier gesagt werden soll, muß eingeleitet werden mit einer Bemerkung, die manchen zum Widerspruch reizen wird, die aber jedermann unbeleidigt lesen möge, weil die nachfolgende Schlußfolgerung und Warnung im allgemeinen Interesse liegt. Der, wie gesagt, vielleicht umstrittene Ausgangspunkt sei die Behauptung: alle Menschen -sind Egoisten — das Wort hier nicht als Schimpfwort gemeint, wie man wohl jemanden zu tadeln pflegt: Pfui, du bist ein Egoist! Sondern vielmehr in jenem tieferen und ernsten Sinn, daß jeder Mensch im Grunde genommen nur von sich selber weiß, nur sein eigenes Fühlen und Wollen kennt; alles, was ich empfinde, wahmehme, weiß und denke, existiert für mich ja schließlich nur dadurch, daß ich es empfinde, wahrnehme, weiß und denke! Wer den Begriff des Egoismus zu diesem alles umfassenden Umfang ausweitet, für den hat das Wort Egoismus seinen herabmindernden, moralkritischen Charakter verloren —: der Egoismus ist gar nichts anderes als die jedem Wesen und darum auch uns Menschen natürliche Lebens* fürsorge. Zu diesem Egoismus hinzu gehört es nun aber, daß der Mensch nicht nur für sich selber sorgt, sondern auch für die Seinen. Indem ich von den „Meinen44 spreche, sage ich ja geradezu, daß sie zu „mir44 gehören; Kalender für Septemb. Do Septbr. 1 Elul 5 Fr 2 99 6 Sbd T* 3 7 Schoftim S«g W 4 8 Mo 5 9 Di 6 99 10 Mi 7 „ 11 Do 8 12 Fr 9 13 Sbd 10 99 14 Ki teze Stg *9 11 99 15 Mo 12 16 Di 13 99 17 Mi 14 99 18 Do 15 99 19 Fr 16 20 Shd 99 17 99 21 Ki tawo Stg 99 18 99 22 Mo 19 23 Di 20 99 24 Mi 21 25 Do 22 99 26 Fr 23 99 27 Shd 99 24 28 Nizawim Stg 25 29 Erew R. Haschana Mo 26 Tischri 1 l.T. Rosch Haschana Di 27 2 2.T. Rosch Haschana Mi 28 3 Zorn Gedalja Do 29 4 Fr 99 30 99 5 wird nicht mehr gesagt: Verödetes; sondern du wirst genannt: Meine Lust an ihr (Chefziba) und dein Land: Vermählte; denn seine Lust hat Gott an dir, und dein Land wird vermählt. — Auf deine Mauern, Jeruschalajim, habe ich Wächter bestellt, den ganzen Tag und die ganze Nacht, nie sollen sie schweigen; die ihr anrufet den Ewigen, euch sei keine Rast.“ Kurt Klappholz. der Fremde rge Goetz für sie zu sorgen, ist also ein Teil meines Egoismus, ja selbst die Liebe von Mann und Frau, von Eltern und Kindern ist in diesem Sinne wie ein „Stück von mir44! Gerade derjenige nun, der dies leidenschaftlich bestreiten möchte, gerade er wird die nachfolgende Warnung als notwendig nd als im höchsten Maße'— aktuell finden. Was?, die Liebe von Mann und Frau, die Liebe der Eltern zu den Kindern soll egoistisch sein?! An dieser empörten Ab* lehnung ist die psychologische Wahrheit richtig, daß uns die Liebe selbstverständlich nicht als Egoismus bewußt ist — denn sonst wäre sie keine Liebe! Und hier nun kommen wir auf den Punkt, über den wir sprechen wollen. Weil die Liebe weder den Liebenden (in unserem Falle: den Eltern) noch den Geliebten (in unserem Falle: den Kindern) als Egoismus bewußt wird, so wissen die Kinder im allgemeinen nichts von der egoistischen Natur der Menkchen! Von der Geburt an waren sie ja umhegt, umsorgt, umtan! Alles ließen die Eltern ihnen zu« kommen, in Spiel und Ernst, für Werktag und Feiertag. Das Kind soll das bequemste Eckchen zum Schlafen, «oll den besten Platz zum Ausgucken, die schönsten Kleider und das größte Stückchen Kuchen haben; es soll viel lernen und klug und tüchtig werden« Kurzum: alle „Interessen44, die das Kind hat, sind das ständige Interesse der Eltern —

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