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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-09-01 · 9 (1.9.1938) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
9 (1.9.1938)
Date
1938-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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1«.JkrgJNr.» Oiwlwlibl»« fr dto tp»gog>»-OMil«d* *n la PfSro/Moidd—»»«hind 1, im KompromiB gesucht werden na6; eie ist herausgewiehsen ave den leitenden Ideen der englisches Geschichte io Anwendung auf ein Land, das noch keine starke Tradition hatte und in dem daher nicht mit Selbstbeschränkung der regierenden Partei sa rechnen war. 4. Dieser englischen Tendern nm Kompromiß wirkt entgegen, daß der Amerikaner eine starke Neigvng hat, .Dinge an Ende su denken, dabei die Voraussetzungen entgegen der Wirklichkeit su vereinfachen, und dann ohne viel Bedenken praktische Folgerungen su sieben. Die amerikanische Politik der leisten Jahrzehnte bietet viele Beispiele Rückschläge entmutigen ihn nicht leicht; der Mensch kamt sein Schicksal gestalten, also versucht man es eben mit einem anderen Weg, wenn der eine nicht sum Ziele geführt hat. Dieser Optimismus der Tat bedingt nicht notwendig eine individualistische Einstellung; mehr und mehr bricht die Auffassung durch, daß viele Probleme vom einzelnen nicht lösbar sind; aber dann kann eben die Gruppe oder die Nation sie lösen. 5. Wenn sich politische oder soziale Schwierigkeiten zeigen, so ist der Amerika- Jähriger 'Praxis und Erfahrung gewonnene Erkenntnis. Naturgemäß muß jede Planung aufhören, wenn die Einwanderungsvorschriften der überseeischen Länder immer enger werden, denn dann ergibt sich, daß der Wanderungsstrom sich von selbst solchen Ländern suwendet, deren Zulassungsbedingungen eine Einwanderung überhaupt möglich machen. Die Organisation der Wanderung bedarf deshalb der dauernden Ueberprufung und Verbesserung. Unserer jüdischen Auswandererorganisation, dem Hilfsverein der Juden in Deutschland, steht eine langjährige Erfahrung zur Verfügung, die dauernd durch die Berichte aus den Einwanderungsländern ergänzt wird. Für die Arbeit des Hilfsvereins auf dem Gebiete der Auswanderung kann es nur die höchste Anerkennung geben, wenn ancb zuweilen der Wunsch sich regt, daß die Planmäßigkeit der Organisation eine Verfeinerung erfahren möchte. Wir haben heute gelernt, daß man im Aaswanderungswesen nur mit höchster Sachlichkeit nützen kann nnd wir wissen, wie verkehrt es wäre» in diese Dinge * jüdisch-weltanschauliche Betrachtungen zu tragen. Auf diesem Felde darf nur die reine Sachlichkeit herrschen, der Aufbau vieler jüdischer Existenzen hangt davon ab, ob die Organisation der Wanderung allen billigerweise an sie zu stellenden Anforderungen entspricht. ★ Iu kurzer Zeit wird das jüdische Jahr 5698 der Geschichte angehören. In allen Gemeinden rüsten sich Juden, das Rosch Haschana-Fest su begeben. Aus unseren Gebeten schöpfen wir immer wieder neue Lebenskraft; die enge Verbindung mit unserer Lehre, die an den Neujabrstagen jedem Juden zum Bewußtsein kommt, lehrt uns, daß der W eg des Juden nur ein jüdischer Weg sein kann. Wer in die Welt wandert, findet überall jüdische Gemeinden, an zahlreichen Orten in Uebersee gibt es auch schon Gemeinden, in denen sich Juden aus Deutschland susammengefunden haben. Sie sehen ihre Aufgabe in der Pflege des religiösen Lebens und in der gegenseitigen sozialen Hilfe. Eine solche jüdische Gemeinde gewährt dem Neueinwanderer Rückhalt, sie zeigt ihm, daß er nicht allein in der Welt ist nnd daß andere jüdische Menschen bereit sind, ihm Unterstützung su gewähren. Aus dieser Hilfsbereitschaft schöpfen wir die Berechtigung zum Optimismus, in ihr sehen wir auch ein Unterpfand der Erhaltung unserer religiösen Gemeinschaft. ner geneigt, sie in der „wickedness“ von Personen an sueken. Wickedness ist unübersetzbar, es bedeutet mehr als Schuld und weniger als Verworfenheit. Diese Tendenz, Individuen für soziale Uebel zur Rechenschaft su sieben, auch wo diese Uebel aus geschichtlichen Verhältnissen herausgewachsen sind, stabt im Widerspruch zu dem humanitären Optimismus des Amerikaners: dem Glauben, daß der Mensch von Natur aus gut ist, daß er durch vernünftige Beehrung nnd Fairness der Behandlung auf deir rechten Weg snrückgeführt werden kann. 6. Der Amerikaner hat einen tiefen Glanben an die Wirksamkeit des Lernens nnd Lehren*. Er fühlt nicht den Verdacht, daß Lernen tote Wissexuanhiufung sein könnte; die amerikanische Schale leidet darunter, daß er dieses Mißtrauen sn wenig kennt. Er fürchtet auch nicht, daß er seine Lebenskraft durch einen Ueberintellektualis» mus gefährden könnte; vielleicht kommt das daher, daß er sehr fiel Lebenskraft in sieh fühlt. Der Widerspruch zwischen Religion nnd Wissenschaft ist zwar bekannt, führt aber (trotz des berühmten Affenprozesses in Dayton) su verhältnismäßig wenig Konflikten, weil der Schwerpunkt des Religiösen von den führenden kirchlichen Kreisen nicht mehr auf Dogmatik, sondern auf Sosialethik gelegt wird. 7. Der Amerikaner ist kein Materialist, wenn man darunter einen Menschen versteht, dem es vor allem ums Geld su tun ist. Materielle Motive werden vielleicht mehr sngestanden als anderswo, was aber nicht heißt, daß sie stärker sind. Der amerikanische Snob lebt in seinen eigenen Kreisen; dem Multimillionär gibt die Vielzahl seiner Millionen eine Ueberlegenheit unter Millionären; bei den Massen trägt sie ihm mehr Haß als Ansehen ein, wenn er das nicht durch besondere persönliche Eigenschaften oder durch besonders geschicktes Auftreten auszugleichen weiß. Die Summen, die für Zwecke eines „unpraktischen“ Idealismus ausgegeben werden, sowohl von privaten wie von den öffentlichen Kassen unter Billigung der Steuerzahler, sind auch im Verhältnis zum Reichtum des Landes ungeheuer. Der Wert alter Familienbriefe für die Erkenntnis der Entwicklung unserer Gemeinschaft kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sicherlich geht in diesen Zeiten des Aufbruchs manches wertvolle Dokument verloren, das späteren Geschlechtern von der Entwicklung der Juden im 19. und 20. Jahrhundert hätte künden können. Die nachfolgenden Briefe stammen aus vier aufeinanderfolgenden Generationen einer Familie. Sie sind nicht verändert, nur Persönlichstes nnd die Namen sind weggelassen. In einer kleinen Vorbemerkung ist jeweils das Notwendigste za der Erkenntnis der schreibenden Menschen gesagt. Die Urgroßmutter schreibt an ihre Tochter: Die Schreiberin dieses Briefes war die Frau eines in einer ostdeutschen Großstadt ansässigen sehr angesehenen Buchhändlers, der gleichzeitig Hofmusikalienhändler, Stadtverordneter und KönigL Kommissionsrat war. Sie selbst stammt atu einer noch mehrere Generationen rückwärts nachweisbaren Familie. Das Milieu, aus dem sie selbst stammt, und das Milieu ihres Mannes war ein völlig assimiliertes. 8. Der Amerikaner liebt das quantitative Denken; darin mag. man eine Verwandtschaft zum Materialismus entdecken. Er schließt manchmal die Augen vor Dingen, die sich nicht quantitativ ausdrücken lassen. Das bewirkt, daß im typischen Weltbild de« Amerikaners sehr wesentliche Züge fehlen. Auf der anderen Seite gibt es seinem Denken ein hohes Maß von Klarheit nnd Ehrlichkeit, weil eben der Verzicht anf den Ausdruck des nicht quantitativ Erfaßbaren auch viele Schlupfwinkel geistiger Unehrlidikeit verschließt. 9. Der Amerikaner ist äußerlich formlos, aber er ist sehr darauf bedacht, die Gefühle seiner Mitmenschen zu achten. Er respektiert die Lebensphäre des anderen. Er will ihn nicht mit seinen eigenen Sorgen belasten, soweit es nicht unbedingt erforderlich ist, und hat auch eine Abneigung, tiefe Gefühle zu zeigen. Das wirkt oft «ehr wohltuend, aber macht es schwierig, menschliche Beziehungen zu vertiefen. Zusammen mit dem geringen Verbreitungsgrad einer Kultur des Gesprächs führt die Zurückhaltung oft su einer Oberflächlichkeit des geselligen Leben«, die der Qualität der Menschen nicht entspricht. Die Folgen sind teils grobe Veräußerlichung der Geselligkeit (Verbreitung der Gesellschaftsspiele unter Erwachsenen), teils übermäßige Intellektualisierung (Klubvorträge, oft schweren Kalibers, statt wirklichen Gesprächs). 10. Man kann diese Dinge vielleicht am besten so zusammenfassen: Der Amerikaner lebt in der geistigen Welt des 19. Jahrhunderts, obwohl er über die Maschinen nnd technischen Bequemlichkeiten des 20. in vollständigerer Weise verfügt als der Bürger irgendeines anderen Landes. Der Amerikaner ist unter der Decke von Technik, Konvention und Wettbewerb ein sehr natürlicher Mensch, mit starken Instinkten der Hilfsbereitschaft. Er ist in jedem Sinn jünger als der Europäer, d. b. er bat größere geistige Stoßkraft, aber seine Haltung zu vielen Lebensproblemen erscheint dem Europäer als ein Ausdruck von Unerfahrenbeit. Dem elementaren Willen zur Bildung fehlt vielfach noch das Wissen um die richtigen Zugänge. Geliebte G . . . ... etwa 1882« Du hast gestern einen so ausführlichen Brief von Papa gehabt, daß Du nicht besorgt gewesen sein wirst, wenn ich Dir nicht geschrieben habe. Bei uns ist G. s. D. alle# munter nnd wir treffen Vorbereitungen d. h. Beratungen wie wir den Sylvesterabend verleben können. Wahrscheinlich wird es eine Schüsselföte sein wie vor drei Jahren, oh wir uns aber so gnt dabei amüsieren, das ist die Frage. Daß es Dir, meine geliebte Gretel, dort sehr gnt gefällt, entnehme ich aus Deinen Zeilen, ich hoffe auch, daß Du jetzt durch . . . manches genießen wirst, z. B. oft einmal ins Theater kommen wirst. Liese! und Siegfried waren an beiden Feiertagen im Theater, gestern Abend waren wir snbanse en famille, 1L, J. n. L. und heute Abend sind sie bei Rechtsanwalt F. mit Rechtsanwalt H. zusammen. Liepel wollte Dir aueh schreiben, die Besuche aber nehmen kein Ende, wir sind selten ein Ständchen allein. — Bertha .... wird Dir, sofern Du sie schon gesprochen, gewiß viele Grüße gebracht haben, Ihre Ferienzeit läuft auch bald ab. Wir haben heute Schneiderei« Liesel laßt sich ihr grüne# Kleid wieder hs Ordnung bringen, wir haben dieenergische Zeitwandel in Briefen Aus jüdischen Briefen von vier Generationen Von Stndienrat a. D. Dr, Willy Cohn, Breslan 2

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