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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-09-01 · 9 (1.9.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
9 (1.9.1938)
Date
1938-09-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE SYNAGOGEN-GEMEINDEN IN PREUSSEN UNO NORDDEUTSCHUN0 Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda betr. Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet. Nr. 9 Berlin, 1. September 1938 16. Jahrgang Herausgeber: Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden Wanderung Alle Gespräche in jüdischen Familien haben das Thema der Auswanderung tum Gegenstand. Es ' gibt keine Frage, die aktueller wäre, keine, deren Einzelheiten stärkeren Widerhall in jüdischen Kreisen auslöst. Die Briefe bereits ausgewanderter Angehöriger werden lebhaft besprochen, am nachhaltigsten die Stellen, in denen von den Aussichten in den Ländern der Welt die tiede ist. Im' Mittelpunkt steht die Anforderung ' öder * * das Affidavit, von vielen gewünscht, aber nur verhältnismäßig wenigen erreichbar. Mit banger Sorge liest man Nachrichten über die Versdiärfung von Einwanderun'gsbestimmungen in diesem oder jenem Lande, und manche Pläne, die schon sorgsam auagearbeitet auf dem Tische lagen, müssen überprüft und verändert werden. Unbeugsam ist der Optimismus jüdischer Menschen, die swar sehen, wie die Wege in die Welt sich verengen, die aber dennoch aus jeder tröstlichen Nachricht Mut zu neuen Plänen schöpfen. Mit außerordentlichen Hoffnungen haben alle auswanderungswilligen Menschen . der Konferenz von Evian entgegengesehen. Mochte diese Beratung auch zunächst viele Erwartungen enttäuschen, man war überzeugt, daß im ständigen Komitee in London sich eine Möglichkeit zu praktischer Hilfeleistung ergeben würde. Es ist verständlich, daß im Bereiche der Wanderung Hilfe nur in der Oeffnung von Grenzen bestehen kann. Unter solchen Umständen mußte es enttäuschen, daß nach der Konstituierung des ständigen Büros in London sich eine Versteifung der' 'Ejhwinderungssituation ergab. Man versteht, daß die Verhandlungen mit den Emwanderungsländern eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen und hält deshalb die Erwartung aufrecht, die künftige Entwicklung werde den Optimisten recht geben. Der* amerikanische Hauptdelegierte Myroh Taylor hat. einen Plan entwickelt, nach welchem innerhalb eines Zeitraums von 5 bis 6 Jahren etwa 500 000 Personen zur Auswanderung gebracht werden sollen. Man denkt, daß auch im Bereiche der tatsächlichen Gegebenheiten von einer so 'großzügigen Konzeption ein wesentlicher Bestandteil für die wirkliche Durchführung, übrig bleiben wird. ★ Die Spezialisten auf dem Gebiete des Auswanderungswesens diskutieren nach wie vor die Frage, welche Form der Ein« Wanderung die bessere ist. Die Konferenz von Evian hat sich?für die ^infiltrierte44 Einwanderung entschieden und die . Inangriffnahme der Gruppenwanderung einem späteren Zeitpunkte Vorbehalten. Auch ein so hervorragender Fachmann wie Sir John Hope Simpson 'gibt in seinem soeben erschienenen Bericht der Infiltration den Vorzug. Seiner Meinung nach ist Kolonisation in. einem noch nicht entwickelten Siedlungsgebiet nur gradweise durchführbar und deshalb notwendig ein langsamer Prozeß, zu dessen Vollendung Generationen erforderlich sind. Es ist aber die Essenz der Einwandererfrage, daß eine Lösung für die erste Generation nötig ist und die Dringlichkeit der Situation erfordert rasche Entscheidungen und die schnellmögliche Eingliederung der beteiligten Einwanderer. Es ist, darin ist Sir John Hope Simpson zuzustimmen, naturgemäß leichter, eine große Zahl von Einwanderern in die Wirtschaft zahlreicher Länder einzugliedern als etwa die gleiche Anzahl geschlossen auf einem noch nicht kultivierten Gebiet anzusiedeln. Die Frage ist nur, ob die Länder sich in der Tat entschließen werden, Einwanderer in dem notwendigen Umfange und mit der erforderlichen Beschleunigung aufzunehmen. Nur in diesem Falle verdient die infiltrierte Einwanderung den Vorzug. Sie muß ihn jedoch einbüßen, wenn die Aufnahmebereitschaft der Länder immer geringer wird und nur vorübergehend anwächst. Man darf nicht übersehen, daß die Gruppenwanderung demgegenüber Vorzüge hat, die sich zugunsten der answanderungsbereiten Menschen auswirken. Sie kommt von- Anfang an einer größeren Anzahl Auswanderer zugute, ihr Umfang wächst mit der Zeit, sie kann mit den Jahren höchstwahrscheinlich sehr viel mehr Menschen absorbieren als es die Einzelwanderung vermag. Ob die Gruppenwanderung sehr viel< kostspieliger ist, hängt von den Gebieten ab, die für sie zur Verfügung stehen. Sie hat aber unleugbar einen Vorteil gegenüber der Einzelwanderung, sie kann nämlich auch Menschen mit Berufen aufsaugeo, die bei der infiltrierten Einwanderung keine Aussicht haben, sich einzuordnen. Wenn man das jüdische Wanderungsproblem betrachtet, tut man immer gut, es im Zusammenhang mit der Berufsschichtung der Juden zu beurteilen, wobei man auch noch den Altersaufbau der jüdischen Bevölkerung in Betracht zu ziehen hat. Die Konferenz von Evian hat diese Tatsache anscheinend nicht übersehen, denn sie hat den europäischen Ländern empfohlen, jüdischen Einwanderern zum Zwecke der Berufsumschichtung vorübergehenden Aufenthalt zu gewähren. Diese Frage ist bei der Infiltration ungemein wichtig, weil der einzelne Einwanderer bei der Landung im überseeischen Lande sich selbst überlassen ist und den Chancen, die ihm Beruf und sprachliche Kenntnisse gewähren. Je besser er sprachlich und beruflich ausgerüstet ist, desto großer sind die Aussichten für den Einwanderer, eine Beschäftigung zu erlangen. In der Praxis wird es demnach weniger auf die Entscheidung für die eine oder die andere Form der Einwanderung ankommen, viel wichtiger ist die Beschleunigung der Wanderung an sich und die aystematisehe Vorbemerkung: Der „Hilfsverein der Juden in Deutschland e. V/* hat ein neues Heft seines Korrespondenzblattes „Jüdische Auswanderung“ herausgebracht. Das 9S große Quartseiten umfassende Heft, dessen Anschaffung wir jedem Leser empfehlen möchten, behenden in der Hauptsache die Vereinigten Staaten von Amerika, daneben Cuba und die Philippinen. Dfe Darstellungen beweisen eine erstaunlich umfassende Kenntnis aller, aber auch wirklich aller Einzelheiten. Wir bringen Im Nachfolgenden eine Abhandlung „Bedingungen der geistigen Einordnung“ zum Abdruck Die Redaktion. 1. Der Geist Amerikas wird vom Mittelstand bestimmt, zu dem, materiell wie psychologisch, ein erheblicher Teil der gelernten Arbeiter gehört. Schon zahlenmäßig ist dieser Mittelstand größer als in den meisten anderen Ländern; an Einfluß übertrifft er bei weitem die reiche wie die proletarische Schicht. 2. Trotz aller Verschiedenheit der Herkunft ist dieser Mittelstand in seiner Lebensauffassung wesentlich englisch; die Assimilationskraft des Angelsachsentutns auf dem amerikanischen Kontinent, verstärkt durch ein dichtmaschiges Nets von Schulen, Volksbibliotheken und Einrichtungen der Erwachsenenbildung, hat Wunder getan. Gewiß will man die Unabhängigkeit von England deutlich unterstreichen, und Mißtrauen gegen England ist durchaus häufig, aber das wird mehr als Meinungsverschiedenheit zwischen Familienmitgliedern empfunden. Im Grunde betrachtet man die englische Geschichte als einen.Teil der eigenen, und siebt Europa wesentlich durch englische- Augen. Das gilt für die Nachkommen polnischer Juden nicht weniger alsfür die von Deutschen, Skandinaviern und Franzosen. Im Westen fängt es sogar an, für die zweite Generation von Japanern und Chinesen zu gelten! , r * f . ' i 3. Englisch ist am Amerikaner vor allem die Bereitschaft >um Kompromiß, in privaten wie in Öffentlichen Dingen..'Die amerikanische Verfassung ist aufgebaut auf dem Prinzip, daß zwischen Präsident,*-Parlament und Oberster - Richterschaft ein dauernder Ö r g a n i s a t ion mit ■ dem Ziele, die Angehörigen aller nur irgendwie ii> Betracht kommenden Altersgruppen an der Auswanderung zu beteiligen. ★ Zu diesem Zwecke ist eine systematische Organisation der Auswanderung erforderlich und eine sehr enge Verbindung zwischen den jüdischen Auswanderungsorganisationen hei uns und den entsprechenden jüdischen Hilfsorganisationen im Aaslande. Die Forderung nach Planmäßigkeit der Wanderung ist ganz gewiß kein theoretisches Prinzip; ipndern eine aus lang-

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