Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 16 (1938)
- Issue
- 8 (1.8.1938)
- Date
- 1938-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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14. Jfcrg./Ilr. i ffir dt« lynagofl«« Otüihidtw I» M«t«i/Nordd»iticMi«d t AigMlt tfN „allen körperlich und geistig gesunden Menschen offen“ und auch die Juden seien hiervon nicht ausgenommen. Tatsächlich werden auch Einwanderungsvisa für Bolivien erteilt, sofern der Nachweis eines Kapitals von Goldmark 300.— bis 400.— erbracht werden kann. Doch sind bezgl. der Aufnahmefähigkeit des Landes vor allem zwei Gesichtspunkte au beachten: in wirtschaftlicher Hinsicht verbietet die geringe Bevölkerungsdichte des Landes und die sehwache Kaufkraft der großen Mehrheit die Ausübung fast aller Berufe, die eine entwickeltere Volkswirtschaft voraussetzen. Möglichkeiten sind in erster Beihe — dem Mineralreichtum Boliviens entsprechend — für Bergbau-Ingenieure, Geologen, Metallebemiker und verwandte Berufe gegeben. Gewisse Aussichten liegen außerdem für Handwerker und Landwirte vor. Ein wesentliches Hindernis für die Einwanderung nach Bolivien besteht in der Die Zahl der in der Erühzeit der jüdischen Einwanderung nach Amerika — d. h. am Anfänge des 19. Jahrhunderts — aus der neuen Heimat nach den europäischen Ländern gerichteten und durch pietätvolle Aufbewahrung oder auch durch Zufall für die Nachwelt erhaltenen Briefe ist bedauerlicherweise verschwindend gering. ieles, was für allgemeinkultur- und sozialgeschichtliche Erkenntnisse, besonders aber auch für unsere Kenntnis geistiger und wirtschaftlicher Vorgänge in der neuzeitlichen geschichtlichen Entwicklung der Juden als lebendes Zeugnis bedeutungsvoll sein könnte, ist verlorengegangen. Besonders Veröffentlichungen jüdischer Briefe aus Amerika nach Deutschland aus früheren Zetten sind kaum vorhanden, und der Bericht, den eia Mitglied der Berliner Familie Bleichröder bald nach seiner Ankunft in New York im Sommer 1807 an seine Verwandten in Deutschland sandte, ist nur dadurch dem Schicksal des Verlorengehens entgangen, daß er schon 1809 jn der Berliner Jüdischen Zeitschrift „Hameassef44 veröffentlicht wurde. Bei diesem Mangel an zeitgenössischen Quellen für ein gerade in unserer Zeit besonders aktuelles Kapitel jüdischer Wanderungsgeschichte darf nicht nur auf wissenschaftliches, soudem ebenso auf allgemeinjüdisches Interesse ein Aufsatz rechnen, den der früher an der Universität Halle tätige und jetzt in Amerika wissenschaftliche Forscherarbeit leistende Professor* Guido Kisch vor einiger Zeit veröffentlicht bat (Puhlications öf the American Jewish Historical Society. Number 34. Philadelphia 1937). In diesem Aufsatz macht uns Kisch mit Briefen und Aufzeichnungen eines vor 120 Jahren aus Deutschland nach den Vereinigten Staaten aiisgewanderten Juden bekannt. September 1818 fährt der damals zweiundzwanzigjährige Wolf Samuel aus Brackenheim in Württemberg nach Amerika/ Es ist das Jahr, in dem, wie wir wissen, eine große Anzahl seiner Landsleute sich jenseits des Ozeans eine neue Heimat suchten. Die Schreiben, die Wolf Samuel an seine Eltern nach Massenhachhausen bei Heilbronn am Neckar und seine dort lebenden Freunde, Herrn Lekusch Moises und Mohul Gumbl, richtete und in denen er seine Reise über den Ozean, seine ersten Eindrücke in Amerika und seine Erfahrungen in der neuen Wahlheimat schilderte, sind nie an die Adressaten gelangt. Professor Kisch fand sie außerordentlichen Höhenlage des größten Teiles des Landes. Die überwiegende Bevölkerungsmehrheit lebt in einer Höhe von über 3000 m; die Hauptstadt La Paz liegt etwa 3600 m hoch. Derartige Höhenlagen stellen außerordentliche Anforderungen an die inneren Organe, insbesondere Herz und Lunge, so daß für die Auswanderung nach Bolivien nur junge und kräftige Menschen in Frage kommen. Gewisse Teile Boliviens liegen allerdings erheblich niedriger, doch ist noch nicht zu ersehen, wie weit diese praktisch für die Kolonisation in Frage kommen. Die wirtschaftliche Lage Boliviens ist z. Zf. nicht ungünstig. Auswanderungswillige werden in ihrem eigenen Interesse dringend ersucht, sich zunächst beim Hilfsverein beraten zu lassen, worauf auch auf Seiten der bolivianischen Konsulate Wert gelegt wird. Die Erteilung des bolivianischen Visums dauert mehrere Monate. in einer Autegi'aphensammlung, und wir sind ihm Dank schuldig, daß er diese nach Form und Inhalt für uns gleich wertvollen Dokumente veröffentlicht hat. Wolf Samuels Briefe sind in deutscher Sprache, und zwar teils in hebräischen, teils in deutschen Lettern geschrieben. Es entbehrt nicht eines besonderen psychologischen Reizes, daß auch in den Aufzeichnungen in hebräischen Buchstaben sich in der Schreibart der schwäbische Dialekt des Schreibers, wie er ihn daheim zu sprechen wohl gewohnt war, deutlich ausdrückt. An Bord des Holländischen Schiffes „Vrouw Elisabeth44, mit dem Wolf Samuel — später nannte er sich William Samuel — im Herbst 1&18 Europa verließ, befanden sich 96 Passagiere, darunter sechs Juden. Vor der Abreise hatte Samuel dem Kapitän des Schiffes das Passagiergeld in Form eines Wechsels bezahlt, der sich gleichfalls bei den gefundenen Papieren befand. Er lautete: Amsterdam, 6. July 1818 für f. 190 Agt Tage nach Ankunft in America zahle ich gegen diesen sola~Wechselbrief an die Ordre Herrrn F. Krebs & Zoon die Summa van Einhondert Neintzig Guldens. Werth Empfangent und unterwerfe mich denen Gesetzte der Amerikanisch Staaten. Wolf Samuel. Für uns an die Ordre des Capitains Hendrik Bredero, Amsterdam 5. Sept. 1818 F. Krebs & Zoon Voldaan an Bord, den 10. Maart 1819. H. Bredero Fxhibited the 10. March 1819 William Samuel. Laur. Thomson Ueber Cadiz in Spanien fuhr das Schiff nach Baltimore, und von Spanien aus hrMuchte es noch fünf Monate bis zu seiner Ankunft am Ziel. Die ganze Reise dauerte mit einem 14tägigen Aufenthalt in Cadiz, wo Juden damals nicht von Bord gehen durften, sieben Monate. Von der Fahrt gibt Samuel „seinen lieben und unvergeßlichen Eltern, Geschwistern und Cousins, sie sollen leben!44 ein anschauliches und lebendiges Bild. Als gleich hei Beginn der Reise einen Monat lang völlige Windstille herrschte und die L«b+nub+nd — I / *mwd Ub«nsmorg«n „kleine Kreise" suchen ein sonniges Plätzchen Aufn. (2): Sonnenfeld Passagiere keine Hoffnung hatten, das Land ihrer Sehnsucht zu erreichen, mußte der Kapitän einen englischen Hafen anlaufen. Ein günstiger Zufall fügt es, daß es der erste Tag Sukkot ist, an dem das Schiff Anker wirft, und in der kleinen englischen Hafenstadt Fallmouth gehen Samuel und seine Glaubensgenossen in die Synagoge, um den Feiertag zu begehen. In Amerika angelangt, verdingt sich Samuel als eine Art Aufseher in den Plantagen seines Arbeitgebers in Pearh Bottom in Pennsylvanien. Was er hier erlebt, wie er bezahlt wird, wie er schwer arbeiten muß und ausgenutzt wird, wie er unter der schlechten Behandlung leidet, aber sich doch schließlich zu helfen weiß, indem er sich nach zweijährigen Mühen und Plagen an die Behörden Beschwerde führend wendet, all das berichtet er nach Hause. Wer Gelegenheit hat, die Veröffentlichung Kischs zur Hand zu bekommen, der sollte nicht verfehlen, sie zu lesen. Wolfs Schilderungen, die frei sind von allem literarischen Ehrgeiz, und die in ihrer Natürlichkeit und Lebendigkeit die Zielstrebigkeit und Energie ihres Verfassers zeigen, werden gerade in unserer Zeit des Wanderns und des Suchen« nach neuen Aufhaumöglichkeiten einem Juden viel geben. Für die Treue und Anhänglichkeit Wolfs an seine alten Freunde aber sei ein Schreiben mitgeteilt, das, wie ick glaube, in einer besonderen Sprache zu uns allen sprechen wird: An meine Unvergessliche Kamratten! Liebe Kamraten! Ich muß euch schreiben, daß ich euch 3 Monat habe Ein jüdischer Auswandererbericht vor 120 Jahren Von Dr. Ernst Fraenkel 4