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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-08-01 · 8 (1.8.1938) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
8 (1.8.1938)
Date
1938-08-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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14. JfergJNr.S. 1. Aagmt Itll IttditchM 0,wh*d,bUt1 für dl« SyBagog*ii-G*n«iiKl«fl In Pr*aft*a/Nordd•ätschl«nd Erleichterung der Auiwanderung. Nach ■chwierigen Vorarbeiten ist rot kursem mit der Durchführung der Knrae begonnen worden. Zur finanuiellen Lage dea Landearerbandea ist au aagen, daß ea auch im laufenden Geschäftajahr bisher gelungen ist, den Verpflichtungen des Landearerbandea ohne jede +> Stockung nachsukommen. Dies ist in der Hauptsache darauf aurückzuführen, daß die Mitgliedsgemeinden ihrer Beitragspflicht im großen und ganzen durchaus zufriedenstellend nachgekommen sind, was angesichts der schwierigen Situation der Gemeinden gerade in wirtschaftlicher Hinsicht sehr anzuerkennen ist. Bilanz von Evian Gtz. Wie tich viele Wochen vorher «Ile Hoffnungen auf die Evian-Konferenz gerichtet hatten, 90 bildet «ach jetzt die Frage nach dem Wert der Konferenz-Ergebnisse den Gegenstand leidenschaftlicher Erörterungen. „W as ist dabei herausgekom* men?44 wird gefragt, and nicht sehen geschieht es im Tone der Enttäuschung. Demgegenüber muB gesagt werden: wenn es wirklich Leute gegeben hat, die da meinten, unmittelbar nach der Konferenz werden alle Schwierigkeiten weggeaaubert sein und man brauche nur ansutelefonieren, um für sich und seine Familie Affidavit, Visum und Bordticket sowie einige andere Annehmlichkeiten frei ins Haus geliefert zu erhalten, so legt eine derartig extravagante Phantasie zwar ein ebenso beredtes wie schönes Zeugnis von dem alle Realitäten wegschwemmenden Auswanderungswillen unserer Menschen ab, aber die Konferenz von Evian ist wahrlich für diese weltfremden Hoffnungen und ihre Nichterfüllung nicht verantwortlich. Alle ernsthaften Erwartungen, die man an sie stellte, mußten billigerweise von der Frage ausgehen, was angesichts der in den Einwanderungsländern bestehenden realen Verhältnisse ' von der Konferenz überhaupt erwartet werden durfte. Die Klarblickenden sind sich darüber einig, daß bei solcher — der einzig berechtigten — Fragestellung aller Anlaß zu Dankbarkeit und Zufriedenheit gegebep ist. Dabei ist noch hervorzuheben, daß man der Konferenz nicht gerecht wird, wenn man glaubt, ihre Atmosphäre sei nur sachlich und nur nüchtern gewesen. Diejenigen unter uns, die so gern auf das Wunder warten, mögen sich nur die Frage vorlegen, ob es nicht in der Tat etwas Großes ist, daß, wie ein Berichterstatter schreibt, »der Präsident der Vereinigten Staaten selbst sein großes politisches und persönliches Prestige in die Wagschale geworfen hatte: diese Konferenz durfte kein Mißerfolg werden44, und daß deshalb auch der amerikanische Delegierte und Konferenzpräsident Taylor die Verhandlungen mit unermüdlicher Aktivität vorantrieb. Tätige Hilfsbereitschaft war gleicherweise das Motiv wie auch der Grundton dieser Konferenz. Aber nun galt es, aus solcher Haltung heraus die Wirklichkeit au meistern, und das Ergebnis kann dahin zusammengefaßt werden, daß es ganz zweifellos zu einer bedeuten* den Steigerung der Auswan* derung kommen wird. Zu diesem, man möchte sagen: realistischen Optimismus ist man berechtigt, wenn man sich vor Augen hält, daß die Konferenz im Grunde genommen an ihrem Schlußtage, dem 15. Juli, nicht geschlossen worden ist. Sie hat sich vielmehr in Permanenz erklärt, indem sie ihre Tagung zwar beendet, aber zugleich ein ständiges Büro gegründet hat, das bereits am 3. August in. London seine Arbeiten aufnehmen wird und zur Aufgabe hat, durch seinen beamteten Direktor »Verhandlungen zu führen mit dem Ziele, die gegenwärtigen Auswanderungsverhältnisse zu verbessern und an ihre Stelle eine geordnete Auswanderung zu setzen. Er soll weiter an die Regierungen der Zufiuchts- und Niederlassungsländer herantreten, um die Möglichkeiten für eine dauernde Niederlassung auszubauen.44 Mit anderen Worten: der Konferenz selber hatte noch kein systematischer Auswanderungs- Plan Vorgelegen, und bei der Geschwindigkeit, mit der sie einberufen war, konnte er ihr gar nicht vorliegen; sie mußte sich daher mit gewissen, zum Teil sogar auch schon Einzelheiten berührenden Empfehlungen begnügen; das neue Büro aber wird nun den genauen Plan aufstellen und seine Aufgabe darin sehen, ihn durchzuführen. Die Richtung, in der sich dieses Programm erstrecken wird, ist aus den Konferenzverhandlungen bereits erkennbar. Die Gesichtspunkte, nach denen wir Juden unsere große Wanderungsbewegung einteilen und die auch in den Denkschriften zum Ausdruck kommen, die die verschiedenen großen jüdischen Organisationen der Konferenz eingereicht hatten, lassen sich in drei Gruppen einteilen: Palästina, Gruppensiedlungen, Einzelwander u n g. Es lag von vornherein im Wesen der Evian-Konferenz, daß die Palästina- Wanderung dort kein Hauptverhandlungspunkt sein konnte. Trotzdem aber darf bedauert werden, daß über diese Frage allzu wenig und nur erst in der Schlußsitzung gesprochen wurde. Der Obmann der britischen Delegation, Lord Winterton, wies zunächst die Meinung zurück, daß das Gesamtproblem der jüdischen Wanderung einfach durch die Oeffnung der Tore Palästinas gelöst werden könne. Andererseits erkannte Lord Winterton für die Mandatarmacht die Verpflichtung an, die jüdische Einwanderung unter angemessenen Bedingungen zu erleichtern. Die Einwanderung sei seitens der Mandatarmacht nie eingestellt worden; die durch die Unruhen erforderlich gewordenen Einschränkungen seien eine rein vorübergehende Maßnahme. Allerdings hätten die Verhältnisse in Palästina eine grundlegende Aenderung im politischen Status des Landes notwendig gemacht, so daß — mit diesem offensichtlichen Hinweis auf den britischen Palästina-Teilungsplan, schloß Lord Winterton diesen Teil seiner Ausführungen — Palästina eine Sonderstellung habe und nicht im Rahmen des allgemeinen Problems der Eviankonferenz betrachtet werden dürfe. In den bereits erwähnten Vorschlägen, die von jüdischer Seite der Konferenz unterbreitet worden waren, spielt der Gedanke der Gruppensiedlung eine hervorragende Rolle, ebenso wie er derzeit ja auch ein Lieblingsthema der jüdischen Presse ist. Die Evian-Konferenz ist dieser Anregung noch nicht gefolgt, jedenfalls noch nicht in konkreter Form. Man kam zu dem Ergebnis, daß weder die Einwanderungsländer noch die jüdische Berufsstruktur den Bedingungen entsprechen, die die. Voraussetzung für jüdische Massenkolonisation zu bilden hätten. Diese Stellungnahme bezieht sich auch auf die Einwanderung nach Kenya, die seit kurzem im Vordergründe des jüdischen Interesses steht. Lord Winterton, der seiner Erklärung über Palästina eine solche über Kenya anfügte, teilte der Konferenz mit, daß der Bericht des von der britischen Regierung nach Kenya entsandten Experten günstig sei, daß aber die jüdische Einwanderung dorthin nicht den Charakter einer Masseneinwanderung tragen werde. — Nichtsdestoweniger lassen einige Einzelheiten der Lord Wintertonschen Erklärung die Meinung zu, daß gewisse Ansatzpunkte für die Weiterbearbeitung des Problems der Massensiedlung dennoch gegeben sind. Nach alledem brauchen wir Juden dem* nach den Gedanken der jüdischen Massensiedlung keineswegs aufzugeben; es wird im Gegenteil Aufgabe der jüdischen Stellen sein, die Voraussetzungen für die Verwirklichung dieses Gedankens zu schaffen. Einstweilen liegt das noch in der Zukunft, und im Augenblick ist die größtmögliche Steigerung und die planmäßige Lenkung der Einzelwanderung die einzige sich uns bietende praktische Lösung. Ihr wird daher die Haupttätigkeit des neuen Londoner Büros gelten, oder, wie man mit einem durch die Evian-Konferenz populär gewordenen Fachausdruck sagt: der landwirtschaftlichen und industriellen Infiltration. Hierbei wird die Kolonisationsarbeit der ICA in vieler Hinsicht als Vorbild dienen. Und es ist mit dieser Entscheidung für eine der drei Hauptarbeiten auch sehr viel gewonnen. Hat doch der Verlauf der Konferenz erwiesen, daß die Vertreter mehr als eines Landes, die bei der Eröffnungssitzung in einem für uns Juden äußerst pessimistischen Sinne sprachen, xbei der Erörterung der Einzelfragen in den verschiedenen Fachausschüssen ihre Ansicht über die bestehenden Möglichkeiten änderten, so daß am Schluß der Konferenz sich ein hoffnungsvolleres Bild ergab: es ist unbezweifelbar, daß ein beträchtlicher Teil der in. Evian beteiligt gewesenen Regierungen im Verlauf der nun zu erwartenden Verhandlungen mit dem doch eben von diesen selben Regierungen eingesetzten Londoner Büro die Einwanderungsbestimmungen lockern und die Seßhaftmachung geeigneter jüdischer Einwanderer in größerer Zahl ermöglichen wird. Es besteht ferner feste Aussicht, daß einige europäische Lander, die selbst nicht für größere Einwanderung in * Betracht kommen, den jüdischen Ueberseewanderern vorübergehenden Aufenthalt gewähren werden, bis diese sich in der für die Ueberseewanderung erforderlichen Weise beruflich vorbereitet haben. All das sind neue, bisher nicht vorhanden gewesene Ansatzpunkte.. Erwägt man, daß ja auch bei den in der.Zeit von 1933 bis jetzt ausgewanderten etwa 150 000 Juden die Einzelwanderung die bei weitem vorherrschende Wanderungsart darstellt, so kann kein Zweifel sein, daß die nunmehrige, durch das Londoner Büro in Arbeit genommene planmäßige Lenkung und systematische Förderung zu einer Steigerung der Auswanderung führen wird, die das Ziel auch aller jüdischen Wünsche und Anstrengungen bildet und weiterhin bilden wird. EtnmanderungsmöQlidikeiten nadi 'Bolivien Der „Hilfsverein der Jaden in Deutschland44 teilt Folgendes mit: Bisher war eine jüdische Einwanderung nach Bolivien nur in seltenen Ausnahmefällen möglich, da die Einreise von Juden offiziell als unerwünscht galt. Neuerding« hat aber — ohne daß die Gesetze geändert worden wären — ein Umschwung in der Haltung der zuständigen bolivianischen Behörden stattgefunden. So hat der neuernannte bolivianische Kolonialminister in Uebereinstimmung mit dem Staatspräsidenten erklärt, die Pforten Boliviens standen 3

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