Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-07-01 · 7 (1.7.1938) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
7 (1.7.1938)
Date
1938-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/10279739-10021755-10021748--200-3981582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ifi. MHrgJNr. 7 lyigog»« QwiIbJh In 7n»>Mi/MMÜilMticMi«d 1.MWI graphen verschwinde und eine einheitliche Geeamtregulierumg des Aniwanderung*- Problems erfolge. Nahes« 30 Staaten werden auf der am 6. Juli in Erian beginnenden Konferenz vertreten sein. Wir Juden sind dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Xoosevslt, dankbar, daß er die Anregung zu dieser Konferenz gegeben bat, und wir danken darüber hinaus allen Lindern und •Hn Mlnnern, die sieb beteiligen. Aber wir verkennen euch keinen Augenblick, daß diese Konferenz keineswegs etwa nur unseretwegen eiaberufen wurde, also sozusagen aus Altruismus. Diese Wunderblume findet man wohl nur selten im Garten der Politik. Und das ist auch gut so. Wäre es wirklich nur Anteilnahme und Mitgefühl, das die Linder der Welt in Evian zur Besprechung der Auswandererfrage vereinigte — die Schwierigkeiten bei der Bewältigung dieses Problems sind so groß und so verwickelt, dal wir fürchten: der schönste Altruismus würde bald fügellahm werden. Aber zum Glück ist es so, dal die in die Hunderttausende und sogar weit darüber hinaus gebende Menge von Einwanderern und Einwanderungsaspiranten längst zu einem der brennendsten Probleme jener Länder selbst geworden sind; und wir, die wir als die Hauptheteiligteu und -betroffenen uns nicht de* Bekenntnisses zu schämen brauchen, dal wir mit unserem höchsten, allerdings von der blanken Lebensnot diktierten Egoismus auf jene Konferenz blicken, wir fühlen diesen untern Egoismus einigermaßen durch das Bewußtsein gesichert, daß eben auch die anderen Länder und Völker, hineinverwickelt in die Problematik der bentigen Wandernngsbewegung, mit ihrem Egoismus an dem Ergebnis der Konferenz interessiert sind. Wie gesagt, das macht uns zuversichtlicher, denn der Altruismus des anderen ist stets ein unsicherer, der Egoismus des anderen dagegen ein um so sichererer Faktor in jeglichem Zusammen spiel! Mit diesen Bemerkungen soll der gute Wille der Einberufer und Teilnehmer in keiner Weise angezweifelt werden, und ebenso wenig der Adel ihrer Motive. Im Gegenteil. Gerade wir Juden — wiederum weil wir die Hauptbeteiligten sind — kennen ja die Schwierigkeiten, in denen sich die Linder durch die Realität der Wanderungsbewegung befinden, kennen mit anderen Worten die Ursachen, die diese Konferenz notwendig machten. Und wenn vorhin hier von der Vielfalt der Hemmnisse die Rede war, die sich dem Auswanderungswilligen allerorten entgegentürmen, so war das nicht als Vorwurf gemeint, sondern es war damit lediglich der bisherige Znstand des ganzen Wanderangskomplexe* gekennzeichnet. Denn bisher hat jedes einzelne Land für sich allein versucht, auf seine Weise mit den Dingen fertig zu yrerden, und die Auswanderungsorganisationen haben ihre Vorschriften und Formalitäten nur den vielen jeweiligen Länderbestimmungea immer aufs neue angepaßt. Das konnte beim bisherigen Zustand gar nicht anders sein, aber eben diesen Zustand gilt es zu überwinden und die gesamte Wanderungsarbeit in eine neue Entwicklung* phase zu überführen. Denn bei den bisherigen Einzelmaßnahmen und ihrer Vielfalt gibt es kein Vorankommea; Menschen, die heute ohne Ernährung sind, können nicht darauf warten, ob sie im Oktober vielleicht auf eine Litte gesetzt werden — die Zukunft beginnt heute nachmittag, und was nötig ist, ist die von allen beteiligten Ländern gemeinsam vorzunehmende Aufstellung eines Gesamtplans und die Herbeiführung einer einheitlichen Regulierung. Nur wenn dies erreicht wird, hat die Konferenz ihr Ziel erreicht; und sind die Schwierigkeiten groß, so ist auch dies —. so paradox es klingen mag — eia Punkt, der zuversichtlich ttiatmt, denn die Schwierigkeit der Aufgabe ist identisch mit ihrer Gräle und Dringlichkeit! Alle Beteiligten werden von dem Gefühl erfüllt sein: diese Konferenz darf nicht das Schicksal so vieler anderer Konferenzen und internationaler Tagungen teilen! Durch Einsetzung von Studienkommissionen, die nach sechs Monaten gelehrte Abhandlungen als Berichte einreichen, wird man der Probleme nicht Herr, und Verschleppung schafft keinen Ausweg, sondern macht schlimmer. Es muß deshalb erhofft werden, daß ein einheitlicher und konstruktiver Plan vorgelegt und angenommen wird, nach dem im Zeitraum von vier bis fünf Jahren der gesamte auswanderungsfähige Teil der Juden in Deutschland auch tatsächlich zur Auswanderung gelangt. Es heißt, daß vorgesehen wird, jährlich 20 000 Menschen nach USA., 10000 nach Palästina, 10000 nach Südamerika und 10 000 nach den britischen Dominions zu bringen; in einigen Presseveröffentlichungen wird sogar eine doppelt so große Gesamtzahl angegeben. Daß die jüdischen Stellen aller Länder das ihrige tun werden, um bei der Aufbringung der Mittel, bei der Organisierung der Wanderung und hei der Seßhaftmacheng aller dieser Menschen das Höchstmaß an jüdischer Kraft einsusetzen, braucht nicht besonders betont zu werden. Wir Juden erleben jetzt wieder unsere Geschichte und kennen also unsere Pflicht. Was wir sehnlichst erhoffen, ist, sie gemeinsam mit den Nationen der Einwanderungsländer erfüllen zu dürfen. Daß dies möglich werde — und schnell, ohne Zeitverlust — ist unsere Hoffnung für Evian! * In entfliehen Unterhass beschäftigt* sich Mr. Arthur Henderson mit den Fragen der Emigration pml 4er Kooferenx in Evita. Er drickte die Hoffnung <Ufl die Vertreter der brftiffcbea Refieraf zur Konferenz mit der Absicht gehen wärdea. das Ihrige zar Hille für die jüdischen Emigrantea za tan. Vertreter van 21 Organisationen and eias Aasahl von Einzelpersonen, die an den Emigratioasfragea interessiert sind, hielten im Unterhanl sine Sitenag ab and nahmen eia* Resolntion an, in der di* britische Regierung anlgclordert wird, hei der Konter ans in Evian dem Plan ainer internationalen Kooperation zwecks Seßhaftmaohang dar Emigranten ihre volle Unteritätzang za leihen. Dis Versammlung stand unter dam Vorsitz vom Prüf. Normans Beatwich. Bei der Konferenz sprach n. a. dar Direktor du Flach tliaga-Komitaea beim Royal Inatitate of International Alain, Sir John Hops Simpson (bekannt als Autor dm Hop* Slmpinn- Berichtes über Palästina vom Jahrs 1V30|, dar anf die Leistungen du Emigranten in Holland and Belgien fär da* Entwicklung nanu Industiin hlnwiaa. ferner Mr. B. Biaford Haie, Miß Bertha Brncey, M. Emile Bnrean, Miß Eleaaor Rathbon* and Mrs, Mary Ormuod. Zur Frage der Gesamtorganisation (Fortsetzung von Seite 1) III. Soweit der Tatbestand und seine kritische Würdigung! Es kann aus ihm nur eine Folgerung geben, die der Verfasser dieses Aufsatzes schon vor 2% Jahren in einer Prcnseveröffentliehung skizziert hat: eine grundlegende Neuordnung der anormalen Größeugliederung der jüdischen Gemeinden (siehe oben II, 1) durch Vereinigung der Hunderte von kleinen und kleinsten Gemeinden mit den nächsten größeren Gemeinden zu arbeitsfähigen Bezirksgemeinden. Aus den rund 1200 jndiseken Gemeinden in Deutschland müssen zirka 100 neue Kultusvereinigungen im Sinne des Gesetzes vom 28. März 1938 hervorgehen. Jede dieser neuen Gemeinden wird mindestens 500 Seelen umfassen, im Durchschnitt — von Berlin abgesehen — aber rund 2000 Mitglieder zählen. Ein genauer Plan für die Bildung der Bezirksgemeinden ist bereits ansgezrbeitet und mit maßgebenden Vertretern der jüdischen Gemeinden aus den verschiedenen Ländern und Landesteilen beraten worden. Er enthält ausreichende Vorkehrungen dafür, daß dort, wo innerhalb der Bexirksgemeinde ein selbständiges örtliches Kehillaleben noch möglich ist, dieses keine Beeinträchtigung erfährt, sondern in der Form eigener Filialverwmltungen in dem gemeinsamen Rahmen anfrechterfaalten werden kann. Rechtlich aber soll künftig die Besirkagemeinde der einheitliche Träger der Gemeindearbeit sein, dem insbesondere die Festsetzung des Haushaltsplans (evtL mehrerer Filialhaushaltipläne) und der Mitgliederbeiträge obliegen wird. IV. Da* Gesicht des jüdischen Lebens und der jüdischen Arbeit in Deutschland wird damit eine grundlegende Wandlung erfahren. Die Bezirk «gemeinden, ränmlieh einen vielfach zehr großen Radius umfassend, werden gegenüber den ihnen ungeteilten Klein- und Mittelgemeinden in gewissem Umfang die Aufgaben der bisherigen Provinmalorganisationen an erfüllen haben, tie werden in manchen Gebieten, so z. B. im ehemaligen Kurhessen (Regierungsbezirk Kassel), direkt ans diesen Preimsialiirgsnisatienen hervergehen. Ein neuer Typ grmrindiirher Organ isatisn wird entstehen, der seine verfss—gsmsRigr Grün dl ege in der he Verhercitung befind liehen einheitlichen Muetersatsnng haben wird. Damit wird aneh der Lastenansgleich, sowohl der gemeindliche als aneh der von der Reicbsvertretung dnrehgeführte Ausgleich der Wohlfahrts-, Berufsausbildung*- und Auswanderungslasten, eine völlig neue Grundlage erhalten. Er wird sieh künftig zweistufig vollziehen. Io der ersten und wichtigsten Stufe wird er dezentralisiert sein und innerhalb der einzelnen Bezirksgemeinde durchgeführt werden. Damit wird sich bereits eine wesentliche Angleiehung der Beitragssätze (bisher Steuersätze) ergeben, die uns mit einem Schlage dem Ziel der Einheitssteuer bzw. des einbeitliehen Beitragssatzes erheblich näher bringt alt bisher. Die Anfgabe der zentral zn erfüllenden zweiten Stufe des Lastenausgleichs wird dann im wesentlichen darin bestehen, die noch vorhandenen Unterschiede nach Möglichkeit auszugleichen, eine Anfgabe, die bei nur 100 Bezirksgemeinden leicht sein wird gegenüber der Sisyphusarbeit des alten Lastenansgleicha für mehr als 1200 Kleingemeinden. Ebenso wird die bisherige Liquidation*- arbeit im wesentlichen dezentralisiert durchgeführt werden können, indem die Beairksgemeinden innerhalb ihres Bezirks die Auflösung überflüssig gewordener Einrichtungen und die Veräußerung nicht mehr benötigten Grundbesitaes durchführen. V. Daß bei einer so vereinfachten Organisation das Vorhandensein zweier Zentralinstanzen, der Landesverbände und der Reiehsvertretung, nicht mehr gerechtfertigt ist, liegt auf der Hand, ihre Verschmelzung zn einem Reich «verband kann nur als logische Schlußfolgerung angesehen werden. Es liegt aber auch kein Anlaß zu den Auffassungen vor, die in jüngster Zeit vor die jüdische Oeffentlichkeit gebracht worden sind, und in denen unter der Begründung notwendiger „Mittelins tanzen“ die Auf reck terhaltung der Landesverbände in Snddentschland verteidigt wird. Für solche Mittdinstansan ist in dem' neuen vereinfachten Gr nifiindtioi ganisiniia kein Raum. Für 8 bis 10 Bezirk«gememden in Bayern — and mehr werden gewiß nicht nötig sein — ist ebensowenig eine Mittel* Instanz erforderlich wie für 4 schlesische •der 7 westfälische Besirksgeaaeinden. Dies« ^«■irkagameinden selbst werden vielmehr —* wie oben schon ansgeführt — dia Stelle der bisheriges gemeindlichen Mittelhutanncn ein. 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.