Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 16 (1938)
- Issue
- 6 (1.6.1938)
- Date
- 1938-06-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/10279739-10021755-10021747--191-3981574- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
U.JhrgJNr.4 üiwilmlihlin Mr dte Spwyugee OiwihJw In Prtrtiii/Mordd»«lietil»nd tMini Bewegung im religiösen tiberalismns Da» Echo, das die Ende vergangenen Jahres stattgehabte Versammlung der religiös-liberalen Rabbiner in der jüdischen Öffentlichkeit gefunden hat, hat aufs neue die Lebenskraft des fortschrittlichen Judentums kundgetan, wobei sich zugleich gegen früher eine Wandlung zur Universalität unter innerjüdischer Blickrichtung gezeigt hat. Auch wenn es so aussieht, als hätte man sich hüben und drüben mit der Anerkennung zweier Kulttypen, eines liberalen und eines orthodoxen, abgefunden, so geht es doch dem religiösen Liberalismus in erster Linie nicht um die Form, sondern um den Geist; es geht darum, Juden zur Erkenntnis der Wesentlichkeiten des Judentums zu gewinnen, nicht aber darum, sich von der Anerkennung einiger Formen zu befreien, wie e* sich ja auch bei der Orthodoxie, allem äußerlichen Anschein zum Trotz, keineswegs allein um die Erhaltung der Formen dreht. Nur leider haben im Liberalismus zu viele Juden nicht« weiter als die Möglichkeit bequemerer Gesetzeserfüllung gesehen; diese [Mitläufer sind in ihrer Gedankenlosigkeit jeigentlich dem liberalen Judentum gar nicht [nizurechnen. Andererseits kann natürlich Icht ein ganzes Volk aus lauter Religionslilosophen bestehen, kann nicht eine ganze riigionsgemeinschaft bis zum letzten Kopf i allen religiösen Fragen selbständig Stellung ‘hmen. Wenn der Zustand noch fortdanerte, e er unter den Juden zu Beginn des '. Jahrhunderts war, so wären wir alle ge Sünder, denn damals galt nur die allmein verbindliche Beobachtung aller inutiösen Formen. Vielleicht ist eine solche nheit imponierend — aber die Vielfalt des :dankens und die Freiheit der Entscheing ist es ebenfalls! Und daß über die gron, unsere Gemeinschaft prägenden und teuden Bräuche ohnehin niemand streitet, - selbstverständlich. Was aber ist erziehher als die Wandlung. die das Letzte Jahrndert in allen diesen Fragen gebracht hat, dieser Uebergang von unbedingtem i««en zu wohlüberlegtem Können?! i Es mag sein, daß all dies nur für diejenigen gilt, die sich über Bekenntnis und &ehet*form Gedanken machen. Solche« Nachdenken aber sollte von jedermann erwartet werden, und es wäre verkehrt, den Kreis nur auf die wenigen Gelehrten und Wissenschaftler zu beschränken. Ist die Erfassung breiter Massen für solch ein Nachdenken nicht gelungen, so muß dies als pädagogischer Mißerfolg des vergangenen Jahrhunderts gebucht werden, aber auch dies ist im orthodoxen Lager hei dessen Mitläufern das gleiche, nur daß dort Diskussionen über die Grundlagen kaum möglich sind: die Lebensgestaltung ist klar bis ins kleinste vjorgeschrieben, jede Entwicklung kann nur zusätzlichen bereits Bestehendem erfolgen. und alle Entscheidungen fußen auf dem Wortlaut der religiösen Texte. Zwischen beiden Extremen steht die sogenannte breite Masae. Sie ist keineswegs orthodox, denn die ihr zuzurechnen sind, übertreten das Religionsgesetz bis auf einige zufällige Reste in inkonsequentester Weise; sie leben einfach und sind der Meinung, daß man heutzutage unmöglich alles halten könne. Denken? Das scheidet aus. Das eine tut man „noch44, da» andere „nicht mehr44, aber es ist nicht ein überlegender Gedanke, sondern eine Handbewegung, mit der man dieses Nichtmehrhalten begründet. Das orthodoxe Geseta besteht für diese im Grunde indifferente Masse zu Recht, und was noch merkwürdiger ist, es besteht als ihrer Meinung nach orthodoxes Gesetz in derjenigen Form zu Recht, in der man es zuhause, oft genug in einer liberalen Synagoge, gelernt hat. Daß die Orgel spielt arid daß „Bameh Madlikim44 nicht gesagt wird, das stört nicht, aber wollte man nun an dieser seihen Stelle die Haftara in der Umgangssprache vorlesen oder am Sabbatmorgen zweckt Verkürzung des Gottesdienstes mit „Nischmas44 anfangen, so gilt das — wie gesagt, auch wenn es eine Orgelsynagoge ist, m der dies als Neuerung eingeführt werden »oll — als Einbruch in die heiligsten Bezirke! Dies Beispiel mag seigen, wohinaus wir wollen: es gilt, die Freiheit der religiösen Ueberlegung und der Formgestaltung zn wahren gegen alle, die lau und gleichgültig sind und keinen anderen Entwurf kennen, als daß „man44 dies oder jenes so oder anders macht, weil es zufällig irgendwo anders auch so oder so gemacht wird! Alles in allem: genau wie der orthodoxe so ist auch der liberale Gottesdienst an der Erstarrungsgefahr nicht vorbeigekommen. Und hier setzen wir mit tmserer Forderung nach Verlebendigung ein. Bejaht man zum Beispiel neuerdings wieder allerorten das jüdische Volkstum und seine Zionshoffnung, so muß auch die liberale Anschauung, wo sie es nicht längst getan hat, denjenigen Menschheitsbegriff aufgeben, der jüdischen Volksbegriff und Zionshoffnung nicht miteiuscliließt. Denn wir haben als Gemeinschaft in der Menschheit nur Raum als Israel, und von Israel ist der Volksbegriff an abtrennbar. Verständlich erscheint also der Ruf nach Verlebendigung, die aus verantwortungsvoller Ueberlegung hervorgehen muß. Hätten nicht frühere Generationen ebenso gehandelt, wie wären dann wohl die zahlreichen verschiedenen Ritusarten entstanden?! Freilich darf nicht an einzelnen Gebeten herumkorrigiert und dieses oder jenes Wort, weil ea einem nicht gefällt, ansgestrichen werden. Wenn aber der religiöse Liberalismus die Hinwendung zu den realen Lebensfaktoren jüdischen Seins zu Ende vollzieht, so hat er den Anschluß an das echte Volksempfinden und damit an jüdische Gegenwart und Zukunft gefunden. Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgen alle, die an der Bewegung des fortschrittlichen Judentums interessiert sind, dio Bestrebungen in Erez Israel, wo sich endlich zwischen die altorthodoxen und die religiös völlig indifferenten Kreise eine um den religiösen Aasdruck sich mühende Zwischenschicht eingeschoben hat. Es ist klar, daß man sich hierbei keineswegs sklavisch a* die Aeußerlichkeiten des religiös-liberales Judentums in Europa halt, daß man nicht die hier in hundertjähriger Entwicklung entstandenen Formen dort gedankenlos importiert. Wenn aber in einer Synagoge keine Orgel spielt, so braucht sie deshalb noch lange nicht orthodox zu »ein, und Bindung an die Tradition wird irgendwie ja überall verlangt. Was wir wollen? Leben und Wahrheit. Man kann nicht Dinge verteidigen, dio einem nichts bedeuten. Junge Menschen würden aus ihrem sicheren Instinkt heraus uns ablehnen, wenn wir es versuchten. Wir wollen das Denken und die Diskussion über alte und neue Gestaltung des jüdischen Lebens in dauerndem Fluß erhalten, wollen die unterbrochene Aussprache über Fragen der religiösen Gestaltung wieder aufnebmen und so die Erstarrung der beiden bisherigen Kulttypen überwinden. Wir wollen ferner, daß die Religion in ihrem Grundwert erkannt wird, der nicht darin besteht, eine möglichst große Zahl von Zeremonien zu üben, sondern vielmehr in der Erziehung zu Gotteserkenntnis, Menschlichkeit und Nächstenliebe. Die Formen sind nur Mittel zu solcher Erziehung, die über die Erinnerungswerte des Judentums führt, um neues Leben auf ihnen zu erbauen. Auf der Amsterdamer Tagung vom vergangenen Juli erklärte der Londoner Rabbi Mattuck: „Das religiös-liberale Judentum wendet sich nicht gegen die Orthodoxie, sondern gegen den Mangel an jüdischer Aktivität44. Das Neuerwachen jüdischer Aktivität ist daher das Ziel der Bewegung, und alle Zeichen deuten darauf hin, daß die Arbeit vorangeht. Auch bei uns muß der Mangel an Selbstvertrauen, der sich eine Zeitlang innerhalb des religiösen Liberalismus zu zeigen schien, wieder überwunden werden. Nicht als abseitige Theologentheorie, sondern als kraftvoller Ausdruck unseres lebendigen Volkswillens muß unsere Religion wieder sichtbar werden. Religion und Gemeinschaft müssen beide erfaßt werden vom Wachstum des organischen Lehens, dessen Entwicklung niemals, und am allerwenigsten in einer anregungsreichen Zeit wie der der unsrigen, aufhören darf. Dr. Lothar Rothschild (Saarbrücken). Kaffee-GroS-nnsteml VERTRETER itfahrik audit tüchtig«, erstklaas^ jfidiadie die in den entsprechenden Abnehmerkreisen bestens eingefübrt sind. Ansf. Angebote unter 1.133 in das Gemeindeblatt, Berlin SW 68, Chariottenstrafte 1&. ne nentisen hhki nr (feenee MiiBatiOfl und AMöbel Bernhard Ri •4 Walter Reeeabwrf- Wäfche-Ausstattungen | MARGARETE FLATER Berlin W 15, Xanten er Str. 4,1 * Fernsprecher: 921342 Karlsbader Wasserzwieback für fede /Hi/ Potipaket mit iOO großen Stheiben franko UM. 1- Goldsdlddcr, BerUn-ChnrkMcnburgß SddUerstr. oo — Stammhaus Karlsbad Tel Aviv, Re<borHayarkonUO Im«. 034, Kopemiknastr. 32 Fernruf: S6M6S INSERIEREN SIE IM GEMEIND EBtATT Gnmdstikke Hypotheken Geadtiftaverkiafa, Finanzierungen. Mdc, Immobilien, Friedenau, Albeatr. 10 Tat: »64 M FamilicnanzeigeB ] r Da es aas sicht nhgl. war. «is \__ 4ea «. Bekannt. Den. u verahschieC aafsa i aal dies. Weae ihnen all. ein herxl * Onatav lass Breaaen, 23. April 38 JMkdss FaAgesdift Jeder Bedarf an Apparaten für dM Arzt I Siez.: RMmi.Bettmsei. Betaf Amwiedwar ».nt.sg t Ansad Vwktaf Röntgen-Ing.Kurt Marcose N 4, Choun.ittr 5 / Tai. 142 60 68 AaxaigaascUal: Bsaasrstas, S3. Jul KJ