Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 16 (1938)
- Issue
- 6 (1.6.1938)
- Date
- 1938-06-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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1< JhrgJNr.« lUhcim Ofthdtblrtl Nr dl« »ywagofla» 0«i«H>d«w in PfuBti/Mordd—ttchtand lUte» ■de — Landesverbände — Reichsvertretn sg beibehahen werden aoll, «der ob ea zweckmäßiger ist, sie durch eine mir zweiat ifige Organisationsform za ersetzen. Die* je ftigen unserer Leser, die die Arbeit unseres Li i&desverbandes noch ron früher her k< amen, werden wissen, daB die Frage nicht tun jst _ »eit Gründung des Landesverbandi«, bis in das Jahr 1932 hinein stand auf di r Tagesordnung jeder der alljährlichen V erbandatagungen als erster Punkt: „Schafft og der Reichsorganisation44, und auch in d<?r Zeit nachher sind immer wieder Be* Strebungen dieser Art von unserem Landes* v< >rband ausgegangen; nur liefi sich leider n:e die für die Durchführung dieser Arbeits- Vereinfachung notwendige Gefolgschaft fi iden. Es mag heute nnnntersucht bleiben, woran dies lag; genug, der Preußische L indesverband hat, als die Verhältnisse d rangten, von sich aus die notwendigen Schritte zur Vereinfachung der Arbeit getan, indem er im Verlaufe der letzten Jahre sich die anderen jüdischen Landesverbände in P ord* und Mitteldeutschland angliederte, und jetzt endlich scheint sich auch außerhalb unseres Verbandes die Gefolgschaft für die Verwirklichung des tatsächlich schon s :it zwei Generationen erstrebten Zieles zu £ öden, Ueber die Einzelheiten der neuen (Organisationsform kann zur Zeit noch nicht allzu viel gesagt werden; es handelt sich im wesentlichen um zwei Projekte, die zur Erörterung stehen. Man wünscht entweder eie sogenannte „Reichsgemeinde44, zu der sich die Ortsgemeinden bei unveränderten liechten und Aufgaben zusammenzttsrhlie- I en hätten und der jeder Jude, der Mitglied c iner Ortsgemeinde ist, ebenfalls als Mit- I lied angeboren würde. Oder es soll die I «esamtorganisation in der Weise geschaffen werden, daß ebenfalls die Ortsgemeinden als die eigentlichen Arbeitsträger erhalten 1 leiben und die bisherige Reichsvertretung < ler Juden in Deutschland als Zusammen* I assung und als Verband aller jüdischen < Gemeinden im Reiche die organisatorische! jentralinstanz wird. Wieweit und m ■ reichem Umfange bei der einen oder anderen Regelung die bisherigen Landesverbände — vielleicht sogar auch die Provinzial* rerbinde — bestehen bleiben oder auf die :ieue Zentrale überführt werden, das wird lieh erst bei den Verhandlungen ergeben connen. Diese Einzelheiten sind auch nicht mtscheidend. Entscheidend ist vielmehr, laß alle bisher geleisteten Arbeiten auch weiterhin ge* leistet werden und daß die neue Drganisationsform nur unter diesem Gesichtspunkt geschaffen werden darf. Der Gedanke und die Forderung, daß die jüdischen Gemeinden jin Deutschland sich aus ideellen und {materiellen Gründen in dieser Notzeit zusammen schließen., ist einleuchtend! Voraussetzung aber ist, daß in den bisherigen Arbeiten nicht nur keinerlei Stockung und keinerlei Unzuträglichkeiten totstehen, sondern daß im Gegenteil alles noch glatter, zuverlässiger und sparsamer erledigt wird. Im „Jüdischen Gemeindeblatt für Rheinland and Westfalen44 (Aufgabeort Köln; Nr. 20 vom 20. Mai) lasen wir neulich in einem Aufsatz des Chefredakteurs Dr. Fritz Becker: „Die Landesverbände haben wichtige Aufgabengebiete behalten und in der Abgrenzung gegen die Reichsvertretung durchaus mit Erfolg gearbeitet. Wenn es sich also nicht darum handelt, schwere sachliche Unautraglichkeiten aussuräumen und erhebliche finanzielle Unkosten zu sparen, dann scheint eigentlich nichts gegen die bisherige Dreistofigkeit zu sprechen. Wünschenswert wäre dann lediglich die Bildung der . . . Einheitsgemeinde, weil dadurch breitere Wirknngs- und Ausgleichsmöglichkeiten geschaffen werden würden.44 —- Wir unsererseits mochten der Meinung Ansdruck geben, daß Zusammenfassung, Vereinfachung und Verbilligung unerläßliche Forderungen sind, daß aber die pausenlose und uneingeschränkte Weiterführung aller bisherigen Arbeiten das oberste Gebot ist, dem sich alles andere unterzuordnen und anzupassen hat. Dies zu erreichen muß das alleinige Ziel aller Verhandlungen sein, und nur wenn dies erreicht wird, ist der Zeitpunkt gekommen, den Verein heit* lichungsplan durchzuführen, 4er* obew bemerkt, seit je einer der Leitgedan^n des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden gewesen ist und dem sich nach so langer Zeit nun auch die allgemeine Aufmerksamkeit zuwendet. * DR. MEIER SPANIER: Simsons Rätsel Shnson, der Sonnige, mit übermenschlichen Kräften ausgestattet, der strahlende Held aus dem Stamme Dan, der zuerst die verhaßten Unterjocher machtvoll angeht, hat die Phantasie des Volkes aufs lebhafteste beschäftigt. In einer uns in mancher Hinsicht seltsam anmutenden Liebesgeschichte läßt der Erzähler vor Beginn des Hochzeitsmahles Simson den Festgenossen ein Rätsel aufgeben: „Von dem Fresser kam Fraß; und vom Starken kam Süßes.44 Nach unsern Anschauungen ist das weder nach Form noch nach Inhalt ein Rätsel. In der Form vermißt man die Frage, die hier lauten könnte: wann geschah das? Wir meinen auch, daß man eine merkwürdige Tatsache des eigenen Erlebens nicht andern als Rätsel aufgeben könne. Aber nach der Anschauung der Antike gibt es bevorzugte Menschen, denen ein Gott die Gabe verliehen hat, gans Fernes zn wissen nnd zu sehen. Sie stehen in einem besondern Verhältnis zur UrweUheit der Welt, sie verstehen sogar die Sprache der Tiere, und wenn die sabäische Königin den weisen Salomo mit Rätseln prüfen will, so werden wahrscheinlich darunter auch solche von der Art des Simsonrätself gewesen sein. Zudem liegt es ja in der Tendenz des Erzählers, daß das Rätsel für die Philister unlösbar sein muß; denn sie sollen selbstverständlich den Preis nicht gewinnen, sondern Simson das von ihm bei Nichtlösang Ausbedungene zahlen. Die ZnbÖrer der natürlich oft vorgetragenen Rätselerzählung, die ihre Vorgeschichte kannten, durften das wohlige Gefühl haben, daß sie es besser wußten als die ratlosen Hochzeitsgaste. Als Losung des Simsonrätsels läßt der Erzähler nuo ein echtes, rechtes Volksrätsel gelten. Bei Festmahlzeiten gab man zur Unterhaltung der Feiernden Rätsel auf, von denen manche durch ihre gebräuchliche Anwendung geradezu sprichwörtlich wurden. Besonders passend bei der Hoehzeitsfeier ist ja gerade dieses Wort: „Was ist süßer als Honig? und was ist starker als der Löwe?44 Die Liebe! In der hebräischen Liebesdichtnng wird m ähnlichen Vergleichen von der Macht nnd Köstlichkeit der Liebe gesprochen. Sie ist stark wie der Tod (Hohes Lied 8,6), „köstlich ist dein Kosen mehr als Wein (1,2)* der Geliebte ist wie der Apfelbaum, „seine Frucht ist meinem Gaumen süß (2^)M. Es ist von besonderer Feinheit, wie der Erzähler die Lösung des Rätsels geben läßt: in der Form eines echten Rätsels, aber diese Lösung soll auch, sogleich verhüllen, daß sie auf unrechtmäßige Weise gewonnen ist. Sie soll etwa sagen: gewiß ist das Stärkste und Süßeste gemeint: Lowe nnd Honig! Eigentlich, hätte Simson antworten können: Enre Lösung ist unvollständig, Ihr hättet mir die Beziehung zwischen Lowe und Honig sagen müssen. Stattdessen kennzeichnet er gleich den Verrat und fühlt sich nun auch berechtigt, den versprochenen Preis mit grimmem Humor durch die Philister selbst, die Stammesbrüder der Festgenossen, zahlen zu lassen, indem er dreißig erschlagenen Feinden die Gewänder abnimmt. Auf das vorsorglichste läßt der Erzähler Simson das Geheimnis hüten, das den Rataelinhalt ausmacht. Wie er mit seinen Eltern, die ihm das Mädchen von Timna zuführen sollen, gemeinsam wandert, geht er ein wenig zur Seite, um den brüllenden Löwen zu „zerreißen4* oder „aufzureißen4*, als wär’s ein Ziegenlämmchen, und sagt nicht einmal den Eltern etwas von diesem immerhin nicht ganz gewöhnlichen Begegnis. So weiß also niemand außer Simson, was geschehen ist. Wie nun so manche Sage an einen Ortsnamen anknüpft oder gar von ihm ansgeht, wie z. B. die Erzählung vom Eselskinnbacken als Simsons tötender Waffe Ausdeutung von Ramat Lechi (Kinnbackenhohe, wohl nach der Form), wie die Quelle Kore (wahrscheinlich Rebhuhnquell) zur Quelle des rufenden, betenden Simson wird, so mochte ich vermuten, daß der Ansatz- oder Ausgangspunkt für manchen Nebenzweig der Erzählung in diesem alten Volkswort von der Macht der Liebe liegt. Wie vom Stamme des Volksrätsels sich einzelne Teile der Geschichte abzweigen konnten, soll im folgenden angedeutet werden. Wer ist stärker als ein Löwe? natürlich Simson, der Held. Er muß also einmal einen Löwen besiegt haben, nicht mit Waffen, sondern allein mit seiner gottgegebenen Kraft. Das war damals, als er mit seinen Eltern zur Hochzeit wänderte. Aber wie iit’i mit dem Honig, der mit dieser Geschichte im Zusammenhang stehen muß? Im Lande sefcen sich Bienenschwärme in Felsenrigen fest, ans denen dann der köstliche Honig fließt. Das Aas eines gefallenen Tieres bleibt nicht lange auf dem Wege liegen, die Sonnenglut and die vielen aasfressenden kleinen und großen Tiere lassen bald nur das blanke Gerippe zurück. Warum sollte sich nun ein Bienenschwarm nicht auch in diese Ueberbleibsel des Löwen festsegen und wie in Bergesklüften Honig spenden? So kann denn der hungrige Simson, als er zum zweiten Male mit den Eltern nach Timna geht, ans dem Leibe des gierigen Fressers Honig abschälen. Wieder hütet Simson auch seinen Eltern gegenüber das Geheimnis, woher er den Honig, der auch sie erquickt, genommen hat. Es widerspricht nicht meiner Vermutung, daß ähnliche Sagenmotive (Löwentötung durch Götterhelden, Lebendiges vom Toten) auch in den Sagen anderer Völker Vorkommen. Denn es handelt sich hier nur nm die Art der Verknüpfimg. Die Simsongeschichte zeigt, daß stärker als der gewaltige Held — die Liebe ist. Als die Eltern, die ihm das Mädchen aus Timna werben sollen, mahnen, daß es nicht recht sei, ein Weib von diesem verachteten fremden Volke zu nehmen, läßt der Erzähler ihn kein überschwängliches Wort sagen. Das paßte hier wirklich nicht, sondern wortkarg wie alle Helden der Tat, meint er nur: sie sei ihm fadbira, recht. Der Erzähler weiß natürlich mehr als Simsons Eltern. 2