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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-06-01 · 6 (1.6.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
6 (1.6.1938)
Date
1938-06-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT PUH DIK SYNAOOOtN-OfMIINDIN IN PKBUSSIN UNO NOIDDEUTSCHLANOI i < •» Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda betr. Überwachung der geistig und kultu« reli tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet. Nr. 6 Berlin, 1. Juni 1938 16. Jahrgang Herausgeber: Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden Dös göttliche Gesetz Eigenartig, vielleicht sogar zwiespältig iit die Haitang, die da« heute lebende jüdische Geschlecht den alten religiösen Fetten gegenüber entnimmt. Dabei mag die vielberedete „Krise der Religion“ — die in Wahrheit ja eine Krite der Religioiität und alto, noch wahrer, eine Krite der unreligiöten Mentchen iit — außer Betracht. bleib en. Aber gerade auch die religiöten, tum Teil ertt wieder religiöt gewordenen Mentchen in unteren Reihen —: einerseits fühlen tie tich durch alles Zeitgeschehen surückgeführt auf den bis in die Urzeit hinaufreichenden Zusammenhang der jüdischen Geschichte und wissen sich somit auch allem jüdischen Kultur- .und Gedankengut aufs engste verbunden; andererseits aber sind die Probleme und Aufgaben der Gegenwart derart brennend, daß ihnen gegenüber die unseren Fetten zugrunde liegenden historischen Ereignisse fast an verblassen scheinen. Wenn heute ein Familienvater die Vorbereitungen trifft, mit Frau und Kindern nach Amerika, Neuseeland oder Palästina auszu-| wandern, und wenn eg obendrein auch dafür Vorsorge treffen muß, daß er am neuen Ort Arbeit und Existenz für sich und die Seinen' finde — was kann ihm da wirklich jener entlegene Vorgang bedeuten, der vor grauen Jahrtausenden unsere Väter um den Sinai vereinigte? So könnte gefragt werden; so wird vielleicht auch gefragt, aber so sollte und dürfte nicht gefragt werden. Denn gerade der, der unter „neuem Himmel und auf neuer Erde“ (Jesaia 65/17) Arbeit und Brot gewinnen will, sollte das tiefe Wort aus den Sprüchen der Väter nicht vergessen: „Wo keine Tora ist, da ist kein Brot“. Ueber den nicht minder wahren Satz: „Wo kein Brot ist, da ist auch keine Tora“ mag hier ein andermal gesprochen werden, denn alle unsere jüdische Aufbauarbeit ist nur dann sinnvoll und kann aiieh nur dann Gnade anf sich ziehen, wenn sie erfaßt wird als Vorarbeit: um der jüdischen Lehre dienen zu können, müssen wir uns Brot, d. h. die materielle Lebensbasis schaffen. Aber über dieses „Ohne Brot keine Lehre“ wie gesagt ein andermal. In diesen Tagen vor dem Schawuot-Fest tritt der andere Satz in den Vordergrund: „Wo keine Tora, da auch kein Brot“. Sie Bedeutung des Festes, an dem wir der Sinai-Offenbarnng gedenken? Daß Jas aaa Sinai geoffenbarte göttliche Gesetz die Voraussetzung . für jede Arbeite- und Lebensmöglichkeit ist! Allzu billig die zu Anfang dieses Jahrhunderts oft gehörte Meinung, das „Morde nicht, brich die Ehe nicht, stiehl nicht, verleumde nicht“ usw. käme ja nur anf den Nutzen hinaus und sei nicht göttlich. Wären, die Zehn Gebote nicht göttlich, nicht Ausfluß des göttlichen Geistes, so müßten sie menschlich sein, Ausfluß der menschlichen Natur, und daß sie dies nicht sind, das ergibt sich wohl schon' allein aus der Tatsache, daß es notwendig war, gegen die menschliche Natur dies göttliche Gesetz zu stellen. Der nur menschliche Mensch strebt nach Glück, nach seinem eigenen Glück; daß aber sein persönliches Glück an dem des Nebenmenschen feine Grenze findet und daß sein wahres Glück in dem Glück der Gemeinschaft seiner Nebenmeuschen beschlossen Hegt —: diese Erkenntnis kommt ihm nicht aus seinen menschlich-naturhafteu Trieben, sie kommt ihm ertt aut der von Gott stammenden Erhöhung seines Wesens, aut der Erhebung seiner Natur über tich selbst hinaus. Will man verstehen, was Schawuot bedeutet — und was es auch uns in all Unteren heutigen Sorgen bedeutet — so höre man, wie das alte heilige Buch, der Sohar, die Weltschöpfung mit der Offenbarung am Sinai in unmittelbaren Zusammenhang bringt. Et heißt in der Schöpfungsgeschichte (I. Mose 1/26): „Da sprach Gott: Laßt uns einen Menschen machen“. Die Alten haben sich über dieses „uns“ gewundert —: Gott ist nur Einer, so ‘ Das Reichsgesetz vom 28. März über die Rechtsverhältnisse der jüdischen Kultusrereinigungen (vgL Nr. 4 dieses'Blattes v. 1. 4. 1938) hat die Entwicklung des jüdischen Gemeinschaftslebens in Deutschland, in ein neues Stadium überführt. Dabei scheint es außer Zweifel, daß der innerjüditche Charakter der Gemeinde von dem Gesetz nicht berührt wird, d. h., daß die Aufgaben der Gemeinden unverändert, die Form ihrer Arbeit im wesentlichen die gleiche bleiben wird. Sie wird in Zukunft bleiben, was sie in alter und neuer Zeit war, denn auch iu ihrer modernsten Ausgestaltung erkennt man den alten Kern: Tora, Awoda und — im weitesten Sinne sowohl füfsorgeriseher als auch vor allem konstruktiver Hilfe —■' Gemillut Chassadim. Ueber die ersten beiden Aufgaben, ’ Gottesdienst und religiöse Erziehung, ist hier kein Wort zu verlieren; das i sogenannte profane Schulwerk gehört bereits in das dritte Aufgabengebiet hinein —: wie hätten die Aufgaben des Schulwesens, der Berufsumsehicbtung, ja selbst die ständig wachsenden Anforderungen in den Dingen der Auswanderung, wie ferner die Betreuungztätigkeit der jüdischen Wohlfahrtseinrichtnngen, der Jüdischen Winterhilfe usw. bewältigt werden können, wäre nicht an jedem Ort die jüdische Gemeinde die Zentrale und Trägerin allez jüdischen Lebens! Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern; unbeschadet des veränderten Rechtscharakters der Gemeinde wird nach wie vor jeder Jude sich mit seiner örtlichen Jüdischen. Gemeinde und ihren Einrichtungen verbunden fühlen. Die einzelnen jüdischen Gemeinden aber, das ist bekannt genug, sind sehr verschieden situiert, und da es unerläßlich ist, jede einzelne von ihnen arbeitsfähig zu erhalten, solange noch Juden an dem betreffenden Ort wohnen, so muß auch alle die Arbeit weiter geleistet werden, die bisher unter dem sehr nüchtern klingenden . Ausdruck „Lastenausgleich“ von den Landesverbänden vollführt worden ist- Auch hierin wird sich ha sagtea sie, und wohl berechtigt scheint ihre' oft aufgeworfene Frage, zu wem und von wem Gott hier redet mit diesem Worte „uns“. Im Sohar (UI 35h—36a) heißt es hierzu: „So sprach der Allheilige zur Tora: Wir wollen einen Menschen machen. Und die Tora antwortete: Dieser Mensch wird vor dir sündigen und dich zum Zorn reizen, wenn du nicht Langmut übst. Wie kann er in der Welt bestehen? Sprach der Allheilige zur Tora: Ich und du — wir werden ihn in die Welt stellen!“ Mit anderen Worten: die Weltschöpfung, die Erschaffung der Natur einschließlich des Menschen, ist vollendet erst mit der - Offenbarung des göttlichen Gesetzes. Das Gottes-Gesetz alt Vollendung der Welt-Schöpfung: gerade wir, die wir nach neuem Platz in der Welt tuchen, empfinden die ungeheure Aktualität eines solchen Gedankens und des Fettes, das diesem Gedanken gilt. Zukunft nichts ändern, denn die weitaus meisten Gemeinden sind heute „leistungsschwach“, d. h. bedürfen eines Zuschusses aus den Gesamtmitteln der Judenheit in Deutschland Die Entwicklung hatte freilich dazu geführt, daß man Arbeiten von zweierlei Art unterschied: diejenigen Aufgaben, die im Interesse der einzelnen Gemeinden zu Volbringen sind, und die jüdischen Gesamtaufgaben, die allen Juden unmittelbar sugutekommen. Dabei versteht es sich von selbst, daß auch die Gemeindearbeit zuletzt dem einzelnen jüdischen Menschen dient; aber es ist doch ein Unterschied, ob die eine Leistung nur durch die örtliche Gemeinde für ihre örtlichen Mitglieder oder die andere für jeden Juden in Deutschland direkt und unabhängig von seinem Wohnort zu vollführen ist, wie z. B. die jüdischen Lehrgüter u. dgl., mit denen die einzelnen Gemeinden nichts zu tun haben. Auch die jüdischen Zentralaufgaben können nur durch Lastenausgleich, d. h. in diesem Falle durch Zusammenfassung aller Mittel bewältigt werden; sie lagen bisher vorwiegend in Händen der Reichsvertretung der - Juden in Deutschland; aufgebracht wurden die Kosten dieser Arbeiten im wesentlichen durch die noch leistungsfähigen Gemeinden, jedoch nicht durch direkte Verrechnung mit der Reichsvertretung, sondern dadurrh, daß die Landesverbände von ihren Beiträgen einen Teil an die Reichsvertretung abzweigten, während sje den andern Teil der Beiträge für die Gemeindeaufgaben verwendeten. Auch diese beiden Arten von Aufgaben werden bleiben, die Gesamtaufgaben und die örtlich zu leistenden Gemeindeaufgaben, somit auch die Arbeiten für die Aufrechterhaltung der Gemeinden. Wenn trotzdem gesagt wird, daß—die Entwicklung des jüdischen Gemeinschaftslebens in ein neues Stadium tritt, so deshalb, weil die Organisationsform, m der alle diese Arbeiten geleistet werden, sieh verändern wird. Es taucht nämlich die Frage auf, ob die bisherige Dreiatnfigkeit: Go- Vor einer Neuordnung

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