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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-05-01 · 5 (1.5.1938) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
5 (1.5.1938)
Date
1938-05-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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«Ohf»/Mr.l OmmMMM Im 1.»m im Gemeinschaft in der Enge Besuch in einer Kleingemeinde gemeindlichen and privaten Wohlfahrts- Kulturand Sozialeinrichtungen das Schwergewicht jüdischer Gemeinschaftsarbeit außerhalb des Gotteshauses. Sie waren Idealisten nnd Rationalisten angleich. Der Idee des jüdischen Lebens, der jüdischen Gemeinschaft, der jüdischen Religion schufen sie die praktischen und notwendigen Grundlagen. Ihr Werk waren dis Krankenhäuser, die Schulen, die Rabbinerausbildungsstätten, die Bibliotheken. Sie bereiteten den Weg für die, die nach ihnen kamen. Ohne sie, ohne ihre, man darf wohl sagen, riesenhaften Leistungen, des einzelnen, sowohl als auch der Gesamtheit, wäre das spätere Entströmen von 3000000 Juden aus Osteuropa nicht möglich gewesen. Wenn sie oder ihre Väter einmal aus Deutschland als nicht immer sehr gebildete, „kleine Leute*4 nach den Staaten gekommen waren, so hatten sie hier bald die Notwendigkeit erkannt, manches, was sie einst versäumt hatten oder was ihnen nicht zugänglich gewesen war, nun nacbzuholen. Im Jahre 1869 schreibt ein Nichtjude, Franz Lieber, ein Deutsch-Amerikaner, an den großen deutschen Juristen und Volks- Wirtschaftler, Prof. Bluntschli: „Die Juden aus Deutschland in Amerika gewinnen täglich an EinfluB. Sie sind intelligent, wohlhabend und gebildet — oder sie bemühen sich um Bildung. Sie lesen mehr als alle anderen Emigranten gute Bücher. Das erzählen mir die Bdfchhändler. Sag mir, wie ist das möglich?** Und noch einer besonderen Leistung der jüdischen Auswanderer aus Deutschland für das jüdisch-religiöse Leben in den Vereinigten Staaten sei hier gedacht. Sie wurden die TrigeT der —• geschichtlich gesehen — notwendig gewordenen Reformbewegung. Männer wie J. M. Wise, der 1846 ans Böhmen nach Amerika kam, dann 46 Jahre Rabbiner der Gemeinde Bene Jeschurun in Cincinnati war, wie David Einhorn, der aus Bayern gebürtig, ein Rabbineramt in New York bekleidete, wie Samuel Adler aus Worms, der noch an den Rabbinerversammlungen in Deutschland teilgenommen hatte und dann in Amerika an der Spitze der Gemeinde Emanuel in New York stand, wie Maz Lilienthal aus Mönchen, der nach seiner vergeblichen Tätigkeit in Rußland nach Amerika gekommen war, sie alle setzten ihre ganze Kraft ein für eine Anpassung des jüdischen Gottesdienstes and des jüdischen Rituals an die Erfordernisse der Zeit und des Landes, für eine Uebereinstimmung von überkommener Lehre und geschichtlicher Entwicklung. Kaufmann Köhler, der groBe jüdische Gelehrte, bat in einer Abhandlung „German-Jewish Migration to America**, die er vor 37 Jahren veröffentlichte, das Wesen und die Bedeutung der Männer, die als Juden aus Deutschland nach den Vereinigten Staaten kamen, von dem Willen beseelt, als Juden ihrem Gott und ihrem Sittengesetz, als freie Bürger dem Wohle ihrer neuen Heimat zu dienen, mit den kurzen, aber prägnanten Worten charakterisiert: „Diese Juden ihrem Gott und ihrem Sittengoseg, waren weit davon entfernt, Philosophen oder Idealisten oder Aufklärer zu sein. Aber sie lernten ihren gesunden Menschenverstand gebrauchen und ihn auch auf das jüdische Leben anwenden. Die Juden aus Deutschland reformierten und verbesserten unsere religiösen und eharitativen Einrichtungen, sie schufen jene Organisationen, die der Stolz des amerikanischen Judentums sind.** * V- Wenn diese Zeit uns Juden in Deutschland zu ständig wachsender Auswanderung aufruft, so soll und kann uns ein Blick auf die vor einem Jahrhundert begonnene Wanderungsbewegung nach den Vor einigten Staaten mit ihren Leistungen, ihren Erfolgen und ihrer Aufbanarbeit Hilfe nnd Kraft spenden. Ein frischer, klarer Wintertag ist das, an dem ich — gemeinsam mit einem jungen Berliner Rabbiner — in die kleine Spreewaldstadt in der Niederlansitz fahre. Alle vier Wochen — an einem Sonntag — reist der Rabbiner von Berlin aut dorthin, um die wenigen jüdischen Familien dieses Ortes zu „betreuen“. ... Vom Bahnhof aus gehen wir — vorbei am über hundertjährigen jüdischen Friedhof — in die Wohnung des Gemeindevorstehers, der alle Juden seines Städtchens und der Umgegend zum Gottesdienst am Sonntag Nachmittag eingeladen hat. Und wirklich: es fehlt kein Jude des Orts und kaum einer der umliegenden Ortschaften. Manche müssen zwar eine umständliche, unbequeme und immerhin mit Kotten verknüpfte Reise machen, um hierher zu gelangen. „Aber, wissen Sie**, sagt uns einer, „man hat doch das Bedürfnis, einmal in einer Gemeinschaft zu sein. Vier Wochen lang sitzt man da zu Hause im Kreise der Familie; kein Mensch kommt zu einem — wir sind die einzigen Juden am Ort. Da ist solch ein Sonntag Nachmittag hier, im Kreise von Glaubensgenossen, fast schon ein Erlebnis.“ Und wie sieht dieses Erlebnis, dies, ach, so bescheidene Erlebnis aus? Wenn die Sonne langsam versinkt, gehen wir hinüber in eine ganz schmale und enge Gasse, in der die Synagoge steht. Drei hohe Fenster, eines mit dem Magen David geschmückt, gehen zur StraBe; sie sind verhängt, und man sieht von drauBen nur einen sehr schwachen Lichtschimmer. Einen merkwürdig schwachen, flackernden Schein nur — dessen Merkwürdigkeit beim Eintritt in den Betraum seine Erklärung findet: diese Synagoge, vor über achtzig Jahren errichtet, hat weder Gasnoch elektrische Beleuchtung. Von der Decke herunter hängen zwei schöne schlichte bronzene Kronen, in denen Kerzen brennen; auch an den Betpulten befinden sich Lichthalter, die die brennenden Kerzen tragen. So — von dem eigentümlich gelblichen Licht erhellt — wirkt der Synagogenraum sehr anheimelnd, löst uns alle aus unserer privaten Sphäre, um uns zu einer Gemeinschaft zn verbinden. Das wäre in noch viel stärkerem MaBe der Fall, wenn uns nicht grimmig die Kälte des Hauses umfangen würde; so kalt ist es hier, daB unseres Mundes Hauch — wenn wir die Gebete sprechen — gleich einer bizarren grauen Rauchfahne vor unseren Lippen schwebt. Am cMuiMt fwtdftufo Ein Brief aus Halberstadt aus dem Jahre 1775 ,Jch sehe du klagst, daß mehrere der dortigen Bachurim (der Studierenden in Fürth) sich hauptsächlich mit anderen Wissenschaften befassen und die Tora zur Nebensache machen, während man in den früheren Zeiten Tag und Nacht über dem Talmud »aß und sich nicht mit profanem Wissen verunreinigte. Das ist freilich höchst betrübend, daß sie die Nebensache zur Hauptsache machen, aber ich möchte auch die Zeit nicht in allen Stücken preisen, wo man, wie in unserer Jugend geschehen, die Nebensache ganz verbannte. Ich glaube, daß auch in dieser Beziehung anwendbar ist, was der Weise sagt: Ergreife dies mit Emst, aber auch Schmal gestreckt ist der Synagogenraum, der unten etwa vierzig Menschen Plag bietet; die sehr hohe Empore der Frauen, zu der man über eine unerhört steile Treppe gelangt, dürfte etwa die gleiche Anzahl von Plagen aufweisen. Fünfzehn, sechzehn Männer — acht, zehn Frauen — zwei, drei Kinder haben sich hier am Sonntag Nachmittag zum Gottesdienst eingefunden. Bescheidene Kleinbürger, Händler, Handwerker — das sind die Juden dieses Ortes, sehr unjüdisch in Art und Aussehen, fast alles „Eingeborene“. „Fünfzehn Kilometer von hier — auf dem Lande — wurde ich geboren; mein Vater hat noch emo große Landwirtschaft gehabt. Aecker und Kühe und Pferde“, erzählt uns einer späterhin. Man betrachtet diese Juden, und man empfindet plöglich in erschütternder Deutlichkeit: nicht der einfache Jude Berlins oder Frankfurts oder Hamburgs, sondern dieser Jude hier, im Spreewald, das ist der „Mann der StraBe“. Ihm eigentlich müBte unter ganzes Bemühen gelten, ihm unser ganzes Interesse gewidmet sein, ihm unsere ganze Arbeit dienen. Dieses Juden Leben mit jüdischem Gehalt zu erfüllen, seinem Alltag jüdischen Inhalt zu geben — das sollte untere Pflicht sein. Dieser Jude sollte uns in all unserem Tun MaBatab und Richtung sein — denn er ist der wirkliche jüdische „Mann aus dem Volke“, wenn ihm sehr oft freilich auch die Tatsache, Mitglied des jüdischen Volkes zu sein, noch überaus befremdlich ist. Noch ein anderes empfindet man, während die Gemeinde hier das Minchannd Maariwgebet verrichtet. Wie ähnlich mag doch dieser Synagogenraum mit - seiner Kerzenbeleuchtung dem Betraum unserer Vorfahren sein, die auch so susammenkamen, die hier drinnen heimisch waren, denen die Gasse drauBen aber eine fremde Welt war. Wie unähnlich den Vorfahren aber die Menschen, die heute hier versammelt sind! Ihnen sind heute Gaste und Betraum, Umwelt und Judentum gleicherweise fremd. Alt wir nach dem Gottesdienst, nach den Gebeten und der belehrenden nnd packenden Predigt des Rabbiners, noch beisammen sind und uns miteinander unterhalten, äuBern zwar viele sehr lebhaft den Wunsch nach jüdischen Zeitungen, nach jüdischen Büchern. Ihr Interesse an jüdischen Dingen ist wachgeworden — „aber uns sind ja so von jenem laß die Hand nicht ab. Ich frage Dich: Ist es nicht eine Schmach, daß die meisten unserer Gelehrten nichts von Mathematik und Astronomie verstehen? Es sagen unsere Weisen: es sei heilige Pflicht, den Kreislauf der Planeten, Sonnen- und Mondzyklus genau zu berechnen und siehe, wie wenige unterer Gelehrten «erstehen die dazu erforderliche Kenntnis von Mathematik und Astronomie? Und wenn unsere großen Männer,’ wie Maimonides und andere, auch in diesen Wissenschaften groß und berühmt waren, so ist anzunehmen, daß sie Zeit auf das Erlernen derselben verwandt und das Bedürfnis, das schriftliche und mündliche Gesetz genau zu verstehen, sie dazu anpetrieben hat. Warum sollten wir dies unseren Bachurim untersagen? Dr. Hüde Ottenheimer. (Veröffentlicht von B. H. Auerbach: Geschichte der Gemeinde Halberstadt.) 5

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