Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 16 (1938)
- Issue
- 5 (1.5.1938)
- Date
- 1938-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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14. JfcrgJNr. S lidlicfc»» OiwiMrtMl Ik dto Sy—gogm OwihJiii la Pr—•—/Hordd«1tcM—d um im der Zeit heran» geboren, und e» iat erklirlieh, daB eine Terinderte Epoche eine Angleichung •n ihre Anschauungen bringt. Aach nach ihrer Umwandlung in rechts* fähige Vereinigungen wird der Kreis der Aufgaben der jüdischen Gemeinden der gleiche hleiben, sie werden auch ferner die jüdische Bevölkerung zu saasmenschließen, ihre Aufgaben religiöser und socialer, kultureller und answanderungspolitischer Natur erfahren keine Veränderung, im Gegenteil wird es einer Steigernag der Leistungsfähigkeit bedürfen schon vom Gesichtspunkte der Aufrechterhaltung der Auswanderung mit dem Ziele einer möglichen Stärkung dieser Bewegung. Im Verhältnis der Mitglieder der jüdischen Gemeinden su diesen selbst tritt durch die neue gesetslirhe Regelung keine Veränderung ein, die Grundlagen des Zusammenschlusses der Gemeinden bleiben die gleichen, die materiellen Mittel, die. aufgewendet wurden, um das jüdische Leben zu gestalten, werden keine Minderung erfahren. Das neue Gesetz regelt die Stellung der jüdischen Gemeinden vom Standpunkte der staatlichen Interessen, überläßt es jedoch den Gemeinden selbst, die Beziehungen zu ihren Mitgliedern zu ordnen. Zwischen der jüdischen Bevölkerung und den jüdischen Gemeinden besteht eine dorch die Jahrhunderte geheiligte traditionelle Verbindung. Beide sind miteinander verknüpft durch die heiligen Bande der jüdischen Religion; hierin ist kein Wandel eingetreten, in der ideellen und materiellen Mitwirkung der Gemeindemitglieder ist keine Veränderung erfolgt. Unsere Zeit verlangt den Einsatz eines jeden Juden für die jüdische Gemeinschaft, sie erfordert ideelle und materielle Opferbereitschaft. Zeitschema zu bringen, die Gefahr einer den Tatsachen nicht ganz gerecht werdenden Darstellung mit sich bringt, so ist auch die Behauptung, daß etwa erst um das Jahr 1830 die Einwanderung von Juden aus Deutschland nach den Vereinigten Staaten beginnt, mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmend. Aus einem Berichte des Rev. Sharpe erfahren wir, daß sich unter den frühesten Ansiedlern in New York 1712 schon Juden aus Deutschland befanden, und aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ragen jüdische Namen in Amerika hervor, deren Träger aus Deutschland eingewandert waren, und die nicht nur im jüdischen Leben Amerikas einen besonderen Klang haben. Erinnert sei hierbei nur an Haym Salomon, den „amerikanischen Patrioten und Finanzmann“, der, aus Lissa gebürtig, sieb um die Finanzierung und Durchführung des amerikanischen Unabhängigkeitskampfes Verdienste erworben hat, die zu wiederholten Malen von den amerikanischen Kongressen anerkannt worden sind und deren Bedeutung durch die Prägung einer goldenen Medaille gekennzeichnet wurden, die das Bildnis Salomons mit einer ehrenden Umschrift trägt. Erinnert sei auch an die Vertreter der Familie Grats, deren eines Mitglied, Rebekka Gratz, die Grundlagen für das jüdische Schulwesen m den Vereinigten Staaten legte, und «die für Walter Scott das edle und gütige Vorbild der schönen Gestalt der Rebekka in seinem Romane „Ivanhoe“ geworden ist. Man hat von diesen frühzeitig vereinzelt aus Deutschland eingewanderten Juden gesagt, daß sie „weit über dem Durchschnitt intelligent, tatkräftig, zuversichtlich und gottvertrauend gewesen sind“. Mit ihren sefardischen Glaubensgenossen arbeiteten sie zusammen an den neu entstandenen jüdischen Aufgaben, die Gottesdienst, Wohltätigkeit und-Gemeindeleben betrafen. Die soziologischen und kulturellen Differenzierungen, die, durch die geschichtliche Entwicklung bedingt, einen gewissen Abstand zwischen sefardischen und aschkenasischen Juden auch in dem neuen Land, in dem man neben- und miteinander zu arbeiten und zu beten berufen war, nicht ganz su überbrücken vermochten, sind einmal von einem geistreichen Schriftsteller mit einem Hinweis auf die Verschiedenartigkeit der Kunst eines P. Breughel und eines Rubens charakterisiert worden, die beide aus gleichem Volkstum und gleichem Boden entsprossen, doch ihre besondere und individuelle Eigenart zeigen. Die Vergangenheit der Sefardim war eine andere gewesen als die der Aschkenasha, die unwillkürlich als die „Neuankommenden“ angesehen wurden. Hatten die Aschkenasim das Erlebnis einer jahrhundertealten Unterdrückung und Ausschließung in der alten Heimat mit sich gebracht, so konnten die Sefardim auch noch nach Generationen nicht die stolze Vergangenheit ihrer Ahnen in der Blütezeit der spanisch-jüdischen Epoche, im „goldenen Zeitalter der jüdischen Geschuhte“, vergessen. Wirtschaftlich gesehen, waren die Sefardim zum großen Teil wohlhabende Kaufleute und Farmer, die die Züge einer gewissen Handelsaristokratie aufwiesen, während die Juden aus Deutschland, Oesterreich, Böhmen usw. als arme kleine, aber von Tatkraft und Lebenswillen erfüllte Händler und Hansierer in das neue Land kamen, deren Bildung — auch hier im Gegensatz zu den Sefardim — nicht immer auf größter Höhe stand. Schon 1783 hatte ein Jude aus Deutschland eine Petition an den Amerikanischen Kongreß gerichtet und ihm die Bitte vorgetragen, seinen Glaubensgenossen die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten zu ermöglichen und zu erleichtern. Was aus dieser Petition geworden ist, ob sie überhaupt im Kongreß zur Sprache gekommen ist, ist unbekannt und die Akten schweigen darüber. Sieber ist aber, daß wenige Jahre später zieh jüdische Gemeinden, mit größtenteils Juden aus Deutschland, in Philadelphia, Lancaster, Pennsylvanien und Maryland gebildet haben. Der große Zuzug der Juden aus den deutschen Einzelstaaten aber beginnt erst mit dem Sturze Napoleons und den für die Juden in Deutschland teilweise niederdrückenden Ergebnissen des Wiener Kongresses. Boten die als Folge der Kriege auftretenden Wirtschaftsschwierigkeiten in Deutschland im allgemeinen schon stark verringerte Lebensmöglichkeiten und Aussichten. für eine gesicherte Existenz, so bedeuteten die starken und tiefeingreifenden rechtlichen und politischen Einschränkungen der Juden — besonders in den süddeutschen Staaten Bayern, Baden, Württemberg — eine den Auswanderungswillen außerordentlich anregende and fördernde seelische Belastung. Besonders die das Familienleben der Juden beengenden gesetzlichen Bestimmungen in bezug auf die Eheschließungen spielten hierbei eine große Rolle. Man kann sich ein Bild von der Art der Aaswanderung in den fünf Jahrzehnten von 1830—1880 machen, wenn man beispielsweise aus der Gemeinde Icbeahausen in Württemberg hört, daß von 1830—1870 320 Jaden von dort fortzogen und von diesen 317 96 Prozent nach den Vereinigten Staaten gingen. Gerade an diesem Beispiele lernen wir das charakteristische Merkmal der damaligen jüdischen Emigration kennen: Es ist eine ausgesprochene „Familienauswanderung“, bei der die ersten tatkräftigen, arbeitsamen und bald erfolgreichen Kolonisten die au Hause Gebliebenes nach verhältnismäßig kurzer Zeit nachkommen ließen, sie — um im heutigen Sinne zu sprechen — „anforderten“. Dazu kam, daß die Erfolge, die der und jener Auswanderer „drüben“ hatte, die günstigen Aussichten, die sieh im neuen Land für das „Vorwärtskommen“ eroffneten, in der Gemeinde, im Verwandten- und Bekanntenkreise rasch bekannt wurden, und daß sich an diesen Erzählungen, an diesen Berichten und Briefen wieder die Initiative anderer entzündete, die, wenn sie „hinübergingen“, nun hoffen durften, im fremden Lande durch die früher Herübergekommenen bald Rat, Hilfe und Anschluß zu finden. Es sind aus diesen Jahren eine gante Reihe von Briefen und Berichten veröffentlicht worden, die uns einen Einblick in das Leben der neuen jüdischen Siedler und Kolonisten gewähren. Da hören wir, wie diese Menschen, kaum an Land gekommen, sich weiter nach dem Westen begehen, einen kleinen mühseligen Hausierhandel beginnen und den fernab von den größeren Städten wohnenden Farmern ihre notwendigen Waren bringen. Von den ersten Verdiensten kaufen sie sich einen Wagen und ein Pferd; sie haben jetzt größere Bewegungsfreiheit und einen weiteren „Aktionsradius“ für ihren Handel. Sie schicken die Ersparnisse nach Hause, und bald können die ersten Familienmitglieder nachkommen, ein Laden wird eröffnet, ein fester Wohnsitz wird gegründet, and damit beginnt auch das Bedürfnis und der Wunsch nach jenen Einrichtungen, die die Voraussetzungen nnd Grundlagen des jüdischen Gemeinschaftslebens sind. Eine Gemeinde bildet sich, ein zunächst ernstes einfaches Gotteshaus wird errichtet, dem einige Jahre später als Zeichen des wachsenden Wohlstandes der einzelnen Gemeindemitglieder die Errichtung einer größeren Synagoge folgt, ein Friedhof wird angelegt, Wohlfahrtseinrichtungen werden geschaffen. „Letzte Woche“, so lesen wir in einem Briefe aus New York vom Jahre 1841, „wurde hier eine neue Synagoge in Attorney Street eingeweiht, das iat die fünfte in dieser Stadt, die Zehntausende von diesem alten Volk in sich aufgenommen hat« Diese Gemeinde hat zum größten Teil die Emigranten ans Deutschland, aus Bayern, Baden usw.“. Ein jüdischer Weltreisender, der die Erfahrungen seiner Amerika-Reise in einem zweibändigen Werke niedergelegt hat, Israel Joseph Benjamin („Drei Jahre in Amerika“ 1862), hat sich besonders mit der Frühgeschichte der Juden aus Deutschland in Amerika beschäftigt; auch er erwähnt die süddeutschen Staaten als Hauptherkunftsland der jüdischen Emigranten, und er rühmt ihren Fleiß, ihre Anspruchslosigkeit und ihre Sparsamkeit. Das Geheimnis ihres Erfolges war ihr Optimismus, ihr gesunder Menschenverstand, ihr Gottvertrauen und ihre sähe Ausdauer, Eigenschaften, die sie als Erben nnd Trägefeeixier harten und die stärksten Lebenskräftiger Entfaltung bringenden Vergangenheit mit sieh brachten« In einem frühen Jahrgange seiner „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ (Bd. XIII S. 649) hat Philippson interessante Stellen aus Gerstäckers „Amerikanische Waldand Strombilder“ (1849) abgedruckt. Gerstäcker berichtet u. a., daß nicht 1/J0 der damaligen Einwanderer aus Deutschland Christen waren. Es ist hier nicht der Ort, nm über die Bedeutung der Juden ans Deutschland für den Wirtschafts- und Staatsaufbau der Vereinigten Staaten zu sprechen. Namen wie Strauß, Morgenthau, Schiff, Rosenwald, deren Väter noch in Deutschland geboren waren, nnd die dann in Amerika durch ihre Leistungen der neuen Heimat ihren tätigen Dank tollen konnten, sprechen für sich selbst. Aber was die Juden, die mit dieser großen zweiten Einwandernngswelle nach den Vereinigten Staaten kamen, dem jüdischen Leben bedeuteten, das bedarf einet Hinweises, den ich zufolge des geringen zur Verfügung stehenden Raumes nur andeuten kann. Für die spanisch-portugiesischen Juden war die Synagoge der Mittelpunkt jüdischen Lehens gewesen. Von ihr ging das Gemeindelebea aus. Die Juden ans Deutschland verlegten durch die neu zu gründenden 2