Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 16 (1938)
- Issue
- 3 (1.3.1938)
- Date
- 1938-03-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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1«. Jhrg-/*'- 5 MMtechM G«wl»id«blatt für <fl« ty»»90fl»it-0*i—twd«w Ir PfR6RR/WoiddR<itechlw>d 1. Min 1»SI gaben Klarheit darüber, daß der weitaus größte Teil der Auswanderer nach Palästina und Uebersee gegangen sei and daß nur noch relativ wenige Personen sich in europäischen Landern aufhalten. Auch in Zukunft soll der Auswandererstrom nach der gleichen Richtung gelenkt werden. Die Konferenz führte zu einem Einverständnis über den Inhalt einer Konvention. Von den 23 Artikeln der Vereinbarung ist als wesentlich hervorzuheben, daß den Auswanderern Ausweispapiere gegeben werden »ollen, die ihnen die Ausreise und die Wiedereinreise in den betreffenden Staat ermöglichen sollen. Das Recht zur Ausweisung soll auf die Fälle beschrankt wercfen, in denen der Ausgewanderte sich Verstöße gegen die nationale Sicherheit oder die öffentliche Ruhe zuschulden kommen läßt. Nach einem dreijährigen Aufenthalt im betreffenden Lande soll der Auswanderer ein Recht auf Arbeitsbetätigung haben; ohne zeitliche Beschränkung soll es ihm zustehen, wenn er sich mit einer Inländerin verheiratet oder wenn er Kinder hat, die die Staatsbürgerschaft des betreffenden Landes haben. Die Anwartschaft auf soziale Hilfe soll den Ausgewanderten in weitgehendem Umfange eröffnet werden. Die der Konvention beitretenden Staaten können ihre Beteiligung jederzeit kündigen, bleiben aber nach erfolgter Kündigung noch ein Jahr an die Bestimmungen gebunden. Inwieweit die unterzeichnenden Staaten die Vereinbarungen auf ihre Kolonien anwenden wollen, bleibt ihrem eigenen Ermessen überlassen* Die Vertreter von Polen, Holland und der Schweiz haben gegen die Konvention gewisse Vorbehalte angemeldet. Der Vertreter der Schweiz sprach sich besonders gegen die Flüchtlinge aus, die aus steuerrechtlichen, finanziellen und militärischen Gründen ihr Land verlassen haben. Die Konvention tritt in Wirksamkeit, wenn sie von den Regierungen der bei der Konferenz vertretenen Staaten angenommen wird. Bisher haben die Vertreter von zwölf Staaten unterzeichnet, nämlich Belgien, England, Dänemark, Spanien, Frankreich, Norwegen, Holland, Cuba, Portugal, die Schweiz, Schweden und die Tschechoslowakei. Polen hat die Unterzeichnung abgelehnt. Der holländische Delegierte erklärte, daß nur eine Gesamtlösung eine Bedeutung haben könne. Solange dies nicht der Fall sei, könne Holland an eine gedeihliche Lösung nicht glauben. In den Schlußreden haben einige Delegationen Vorbehalte angemeldet. Diese Vorbehalte bezogen sich insbesondere auf die sozialen Fragen. Die von der Konferenz gefaßten Beschlüsse bedürfen noch nach der Unterzeichnung durch die Delegierten der Ratifikation. Es muß demzufolge abgewartet werden, welche Stellung die Regierungen in der Frage einnehmen werden. „Schattender Wille** Jaden werden Bauern und Handwerker Aus den tausend Fragezeichen und Ungewißheiten, die beute jüdisches Leben umgeben, ist eine sehr oft gestellte Frage entstanden: die Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz. Dieser Sinn ist anders geworden. Es hat sich vieles verändert. Was in der Rangfolge einmal an einer der ersten Stellen gestanden hat, rangiert heute an einem ganz anderen Platz. Was früher wichtig gewesen ist, hat heute manches und alles von seiner Bedeutung verloren. Die Blickpunkte des Lebens liegen anders. Von mancher Komplizierung und kulturellen Entwicklung haben wir uns abgekehrt. Der Sinn für das Einfache und Ursprüngliche spielt seine große und beherrschende Rolle. Das gilt für das tägliche Leben. Und das gilt für Schale, Beruf und Arbeit. Das große Wort und das große Werk der Berufsumschichtung und Berufsaasbildung würden ohne diese geistige Einstellung nicht möglich sein. Man sieht so ganz anders ins Lehen hinein, seihst dort, wo es sich nicht unmittelbar um diese Dinge handelt. Wenn man irgendwo in der Welt Juden als Handwerkern, Juden als Arbeitern und Juden als Bauern begegnet, dann fühlt man etwas von dem, was für Juden eigentlich heute diese» Streben nach einer anderen Berufsstraktnr bedeutet. Man jit allen diesen Bestrebungen aufgeschlossen. Man betrachtet mit großem Interesse jalle Vorkehrungen und alle Einrichtungen, die sich damit befassen. Selbst diejenigen, die nicht unmittelbar durch persönliche Bande mit diesem Werke verbunden sind, spüren heute, worum es dabei geht. So war es ein guter Gedanke, einmal einer breiten jüdischen Oeffentlichkeit im Bilde zu zeigen, was alles in dieser Hinsicht für junge Juden in Deutschland geschieht. Das geschriebene oder gesprochene Wort allein kann das nicht verdeutlichen. Die Dinge werden gewisser, wenn man sie sieht. Die Begriffe bekommen einen Inhalt, wenn man sie in ihrer Verwirklichung vor Augen hat. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland hat einen Filmstreifen herstellen lassen, der den programmatischen Titel „Schaffender Wille“ trägt. Ein großes sprühendes Lehen ist in diesem Film, weil er eben das Lehen zeigt: junge Juden werden Bauern und Hand- Achtung — Also auch das wird gemacht: ein Film, wirksamstes Propagandamittel unserer Zeit. Mit Recht werden alle Mittel und Wege benutzt, um aufzuklären: „Was geschieht?“, um pflichtgemäß darzustellen: „Wo bleibt das gespendete Geld?“ und um werbend zu fordern: „H elft weiter!“ Dieser Film, der soeben fertiggestellt wurde and dem bereits eine wirksame „filmartige“ Werbebroschüre „5 Jahre Hilfe und Aufbau“ vorausging, wird nun bald in allen Gemeinden gezeigt werden können. Schon der Titel ^Schaffender Wille“ verrät uns seine Linie, und die Männer vom Ban, welche sich darum mühten, diese Linie einzuhalten. werker. Man sieht sie an der Arbeit: beim Graben und Eggen, beim Ernten and Dreschen, am Schraubstock und an der Hobelbank, in der Schlosserei nnd in der Schmiede. Man sieht sie, wie sie an den Maaehinen hantieren, die Mädchen in der Küche und in der Hausarbeit lernen. Man aieht sie allesamt beim Lernen von Sprachen. Man aieht aie gern und bejaht alle*, was aie ton. Man spürt förmlich, mit welchen neuen, anderen Augen diese Jungen in die Welt hinausschauen. Vielleicht waren daa die besten Bilder des Films, in -denen man iah, wie Menschen nnd Tiere Freunde sind, wie die Jungen mit Liebe ihr Werk betrachten, daa sie zu vollenden im Begriffe sind. Es war schön, diesen Film zn sehen, der vor geladenen Gästen der Reichsvertretung , in Berlin uraufgeführt wurde. Vielleicht könnte man sich vorstellen, daß dieser Film noch beschwingter und Mitreißender hätte gestaltet werden können und daß vor allem der Rhythmus von Text und Bild schwungvoller zu sein vermag. Aber der Eindruck blieb trotz allem. Er wurde nicht suletzt durch die Worte verstärkt, die vor der Aufführung der 1 .äsident der Reichsvertretung, Rabb. Dr. B a e c k sprach. Er meinte, daß wir Juden doch eigentlich mehr seien als-eine Schicksalsgemeine.-haft, von der man immer spreche. Wir seien darüber hinaus eine Gemeinschaft des Willens, des Willens zum Guten und zum Schaffen. Jedes Bild des Films habe seine menschliche Bedeutung. Hinter ihm müsse die Idee erkannt werden, und nicht zuletzt die Zahlen der Aufwendungen, die in den letzten fünf Jahren für Hilfe und Aufbau gemacht worden sind. 4% Mill. Reichsmark sind für Wanderungszwecke für 70 000 Menschen ausgegeben worden, 3 Mill. Reichsmark für Berufsumschichtung und -ausbildung von 15 000 Juden, 2% Mill. RM. sind für die Schulung von 23 000 jüdischen Kindern verwendet worden und 1% Mill. RM. für Wohlfahrtshilfe für 80 000 Menschen. Wir sind Gemeinschaft im tiefsten Glauben und darum im schöpferischen Willen. Nsch der Aufführung des Films, bei der die jüdischen Sängerknaben unter der Leitung von Erwin J o s p e hebräische Lieder sangen, fand ein Beisammensein der Gäste statt, bei dem der geschäftsführende Vorsitzende des Präsidialausschusses der Reichsvertretung, Min..Rat i. R. Dr. Otto Hirsch, das Wort nahm und zu neuem Helfen und Schaffen aufrief. —ah Aufnahme! hatten sicher eine schwere, aber schöne Aufgabe. Schön deshalb, weil es hier galt, eia Werk von der Gemeinschaft für die Gemeinschaft zu schaffen ..., und eine schwere Aufgabe war es, weil nur beschränkte Mittel hierfür zur Verfügung standen. Was macht man, wenn ein Film gedreht werden soll und die Kasse schmal ist? Einen Schmal- Film natürlich! Dieses Filmmaterial ist nicht nur schmaler als der für den Spielfilm übliche Normalfilm, sondern auch billiger« Was ist sonst noch teuer in der Filmherstellung? Worüber regen sich die Herren Produktionschefs stets auf und raufen »ich ihre spärlichen Haare? Natürlich über die nfrogM bereitwilligst vnverbindltdi beantwort«! 4