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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-02-01 · 2 (1.2.1938) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
2 (1.2.1938)
Date
1938-02-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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U♦—M«MH llr dto ßp—fR—■•—lad—!■ rmlii/IMdNlhkM Ihta» HR Die Unbeweglichen Jeder, der in der jüdischen Arbeit fleht, weiß es: so wie der Krieg bei allen an ihn| beteiligten Völkern da« Bild des „unbekannten Soldaten*4 schuf, so schafft jede Not ihre anbekannten Helden, Helden, die unbekannt bleiben und doch wirklich da find und wirken. So lieft man in dieser Zeit in jüdischen Blittern wohl anch gelegentlich vom. „unbekannten Jaden**; and viel, unendlich viel des Röhrenden, des seelisch .Großen, des Nachahmenswerten ließe sich erzählen — eine ' sechanndaechaigjäbrige, sehwer heraleidende Frau, einst nicht wohlhabend, sondern reich, heute mit einem Barbestand von 3 (drei) Mark nnd ohne jegliches Einkommen, daiu völlig vereinsamt, schreibt einem ihrer Berater: „Ich habe mich als Helferin snr Jüdischen Winterhilfe gemeldet, bekam anch heute eine Zusage, aber ob ich es mit dem kranken Herzen ausführen kann, ist fraglich.** S o sind unsere Mensche« heute und das ist nur eine von den unzähligen Bekundungen stillen Heldentums, die sich täglich ereignen; fast möchte man wünschen, es käme einer und stellte aDe derartigen Berichte zusammen — „Ehrentafel des jüdischen Herzens** dürfte der Name eines derartigen Buches lauten. Aber es ist gut, daß dieses Buch nicht erscheint. Nach außen würde es als Dokument der Selbstgefälligkeit wirkest, und nach innen könnte es Selbstzufriedenheit hervorrufen: Aeh wirklich, so hervorragende Menschen sind wir?! das habe ich ja gar nicht gewußt, aber es ist gut so, denn da brauche ich mich ja nicht mehr anzustrengen... das könnte, bei einigen unter uns, die Wirkung einet derartigen Buches sein. Und darum ist et gut, daß es ungeschrieben bleibt. Denn alles, was darin stünde, wäre zwar wahr, aber wahr ist auch manches, was nicht auf der Ehrentafel Platz finden dürfte, weil es uns nicht zur Ehre gereicht. Denn et gibt doch wohl auch bei uns, wie man im Volksdialekt tagt: So’ne und Solche. Und diese letzteren möchten wir nicht noch mehr beruhigen; sie sind uns ohnehin schon unbeweglich genng. Einem ebenfalls schon mehr als sechzigjährigen ehrenamtlichen Helfer — nnd alle Helfer des Jüdischen Winterhilfswerkea arbeiten bekanntlich ehrenamtlich — begegnete im vorigen Winter dies: er kam an einem Sonntagvormittag in eine im vierten Stockwerk gelegene, gut bürgerliche Wohnung (die Wohnungsinhaber haben einen Fahrstuhlschlüssel, der fremde Sammler aber natürlich nicht); die Familie lag noch in den Betten, ein vierzehnjähriger Junge in Nachtbekleidung und Morgenrock öffnete, ließ den Herrn draußen auf dem ungeheizten Treppenfiur stehen, rief den Eltern etwas durch die Sehiafshnmertür zu, und von dort klang dann die Stimme des Papas aus den Kissen zurück: „Der Mann soll in ’ner Stunde wiederkommen!** Nämlich um dreißig Pfennig in Empfang zu nehmen ... Ein schöner nnd ein schlechter Fall sind hier erzählt. Znr Nacheiferung anspornen will der eine, abseh recken will der andere Bericht. Es gibt viel Gutes, aber es ■ gibt ebenso viel noch zu bessern. „Welches ist das höchste Laster und ist doch nicht Begierde, nicht Leidenschaft?“ fragt Berthold Auerbach einmal und gibt zur Antwort: „Es ist die Trägheit!“ das bezieht sieb wahrlich auch auf die Trägheit des Herzens. Wo sie noch vorhanden ist, da das Eis zu brechen — das muß die erste Sorge der Jüdischen Winterhilfe sein. Denn gelingen kann das Werk nur, wenn endlich jeder; aber wirklich auch jeder, sich erinnert: jüdische Not ist nicht die Not dieses oder jenes Juden, und jüdische Hilfe ist daher nicht Hilfe, die man einem Andern erweist. Was die Liebe nicht vermocht hat, weil die menschliche Natur aieh ihrer Anforderung gegenüber als unzulänglich erwies, das hat nun das Schicksal mit uns zuwege gebracht: daß wir im Andern aas selbst erkennen. Dieser Gewinn ist es, der untere Zeit und unter Erleben so groß macht und der unser ganzes heutiges Geschlecht adelt. Aber freilich muß sich aus seiner Trägheit heraue- und über sieb seihst hiaausbewegen, wer daran teilhaben will. Wer dagegen bleibt, wie er ist, klein und eng, dem nützt die Größe der Zeit und des Schicksals nichts. Das jüdische Schicksal ist immer — oder doch, in Abständen, immer wieder — groß. Was aber die Träger dieses Schicksals betrifft, uns Juden —: uns ist in den Psalmen ein überaus zeitnahes „Wenn“ zugerufen, das, in davidischen Tagen gesprochen, ganz ebenso für unsere Zeit, für uns heutigen Juden gilt; es gibt keinen in unterer Mitte, dessen Persönlichkeitswert nicht nach diesem uralten Wenn seine Einschätzung erfährt: „Er ist unser Gott; wir sind das Volk, das er weidet, die Herde seiner Hand — noch heute, wenn ihr auf seine Stimme hört.“ Gtz. Martin But>«r als Lalter und Lehrer der jüdischen Jugend Aafa. SoaaaalaU. Perspektiven der Auswanderung Das Auswanderungsproblem ist in den letzten Wochen wiederholt in Aeußerungen führender Persönlichkeiten der großen Politik behandelt worden. Der polnische Außenminister Oberst Beck hat in einer Rede vor einer Sejmkommission die Bereitschaft Polens zum Ausdruck gebracht, im Völkerbund in Fragen der Auswanderung mitzuarbeiten. Er unterstrich hierbei die Bedeutung der gesamten Auswanderungsfrage für Polen. In Rumänien ist durch die Berufung der christlich-nationalen Regierung Goga-Cuza und durch die von dieser Regierung getroffenen Maßnahmen in der Judenfrage eine neue Lage geschaffen worden. Ministerpräsident Goga hat die Zahl der Juden, die in Rumänien als unerwünscht anzusehen seien, auf etwa eine halbe Million beziffert. Auch auf die Tagung des Völkerbandrates werden die Auswinderungsprobleme zweifellos übergreifen. In den nächsten Monaten soll außerdem innerhalb des Internationalen Arbeitsamtes sich eine besondere Konferenz mit Auswanderungsfragen befassen. Von großen international anerkannten Wirtschaftssachverständigen ist wiederholt die Bedeutung der Wanderungsfrage hervorgehoben und sie als eines der Probleme internationaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit bezeichnet worden. Politik und Wirtschaft hingen bei der Lösung aller Auswanderungsprobleme aufs engste zusammen. Sie sind nicht voneinander zu trennen. Es weiß jeder, in welcher Weise ein Konjunkturaufstieg in der Welt der Auswanderungsfrage ein anderes Gesicht gibt. Ein Konjunkturrückgang, eine Depression, aber auch nur ein Geschäftsrückgang wie jetzt in den Vereinigten Staaten zeigt unmittelbar, was alles auf die Gestaltung von Auswanderungsfragen einwirken kann. Jeder ist heute von diesen Dingen berührt. Jeder liest sie zum mindesten in den Briefen, die er aus der Ferne erhält. Jeder siebt seine Schlüsse und macht sich seine Gedanken. Der soziale Apparat, die Struktur der Politik, der Wirtschaft und auch der Kultur, die allesamt mit dem Auswanderung*Problem eng Zusammenhängen, ist heute so kompliziert und so wenig übersichtlich geworden, daß es für den einzelnen schwer ist, alle in Betracht kommenden Faktoren an überblicken und in Rechnung zu stellen. Es ist schwer, alles zu berücksichtigen, was bei der Suche nach Lösnngsmögiichkeiten in Betracht zu ziehen ist. Aber gerade deshalb werden die jüdischen Auswaaderuugsorganisationen ihr Aeußerztes tun müssen, um schon rein organisatorisch den Anforderungen gerecht zu werden, die heute an sie gestellt werden. Sie kennen den organisatorischen Rahmen schaffen, der not* wendig und angemessen ist und durch ein« Zentralisation dafür sorgen, daß alle Einwanderungsmöglichkeiten bis zum Letzten ausgenutzt werden. Die Behandlung der Auswanderungsfrage als solcher aber entwickelt sich mehr und mehr zu. einer internationalen Angelegenheit. Sie ist von Faktoren abhängig, die im Bereich der großen Politik’ liegen. Die Staaten haben schon wiederholt begonnen, von sieh aus dieses große Problem anzugreifen. Polen hat, wie bekannt, eine Kommission nach der französischen Kolonie Madagaskar entsandt, nm Siedlungamögliebkeiten festzustellen. Frankreich bat hierbei und bei der Lösung selbst seine Unterstützung zugesagt. Bei dem Besuch des französischen Außenminister* Delbos in Warschau bat der polnische Außenminister Beck ebenfalls die Auswanderungsfrage angeschnitten. Ein halboffizielles Kommunique, das über die Untersuchungsergebnisse der Madagaskar-Kommission herausgegeben worden ist, siebt dev Möglichkeit einer Ansiedlung von Juden nicht zu weite Grenzen. Die Dinge sind im Fluß. Die Gedanken gehen immer wieder nach Ueberaee, um dort Raum für Juden zu finden. Es gab eine Zeit, wo man große Befürchtungen haben konnte, wie die bereits dort vorhandenen jüdischen Einwanderer eingegliedert werden könnten. Die Umwälzung in Brasilien insbesondere ließ manche Probleme entstehen. Es' wird nunmehr bekannt, daß die brasilianische Regierung über tanzend Ausweisungsbefehle zurück ge nomtneu hat, und daß die davon betroffenen, meist jüdischen Einwanderer au* Deutschland, im Lande bleiben können. Eine Kommission ist eingesetzt worden, die untersuchen soll, in welcher Weise die Legalisierung dieser Einwanderer erfolgen könne. Sie ist bereits an der Arbeit So steht die ganze Auswanderungsfrage heute mehr denn je im Mittelpunkt internationaler Erörterungen und nicht zuletzt der Probleme der internationale« Politik. Das gibt ihr eine neue Perspektive. Und alle Verzweigungen und Verästelungen dieaas Problems sind damit unter Gesichtspunkte« zu betrachten, die der sich stetig verändernde« Situation in der politischen Welt Rechnung tragen. Dr. Arno Herzberg. An die Juden in Deutschland Dz* jüdische Palästina steht hente in einer wichtigen und schweren Periode des Ucbcrgangs. Wer hier diese Zeit durchlebt.^ fällt jeden Tag von neuem, daß unsere politische Situation mit unserer Leistung nnd Stärke im s

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