Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 16 (1938)
- Issue
- 2 (1.2.1938)
- Date
- 1938-02-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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16. IhrffJNr. 2 Ijiigogw Oamahidois Hi HmIm/Miii ddi«HcM—d tra biUnigixit ist auf jedes Fall notwendig. Schnellkurse sind eine zweifelhafte Sache. Nur der Auswanderer hat wirklich eine Chance, sich schnell in den Wirtschaftsprozeß einzuordnen, der die Sprache des Landes beherrscht. Keiner darf sich der Illusion hingehen, daß man die Sprache doch „zawiezo“ und „von alleine nebenbei“ lernen könne. Wer annimmt, daß er auf der Ueberfabrt und im Lande selber Zeit zum Spracheastudinm findet, irrt -sich sehr. Nur eine sorgfältige Ausbildung gibt die Gewähr für möglichst reibungslose Einordnung Die jüdische Jugend muß mit einem bestimmten psychischen Vorgefühl an ihre Ausbildung gehen. Sie muß wissen, daß sie in eine neue Welt kommt, daß sie unter gänzlich veränderten Voraussetznngen arbeiten wird. Sie muß bereit sein, sich der neuen Umwelt so weit wie möglich anzupassen. Die heranwaehsenden jungen Menschen werden in einem anderen Erdkreis der Arbeit narhgehen. Vielfach liegen die Auawauderungsländer unter Himmelsstrichen, die besonders hohe körperliche Anforderungen an den einzelnen stellen. Nicht jeder ist den klimatischen Bedingungen gewachsen, die in manchen tropischen oder subtropischen Emwanderungsländern vorhanden sind. Hier heißt es, vorsichtig seht. Wer sich zu Auswanderung in ein überseeisches Land vorbereitet, soll sich vor der Berufswahl nach Möglichkeit vom Arzt auf T r e p.e n f e s t i g k e i t untersuchen lassen. (Adressen solcher Aerzte gibt der Hilfsverein der Juden in Deutschland.) ★ Fassen wir zusammen: Eine sichere Prognose für die Berufswahl der jüdischen Jugend kann man nicht geben. Aber die Grundsätze, welche wir oben «führten, werden ihre Gültigkeit behalten. Ein Ueberwiegen der akademischen Berufe, ein Zuviel an Kaufleuten könnte schädlich sein. Aber wir wollen nicht vom einen ins andere Extrem fallen. Man kann nicht Berufsplanung machen, ohne auf die beruflichen Anlagen, die angeborenen Fähigkeiten des einzelnen Rücksicht zu nehmen. Der Sinn unserer Darlegung kann nicht sein, verbindliche Hinweise zu geben. Das liegt bei den Berufsberatungsstellen der örtlichen Gemeinden. Und wir sind uns darüber klar, daß letztlich die Entscheidung bei den Eltern und bei den jungen Menschen seihst liegen muß. Die Grundforderungen einer planvollen jüdischen Bernfssehiehtung dürfen dabei jedoch nicht aus den Augen verloren werden. Hans Martin Schwarz. Reich »Vertretung: der Jaden in Deutschland Etatberatung und Resolution Am 13. Januar fand die Tagung des Rats der Reichsvertretung der Juden in Deutschland statt, die der Festsetzung des Haushaltsplanes der Reiehsvertretung für 1938 diente. Sie wurde umrahmt von Ausführungen des Präsidenten der Reichsvertretung, Dr. Leo B a e e k, die sich an die Gesamtheit der Juden in Deutschland wandten. Die Etatberatung wurde durch einen weitschauenden Ueberblick des geschäftsführenden Vorsitzenden der Reichsvertretung, Dr. Otto Hirsch, eingeleitet. Es folgte das Referat des Generalberichterstatters des Hanshaltsaussehusses, Dr. Leo Lippmann, Hamburg. Aus dem reichen Material, das sich im Verlaufe der Beratung ergab, seien nur einige die Oeffentliehkeit interessierende Zahlen wiedergegeben. Der Etat schließt in Einnahme und Ausgabe mit 4 351 300 XX. Dieser Betrag wird aufgebracht werden teils durch die Beiträge der Landesverbände, teils durch die Sammlungen der Reiehsvertretung innerhalb Deutschlands,.teils durch die Beträge, welche auch für das Jahr 1938 von den jüdischen Hilfsorganisationen dgs Auslandes erwartet werden. Von allen Seiten wurde dem Danke immer wieder Ausdruck gegeben, den die Juden in Deutschland den ausländischen jüdischen Hilfsorganisationen schulden. Von den Ausgaben entfallen: auf Berufsausbildung und -Umschichtung sowie sonstige Betreuungen der schulentlassenen Jugend etwa 1 Million; auf Auswanderung etwas über 1,3 Millionen; auf das Schulwesen etwas über 650 000 XM; auf religiöse Einrichtungen etwas über 100 000 XM (die verhähnismäSige Geringfügigkeit dieses Betrages erklärt sich daraus, daß die Pflege und Aufrechterhaltung des religiösen Lebens in denjenigen Gemeinden, die aus eigener Kraft dazu nicht mehr in der Lage sind, Aufgabe der Landesverbände ist); auf Wohlfahrt ungefähr % Million; auf Jugeud und Sport 100 000 2N; der Personairtat wurde mit 250 000 XM verabschiedet. Der Verwaltungsetat wurde auf 138 060 XM festgesetzt. Die Beratungen ergaben in sachlich fördernder Erörterung einen Einblick in die Tiefe und Breite der Arbeit der Reichsvertretnng und damit der Gemeinschaftsarbeit der Juden in Deutschland überhaupt. Die von Herrn Rabbiner Dr. Baeck unter allseitiger Ergriffenheit verlesene RESOLUTION wurde vom Präsidialausschuß und Rat der Reichsvertretung der Juden in Deutschland einstimmig angenommen. Sie hat folgenden Wortlaut: „Die Reiehsvertretung der Juden in Deutschland hat in Zusammenarbeit mit den jüdischen Landesverbänden, Gemeinden und Organisationen sich bemüht, den Raum, der den Juden in Deutschland geblieben ist, mit Sinn und Inhalt zu erfüllen. In ihren Maßnahmen durfte sie sich auf die Zustimmung und Mitwirkung des weitaus größt« Teils der Judenheit in Deutschland stützen. So hat sie den geschichtlichen, oft so schwierigen Umwandlungsprozeß auf fast all« Gebiet« des jüdischen Leb«s maßgebend beeinflußt. Seit Jahr« steht die Auswanderung, die Schaffung von Einrichtungen, die ihr und ihrer Vorbereitung mittelbar oder unmittelbar dien«, im Vordergrund des Sorgens und Handelns der Reichsvertretung. An die Steile der unruhig« und ziellos« Auswanderung wurde mehr und mehr das Prinzip der Ordnung und Planung gesetzt. Die Reichsvertretung sieht es als ihre Pflicht au, auch dem Verlang« nach Beschleunigung der Auswanderung Rechnung zu trag«. Sie sieht sich aber g«ötigt, vor übertrieb«« Erwartung« zu warn«. Die Möglichkeit« der Auswanderung häng« nicht nur von ihrem Will« und der Arbeit der Wanderungsorganisation« ab, sondern vor allem von der Bereitwilligkeit der ander« Länder, ihre Tore für die Jud« aus D«tschland, ebenso wie auch für die aus Osteuropa, off« zu haltern Darauf hat aber die Reichsvertretung kein« bestimm«den Einfluß. Sie kann nicht Wunder tun und sie vermag nicht, die Bedingungen, die ihrer Absicht in der Welt «t gegenstehen, zu ändern; Bei einer planlos sich vollziehenden Auswanderung kann sie eine Verantwortung für ihren geordnet« Vollzug nicht übernehm«. Die Reiehsvertretung richtet in dieser Stunde einen Appell an die Palästinaregierung, den Jud« in Deutschland, vor allem den ausgebildeten jung« Jud«, die sieh für den Aufitau Palästinas ein setzen wollen, den Weg dorthin nicht zu verleg«. Sie richtet ihr« Appell an die überseeisch« Länder, insbesondere an die mit dünn besiedelten Gebieten, durch Gestaltung und Handhabung der Einwanderungsbestimmungen eine größere Zahl nützlicher Einwanderer aufzunehmen. Ein erheblicher Teil der in ihrer Zusamm «setaung stark überaltert« Judenheit in Deutschland ist auswanderungsunfähig und wird seine Tage in Deutschland Martin Buber, der SechzigjShrige Aals. Sosaealcld. beschließ« muss«. Soll er nicht der öffentlichen Wohlfahrt anheimfallen, so diirf« ihm die Erwerbswege nicht völlig versehloseen werden. Auch die Fortsetzung geordneter Auswanderung — und nur diese hält die Einwanderungatore auf die Dauer off« — ist nur möglich, wenn die wirtschaftliche Existenzfähigkeit der Jud« in Deutschland nicht noch weiter geschmälert wird. Nachdem die Jud« aus dem staatlichen, kulturellen und gesellschaftlich« Leb« und aut all« führend« wirtschaftlich« Stellung« ausgeschaltet sind, bitten wir deshalb die Reichsregierung, daß der Verringerung der Erwerbsmöglichkeit für die Judenheit in Deutschland Einhalt getan werde. Wir hof* f« ferner, daß die Möglichkeit des persönlich« Verkehrs zwisch« d« Ausgewandert« und ihr« Angehörigen, die in Deutschland Zurückbleiben müssen, nicht unterbunden wird. An die Jud« in Deutschland w«det sich die Reichsvertretung mit der Bitte, Geduld zu bewahr« und angesichts der gesteigert« Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht müde zu werden. Ohne Lebensmut und Selbataahtung sind unsere Aufgaben nicht zu lösen. In der Erwartung, daß diese Erklärung mit Verständnis, Vertrau« und Hilfsbereitschaft beantwortet werd« wird, verbindet sich die Reichsvertretung mit jedem einzelnen Jud« in Deutschland." 2