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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-02-01 · 2 (1.2.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
2 (1.2.1938)
Date
1938-02-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHES GEMEINDEAMT FÜR DIE SYNAGOGEN-GEMEINDEN IN PREUSSEN UND NORDDIUTSCHLANO ' . . -j. .i-t ...... T . J . > Angemeldet beim Sonderbeauftragten de«' Reichsministers für Volksauflclärung und Propaganda betr. Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet. $ Nr. 2 Berlin, 1. Februar 1938 16. Jahrgang Herausgeber: PreußischerLandeeverband jüdischer Gemeinden- V Welcher Beruf? Antwort auf eine Frage der jüdischen Jugend in Deutschland . Die jüdische Jugend in Deutschland fragt: Welchen Beruf soll ich wählen? Und sie stellt diese Frage gerade im gegenwärtigen Augenblick mit besonderem Nachdruck und starker Betonung. Denn es ist nicht mehr lange hin bis sur Schulentlassung. Man will sich doch schon rechtzeitig im klaren sein, wie die Antwort auf die Frage nach dem Beruf für den einzelnen lauten soll. Ueberall in den Gemeinden, an ungezählten Abenden sitzen heute jüdische Familien beieinander und fragen: „Was soll der Junge werden? Was soll das Mädel tun?“ Die Väter und Mütter sind voll banger Sorge. Wie könnte es anders sein! Denn meist wissen sie selber ja nicht, was ihnen die nächsten Monate, und gar erst die nächsten Jahre, bedeuten werden ... Die jüdischen Menschen, welche die Frage nach dem Beruf stellen und an dieser Stelle eine Antwort hören wollen, müssen verstehen, daß die Auswanderung es ist, die alles jüdische Geschehen heute und hier mit immer neuer und immer stärker werdender Wirkung beeinflußt. Die jüdische Auswanderung aus Deutschland ist das entscheidende Gegenwartsproblem. Von ihm hängt alle Planung — des einzelnen wie der Gemeinschaft — letztlich ab. Und keiner kann eine Antwort auf die Frage: „Welcher Beruf?“ geben, ohne dio Dringlichkeit der Auswanderüngsfrage in Betracht zu ziehen. Noch schwerer aber, als für den einzelnen ein Auswanderungsziel zu nennen, ihm einen Weg in die Zukunft zu weisen, ist die Antwort auf die Berufsfrage. Und es wäre vermessen, irgendeine Parole auszugeben, ein Schlagwort .zu formulieren. Wir haben aus den vergangenen Jahren gelernt. Viele Parolen haben wir gehört, viele Schlagwörter vernommen. Aber ihnen sind neue gefolgt, und auch sie wurden wieder abgelöst von anderen Erkenntnissen. Das hängt nicht zuletzt mit der Entwicklung der jüdischen Auswanderung aus Deutschland zusammen. Die Parolen in den ersten Monaten des Jahres 1933 waren naturgemäß in besonders hohem Maße auf Palästina eingestellt. Allmählich wurde jedoch auch eine andere Einstellung deutlich. Die Auswanderungsländer in U e b e r s e e traten mehr und mehr in den Vordergrund. Die großen Gebiete im Süden Amerikas und Afrikas waren Länder der Einwanderung. So löste eine Berufskonjunktnr die andere ab, — ebenso wie die Wellen der Answanderungen an vielen von einander verschiedenen Küsten brandeten. Erst’ hieß die Parole: Palästina. Und damit war verbunden: Landwirtschaft, Handwerk — Abkehrvon den akademischen Berufen und dem Handel! — Im gleichen Augenblick, in dem diese Parolen widerhallten, da fehlten auch schon die jüdischen kaufmännischen Lehrlinge, da waren im Handwerk anch für Geld und gute Worte keine Lehrlinge mehr unterzubringen. Dazu kam die'Tehdenz vieler Einwanderungsländer, Kaufleute und Akademiker strikte abzulehnen, Landwirte und Handwerker dagegen zu bevorzugen. An dieser Stelle wird vielleicht der eine oder andere sagen: was interessiert mich denn das? Ich will doch wissen, wie es jetzt ist!, Richtig. Aber diese Entwicklung ist für jeden, der die Frage der Berufswahl für sich # oder sein Kind beantworten will, sehr lehrreich. Sie hat nämlich gezeigt, daß es nichts bedeutet, wenn jemand einige-Monate die Feile, den Hobel, die Nadel in der Hand gehabt hat. Es hat sich gezeigt, daß nur wirklich qualifizierte Kräfte sich in den Auswanderungsländern bewähren können. DieUmschulungskurse nach der Methode „So schnell wie möglich“ hatten keinen bleibenden Erfolg. Immer deutlicher erkannten die Praktikanten, daß sie im Auswanderungsland nur dann etwas leisten konnten, wenn sie wirklich fundiert und qualitätvoll ausgebildet waren. Dazu kam die Zurückhaltung, welche man in den Auswanderungsländern denjenigen gegenüber an den Tag legte, die nur eine oberflächliche Ausbildung hinter sich hatten. Im letzten Jahr hat sich die Ans- Wanderungs-Situatiqn erneut grundlegend geändert. Zwei wichtige Länder sind aus der Planung vorläufig ausgeschahet worden:'Brasilien und die Südafrikanische Union. Zugleich muß festgestellt werden, daß die Auswanderung mit verstärkter Intensität . und Sorgfalt, weitergeführt wird; es sind neue Wanderungssiele erschlossen worden, neue Grenzen konnten dem Eintritt jüdischer Auswanderer geöffnet werden. Dadurch hat sich der Strom der jüdischen Auswanderung immer mehr geteilt, er wurde in viele kleine Nebenarme aufgespalten, und — noch schwieriger würde eine Berufsplanung! Sie wird auch in der näheren und weiteren Zukunft schwer sein. Denn wir wissen nicht, wie die auswanderungspolitische Lage sich gestalten wird; wir wissen nicht, ob dieses oder jenes Einwanderungsland Erschwerungen der Einwanderungsgesetzgebung plant und welches Erleichterungen vorsieht. So gibt cs keine hieb- und stichfesten Re. * e p t e für die Ausbildung, — ebenso wie es keine todsicheren Tips für die Auswanderungsmöglichkeiten gibt. Und dennoch gibt es Grind- Sätze. Grundsätze, die sich auch in der näheren und weiteren Zukunft aller Voraussicht nach nicht ändern werden: Der manuelle Arbeiter hat unter großen Gesichtspunkten gesehen —1 viele Vorteile. — Eine sorgfältige, mehrjährige Aus¬ Martin Buber, der Sechzigjährige Es ist für uns Juden Trost und Stolz, daß der Geist der Propheten, jener seit Jahrtausenden fortwirkenden sittlichen Vorbilder und Künder geistiger und moralischer Ziele des Judentums und der Menschheit, noch nicht ausgestorben ist. In Martin B n b e r, der vor 60 Jahren in Wien geboren wurde* lebt etwas von diesem Geiste, der uns — heute mehr denn je! — wieder Mahnung, Erhebung und Wegweiser sein kann. Buber gehörte von jeher zu jenen auf; rechten und stolzen Juden, die darüber lächeln durften, wenn Kleinere sich um eine Rechtfertigung des Judentums bemühten; für ihn bedarf es keiner solchen Rechtfertigung, wenn nur die Juden sieh wieder ihrer uralten, gottgef orderten Aufgabe bewußt werden: wachsam zu hüten das, was recht ist. Richtung aufs Rechte, Richtung auf den göttlichen Sinn des menschlichen Seins, das ist es, woran Buber unablässig mahnt. Daß diese praktisch-ethische Forderung der tiefste Inhalt des Jüdisch-kategorischen Imperativs“ von Anbeginn an war, hat Buber in seinen „Reden über das Judentum“ eindringlich dargestellt. Daß diese Sehnsucht nach Vergöttlichung und Heiligung unseres armseligen Alltagsdaseins in der einst wenig beachteten Sekte der ostjüdischen Chassidim übermächtig und herz bezwingend' war, hat Buber wie Wenige erkannt, er hat darum die chassidisehen Erzählungen in deutscher Sprache nachgedichtet, sie damit der Weltliteratur gewinnend. Als jüdisch-religiöser Denker hat Buber schon vor dem Kriege einen geistigen Zionismus propagiert, hat versucht, die im Grunde alle. Menschenkraft übersteigende Forderung Gottes an die Juden: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern nnd ein heiliges Volk!“ wieder dem allgemeinen jüdischen Bewußtsein näher zu bringen. Als Sprachforscher, der das Hebräische bis ins Innerste beherrscht, hat erdie Bibel ned übersetzt und in* dem großen Werke „Vom Königtum .Gottes“ den. Sinn der jüdischen Religionssoziologie neu geformt- Hinausgreifend über die jüdische Frömmigkeit hat Buber auch — alles wahrhafte und höhere.. Menschentum umfassend nnd deutend — die unsterblichen religionspsychologischen und sittlichen Meisterwerke der Chinesen (Tschuangse), der ludet (Ekstatische Konfessionen), der Finnen (Kalewala) und der,Kelten (Mabinogi) in deutscher Sprache nachgeschaffen. Bubers Lebenswerk ist mit der bleibendste kulturelle Beitrag geworden, den das moderne Judentum der Allgemeinheit gegeben hat.' Wir heute lebenden Juden aber können im Werk Bubers, der jetzt ins Patriarchenalter eintritt, wieder Trost, Zuflucht und Zidgebung finden, und es ist an seinem 60.' Geburtstag der innige Wunsch unserer Gemeinschaft, . daß dieser- Mann noch viele, viele Jahre seinem Werk .und Wirken erhalten bleibe! <

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