Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 12 (1.12.1937)
- Date
- 1937-12-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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1. Dezember 1937 15. Jhrg./Nr. 12 Jod» GemelndeMatt € d. Synag.-Geu. In Preußen/Noitideatsdiland Drom Jehudd Von Dr. Willy Cohn, Breslau. Für denjenigen, der die hebräische Sprache nicht beherrscht, klingen schon diese beiden Worte klanglich gewaltig. Es ist in ihnen das Zitterit eines tiefen sonoren Ereignisses. Ganz schlicht übersetzt bedeuten sie: „der Süden Judas“. Und sie bezeichnen im palästinensischen Alltag eine sehr wesentliche Auto-Omnibusgenossenschaft, die Tel- Aviv mit den südlichsten Siedlungen des Landes verbindet. Für den Freund der hebräischen Sprache ist es aber ein immer erneutes Wunder, daß diejenigen Dinge, die er aus der Welt <ler Gebete in so gänzlich anderem Zusammenhang kennt, nun in dem neuen. jüdischen Dasein ihren schlichten praktischen Sinn bekommen haben. 'Jehuda, dessen Sinnbild der Löwe ist, — man weiü auch, daß die ehemalige Königsfamilie von Abessinien dieses Sinnbild führte — ist kein schlechter Namenspatron für diese Autoljnie, wenn auch die Menschen, die auf ihr ihren täglichen Dienst verrichten, gänzlich davon entfernt sind, aus sich selbst Helden zu machen. Man weiß, daß man diesen Dienst auch unter den schwierigsten Verhältnissen zu verrichten hat, und bei dieser Tatsache läßt man es bewenden. In Tel-Aviv, unweit der Herzlstraße, besteigen wir den Wagen. Die Menschen, die in Ihm am Ende des Arbeitstages nach ihren heimatlichen Siedlungen zurückfahren, scheinen ganz andere Typen darzustellen, als wir sie noch eben auf den eleganten Straßen der hebräischen Stadt gesehen haben. Meist sind es Menschen, die irgendein Geschäft in die hebräische Stadt geführt hat, die im Grunde aber nun froh sind, bald wieder draußen zu sein bei ihren Feldern, bei der Arbeit des Landmanns. Jeder von ihnen zeigt uns, welch ungeheure Verschiedenheit das Antlitz unseres Volkes aufweilt. Da sehen wir stämmige Schüler, die eine höhere Schule in der Stadt besuchen und abends nachhause fahren. Mit selbstverständlicher Leichtigkeit fließt ihnen die hebräische Sprache vom Munde. Für sie ist diese Fahrt nichts Besonderes, sie machen sie täglich. Unter den Intellektuellen, die diese Linie benutzen, erkennen wir Beamte des berühmten chemischen Instituts in Rechowoth. Am interessantesten aber scheint uns die Beobachtung der jungen jüdischen Arbeiter Aus uH&eecß TtußdüsuAt Köse — di« Chanukka-Spelt« Die jüdische Speisekarte ist, wie an allen Feier- und Festtagen, auch an Chanukka recht reichhcdttg. Sic unterscheidet sich nach den eimeinen Gegenden; im Rheinland ist die Zusammenstellung der Speisenfolge t.B. anders als in Polen. Allgemein üblich ist jedoch der Genuß von Käse- und Milchspeisen. Dieser Brauch deutet auf die Oberlieferung, nach welcher Judit dem Holofernes Käse' gereicht hat. Das mittelalterliche Ritualwerk i,Kol Bo“ (alles ist darin enthalten) sagt über diesen Anteil einer Frau am Chanukka-Wunder: „Manche erklären, das Wunder sei gerade durch eine Frau xustande gekommen. Denn Jochanan, der Hohepriester, hatte eine Tochter, die sehr scfiön von Gestalt war. Der feindliche König befahl, daß sie bei ihm ruhe. Doch sie gab Ui$t ein Gericht von Käse, damit es ihn dürste, er viel trinke, eich berausche' und in niShtf verfalle. So geschah es auch. Da nahm sie sein Schwert, schnitt ihm das Hcmpt ab und brachte es nach Jerusalem. . Da flah sein Heer, als es sah, daß sein Führer tot j sur. Deshalb ist ft Sitte, an Chanukka ein Gericht von Käse su essen.“ zu sein, die ja vor allem die Zukunft unseres Volkes gewährleisten. Sie fahren nach Giwafh Brenner, nach Ekron, nach Gidera oder wie alle die anderen Kibbuzim und Kwuzoth hier heißen mögen. Ein Stück benützt die Autostraße den gleichen Weg, der auch nach Jerusalem fot. Sonnenfeld Aufobusschaffnerin in Tel-Aviv führt, und auf dem die Egged-Compagnie ihren Dienst verrichtet Dann aber biegt die Linie nach Süden ab, am altberühmten Rischon-le-Zion, an Ness Ziona geht es vorbei. Wie es in jedem Autobus der Welt ist viele Menschen, die hier fahren, kennen sich gut, und der Wagen stellt schon ein Stück gemeinsame Heimat dar. Man spricht, wenn man überhaupt redet, von den Dingen, die draußen das Leben der Arbeit aasmachen, und was uns Menschen aus den Ländern der Zerstreuung immer wieder auffällt, ist die erfreuliche Tatsache, daß hier ein Menschen- Der Krakauer Gelehrte Moses Isserles, der Glossen zum „Schulchan Arach“ himugefigt hat, bemerkt an der betreffenden Stelle dieses jüdischen Gesetzbuches: „Manche sagen, man solle an Chanukka Käse essen, wegen des Wunders, das geschah, als Judit dem Feinde Milch gegeben hatte“. Jüdlsdw Winterhilf« «inst Die Baumeister, die Judenältesten in Frankfurt am Main halten alles in Ordnung, sie haben die Aufsicht über die Judengasse und schlichten geringe Streitsachen. Die Vorsorge der jüdischen Vorsteher für die Ihrigen ist sehr zu rühmen. Eine Probe dafür ist, daß sie allezeit einen guten Vorrat an Früchten bei der Hand und deswegen einige Kornspeicher stets im Bestand haben. Sie haben, wie sie anno 17 IS für den bevorstehenden Winter eine große Teuerung befürchteten, über dreitausend Malter Korn im Vorrat gehabt. Dazu vier große Kammern voll Meid, in welche alle acht bis zehn Tage ein Mann, 'nachdem er vorher weiße Strümpfe, leinene Hosen und ein weißes Hemd angetan, gehen und das Mehl tuenden mußte. Aus Schudt: Jüdische Merkwürdigkeiten. Dt. Hilda Otteuheimcr schlag entsteht, der in seiner festverankerten Ruhe sich durchaus unterscheidet von dem nervösen Großstadtjnden draußen. Die Autofenster sind vergittert. In den Tagen der Unruhen hat es sich gezeigt, daß die Stein würfe dadurch gefährlich werden, daß sie die Fensterscbeibai zerspÄHern und diese die Fahrgäste verletzen können. Dagegen schützen die starken Gitter. Von den Fahrgästen, die die Linie täglich benutzen, achtet gewiß keiner mehr darauf. Sie wissen, daß rin heimtückischer Angriff durch einen Steinwurf jederzeit möglich ist, aber, sie nehmen von dieser Möglichkeit keine Kenntnis. Uns, die Touristen, erinnern aber diese Gitter daran, daß noch mancher Kampf wird ausgefochten werden müssen, ehe das jü-, dische Volk die Ruhe auf seinem Boden findet, der ihm verheißen worden ist. „Drom Jebuda“ bedeutet nicht nur die Fahrt auf gutgepflegten asphaltierten Straßen, es bedeutet auch das Hinaufklettern auf Landwegen zu einzelnen jüdischen Dörfern. Früh am zeitigen Morgen werden die Arbeiter, die auf Außenarbeit zu gehen haben, pünktlich abgeholt, und abends werden sie wieder nachhause gefahren, um ihnen nach der an und für sich schon anstrengenden Arbeit nicht noch vermeidbare Sonderanstrengungen zuzumuten. Am schönsten ist eS dann noch in einem solchen Wagen, wenn er nur noch von dieser Jugend erfüllt ist, die teils stehend, teils sitzend, den Autobus bis zum letzten' Platz ausfüllt und von der Hoffnung und Kraft ausgeht Drom Jehuda, du bist nur rin kleines- Stücklein aus dem palästinensischen Alltag. Deine Wagen sind nicht besonders elegant die Männer, die sie fahren, tun ihre tägliche Pflicht ebenso wie die, die sie benutzen. In ihnen lebt der Gedanke, daß das, was sie tun, selbstverständlich ist: En dawar, „kein Wort darüber". Chanukkafeiern - wann? Eine Anregung Gewiß, viele Familien sind heute weit auseinandergerissen — wir sprechen davon an anderer Stelle dieses Blattes. Aber trotzdem gibt es wohl auch jüdische Häuser, in denen die Familie oder ein Teil von ihr noch beisammen ist oder in denen Mitglieder mehrerer Familien sich zur Chanukkafeier vereinen. Da und dort sind besonders Glückliche sogar in der Lage, zu ihren Eltern oder umgekehrt zu ihren Kindern zu Besuch zu fahren. Glanz der Menorah, Klang der Segensspcßehe und der Hymne, Spiel des Trendrichen auf dem Brett und — wo irgend es noch angeht — Geschenke: das ist das Bild, die Atmosphäre der häuslichen Chanukka feier — wann sollen wir siebegehen? Wir hoffen, nicht als zu arge Ketzer und radikale Neuerer angesehen zu werden, wenn wir hier einen Vorschlag machen, bei dem wir im« obendrein auf eine dar größten und angesehensten Autoritäten des Judentums berufen können: auf keinen Geringeren als H i 11 e L Der hatte bekanntlikw einen Streit mit Schammai — wie um so viele Fragen der Ha lach« so auch über die Chanukkalichter. Wollt« Schammai am erste« Vorabend mit acht Lichtern beginnen, de jeden Abend um eines vermindern, so daß am achten Abend nur noch ein Licht gebrannt haben würde, so sagte Hülri: da> Licht dürfe sich nicht vermindern, es müsse sich vermehren- und ausfaimten. So begann er am ersten Vorabend mit einem Licht, zündele jeden Abend «ins mehr, und ain letzten der Abende strahlten alle acht Lichter durchs Haus. „Und die Hatawha ist wie HiUeL“ Warum ist die Hatecha nur in bezug auf die Lieht« wie Hülri und nicht auch In bezug auf die Familienfeier? Dsnn maa pd*t fest 5*