Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 12 (1.12.1937)
- Date
- 1937-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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15. Jhr*/Nr. 12 Jfid. GeadodeUatti <L Synag.-Gemin Prcaßen/NorddeatsAlaiKl 1. Desmfcer 1937 man m dem Spsdpian dnimtirW Dichtungen vo* Beer-Hofmaan «der Stefan Zweig •teilte, die große bMisehe Themen in einer bestimmten jüdischen flnffemnag behamieiten- Und sa* scheidend wurde nan die Hhwendnag za den spezifisch jgdiacfam Theaterliteratnren. Zwar ans Palästina ist emstweilen noch nieht viel za holen. (Doch maetiie die Berliner Kattarbondböhne auch mit einem hebräisch geschriebenen Werk ans der Jüdischen Geschichte einen Versuch.) Aber sefir fruchtbar wurde mm die Beschäftigung mit der jiddischen Bühnendichtung: Werke von Hirachbetn aid Scbolem Alejchom, von Perez and Leiwik gelangten in deutscher Übertragung in den Sfüeipfaui. Und es steht auch za erwarten, dal in deutscher Sprache eine Produktion heranreifen wird, die besondere jüdische Probleme za dramatischer Diskussion stellt. So wird das Schaaspieitbeater der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland mit seinem Die Familien bände werden durch die Auswanderung der Mitglieder nach den verschiedensten Teilen der Welt bis zu den Grenzen ihrer Spannkraft gedehnt. Diese Erkenntnis ist ein Anlaß dafür, daß zahlreiche jüdische Familien, die Deutschland verlassen, sieb noch einmal eise Übersicht über ihre Familie in ihrer Gesamtheit durch eine Sippenforschung zu verschaffen suchen. Die bevorstehende Auswanderung hat aber auch zur Folge, daß man nun, wo der Baum aus dem alten Erdreich gelöst wird, den Wurzeln noch einmal so weit als möglich nachzuforschen sucht. Man bemüht sich also za ermitteln, wer die Vorfahren waren and woher sie kamen, und treibt Ahnenforschung. So haben die letzten Jahre einen Aufschwung für die Wissenschaft der jüdischen Familienforschung gebracht, eine Wissenschaft, die schon auf ein ehrwürdiges Alter zurücksehen kann, hat es doch bekanntlich schon in Esras Tagen Geschlechtsregister gegeben. Die neuen Menschen, die jetzt zur Farn iiienf orschung gekommen sind, wagen sich zumeist ohne Kenntnis der bewährten Technik an diese Wissenschaft Sie sind mit den Wegen nicht vertraut, die am raschesten und sichersten zum Ziele führen. Im folgenden soll deshalb eine kurze Anleitung gegeben werden, wie man Ahnenforschung betreiben muß. Zar erfolgreichen Arbeit ist es notwendig, daß man systematisch und methodisch vorgeht Mit alias Hilfsmitteln, die für die verschiedenen Zeiten zur Verfügung stehen, maß man sorgfältig Generation für Generation von der Gegenwart in die Vergangenheit zurückverfolgen. Der erste Schritt, um das Gerüst der Ahnentafel zu gewinnen, ist, zu ermitteln, was die Familien Überlieferung über die Vorfahren besagt Ela sind also die noch lebenden Verwandten nach den ihnen bekannten Daten verstorbener Vorfahren zu fragen, die üblichen Eintragungen der Ahnen selbst auf den Vorsatzblättern der alten Gebetbücher können hier Verwendung finden. Schließlich wird man gut tun, weitere ergänzende und bestätigende Unterlagen aus den Grabsfeininschriften zu entnehmen, die man sich von allen bekannten Voreltern-Gräber» beschaffen soll. : Wer dies nicht selbst am Ort und Stelle tun kan, wird sieb hierfür noch ortsansässiger Verwandter oder der Vorsteher, Lehrer und Vertrauensleute der anständigen jüdischen Gemeinden bedienen müssen. Dann geht men daran, das gewonnene Gerüst urkundlich zu unterbauen, also so weit als möglich Geburts-, Trauung»- und Sterbeurkunden zu beschaffen. Diese Urkonden sind notwendig, um uns über Herkunft und Vorfahren weitere Auskunft zu geben, sagt doch die Gebartsurkunde, welche Eltern das rif ln- Repertoir in den Grenzen des Möglichen und Wünschenswerten einen jüdischen Charakter zeigen. Ob die Art der Darstellung und der Inszenierung h einem besonderen Sinne einmal „jüdisch“ sein wird, kann beute noch niemand wissen. Die jiddischen Thette^indoefa beute schon fast ein Mensch ensller alt sind, zeigen doch im Wesentlichen nur den Stü des süfriacimii europäischen Realismus, ■ad -de Herkunft der hebräischen Habima vom rnsaischan Expressionismus ist noch issmrr nicht zu verkennen. So ist es natürlich nicht za erwarten, daß die vier Jahre alte Knttarbaadbühne in Deutschland einen eigenen Darsteilangastil zeigt. Derlei kann, wenn überhaupt, nur in vielen Jahrzehnten beranreifen. Ob and in welcher Art diesen jüdischen Bühnen eine solche Entwickelung besttsamt ist, das kann heute niemand wissen; es hingt von Mächten ab, die weit außerhalb des Theaters das Dasein formen. Kind hat nsw. Nor so findet das Gebäude der Ahnentafel einen sicheren Boden. Zunächst ist dabei festen stellen, an welche Behörden man sich zwecks Erhalt der erforderlichen Unterlagen zu wenden hat Standesämter gibt es in ganz Deutschland erst seit 1874. Vorher kommen z. B. seit Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1847 in Preußen die städtischen Bürgermeister bzw. die Landräte in den ländlichen Gebieten als Polizeiverwaltungsorgane personenstandsrechtlich für die Ausstellung in Betracht, dann von 1847 bis 1874 die Kreis-, späteren Amtsgerichte. Dagegen waren z. B. in Bayern die Pfarrämter für die Personeastandsbenrknndung bei der jüdischen Bevölkerung zuständig. Eine wertvolle Hilfe für die Frage, wann und wo die Vorfahren gelebt haben, geben die Namensannahme- und Naturalisationslisten ans dem ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts. Neben dem Wohnort enthalten sie gelegentlich Vateraamen, Berate und zuweilen Alter. Auch ans der Zeit, für die es Personenstandsurkunden der erwähnten Art nicht gibt, ist es möglich und nötig, die Ergebnisse der Ahnenforschung urkundlich zu belegen. Um urkundliches Material über die Ahnen aus dem 18. und den weiter zurückliegenden Jahrhunderten zu erhalten, hat man sich mit den Akten und Archivalien der jüdischen Gemeinden und staatlichen Instanzen zu beschäftigen. Die Archivalien der jüdischen Getnmden werden, je mehr Zahl nnd Umfang der Gemrsadfrn im Reich dahinschmelzen, dem Gesamtarchiv der Juden in Deutschland einverleibt (Berlin N 4, Oranienburger Straße 28). Dort kann man aus Synagogenböcbern, Familien- und Standesregistern Aufschluß über die Personalien der Familien finden. Friedhofslisten, Jahrzeittafeln, Maskirnnd vor allem Memorfoücher ermöglichen die Aufklärung von Stertedaten. Beschneidungsbücber und Wimpel (die miteinander verpähten und mit den Angaben über den neugeborenen Knaben bemalten Streifen, die durch Zerschneiden der bei der Beschneidung verwendeten Windel gewonnen werden) lassen die Geburtsdaten der männlichen Ahnen erkennen. Eine Fülle von Unterlagen bieten ferner die weltlichen und geistlichen, städtischen and staatlichen Archive. Es ist so, daß bei den staatlichen Instituten die Akten der einzelnen zentralen Instanzen, bei den Städten die Korrespondenz der lokalen Stellen aufbewahrt wird. Insbesondere wurden damals in regelmäßigen Zeitabschnitten Judentahelkn für die verschiedensten Bezirke aufl^steBt, aus denen sich über die Lebensver- Hältnisse der einzelnen Juden zahlreiche Angaben entnehmen lassen, so über Alter, Fa- , uiilie, Angehörige, Beruf, Namen der Knechte und Mägde nnd die Zugehörigkeit zu einer der verschiedenen Schutzjndsnk lass« (Generalprivilegierte, Ordinarii, Extraordinarii, Tolerierte, Publique Bediente nsw.) Hierbei ist zu berücksichtigen, daß als Knechte und Mägde häufig nur Verwandte ohne eigenes SchuJzpnvH^g auf geführt sind, ln gewisser Welse entsprechen den Personenstandsregistern unserer Zeit sogenannte Veränderung* tabeilen zu solchen Listen etwa für Vierteljahre oder kürzere Zeitabschnitte. Sie lassen nicht nur auf Jahre, sondern anf Quartale oder noch genauer das Datum der Gehörten, Trauungen und Sterbefälle erkennen. Eine wertvolle Ergänzung zu diesen äußeren Lebensdaien geben uns zuweilen Prozeßakten, Steuer- und Hausbesitzerlisten und vor allem oft überaus umfangreiche Akten über Gesuche um Erteilung von Schutzprivilegien, Trauscheinen, Niederlassung im Beruf nsw. Ans solchen Akten sind meist aufschlußreiche Angaben über Vermögen, Alter, Dauer der Ansässigkeit, Beruf, Lebenswandel u. i. zu entnehmen. Noch weiter zurück führen uns häufig Jichusbriefe und die häufigen Vorreden in talmudischen Responsenwerken, in denen sich der Verfasser der vornehmen Abkunft von bekannten Gelehrten rühmt. Solchen Angaben darf jedoch nicht blindlings getraut werden1). Die Wissenschaft hat erwiesen, daß vielfach die in derartigen Quellen enthaltenen Daten einer Nachprüfung nicht standhalten. Zuverlässiges Material über diese Zeit können gleichfalls nur urkundliche Unterlagen bieten oder, soweit diese eine literarische Verarbeitung gefunden haben, die ausgezeichneten Werke unserer großen Historiker wie etwa die Arbeiten von Bernhard Wachstein, Leopold Löwenstein, Maz Freudenthal usw. Die erhaltenen Angaben wird man auf einer Ahnentafel niederlegen nnd, soweit die Ergebnisse über den Raum eines solchen Formulars hinausgehen, in entsprechender Weise niMmmuMtellwi. El empfiehlt sich hierbei eine Anordnung nach der bewährten Bezifferungsmetbode, hei der der Proband,' also die Ausgangsperson der Ahnentafel als Nr. 1, die Eltern als Nr. 2 und 3, die Großeltern als Nr. 4, 6, 6 nnd 7 bezeichnet werden, so daß die Ziffer der männlichen Vorfahren sich jeweils von Generation zu Generation verdoppelt 16 muß also der Vater von 8 sein usw, während bei den weiblichen Vorfahren jeweils eine 1 hinzugerechnet werden muß, also 23 ist die Mutter von 11 usw. Nach Möglichkeit wird man sich nicht darauf die Ahnen und ihre Lebensdaten aufzuzählen, sondern versuchen, die Ergebnisse biologisch und soziologisch zu würdigen, die Stellung der Vorfahren zu ihrer Umwelt und die Entwicklung von einer Generation zur andern zu schildern. Der hier nur angedeutete Arbeitsweg wird manchem noch unerlahrenen jüdischen Ahnenforscher in vielen Punkten Schwierigkeiten bereiten. Bei der starken Verflechtung der jüdischen Familien wird sich jedoch häufig eine unnütze Doppelarbeit ersparen lassen. Man wird fertige Ergebnisse oder mindestens Arbeiten in der gleichen Richtung heranziehen können. Dem organisatorischen Zusammenschluß jüdischer Genealogen dient die Gesellschaft für jüdische Familienforschung, in deren periodisch erscheinenden Mitteilungshefteil Fragen und Antworten veröffentlicht werden und deren Archiv jn reichem Maße Material der verschiedensten Art zur jüdischen Familiengeschichte enthält, vor allem private Aufzeichnungen, Memoiren, Briefe, zahlreiche Asxendenz- und Deszendenz tafeln, Ortsnnd FamiHtig—rhtehtanln diesem Zusammenhang sei auch auf die wertvolle Schrift des Gründers und Vorsitzenden der Gesellschaft, Dr. Arthur Czellitzer, „Mein Stammbaum“ verwiesen. (Philo-Verlag 1934.) *) VßL hierzu die Besprechung der „Ahnentafel von 27 Generationen . in dieser Nummer unseres Gemeindeblatts. Der Weg zur Ahnentafel Von Albert J. Phiebig.