Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 12 (1.12.1937)
- Date
- 1937-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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15. JhrgyNr. 12 1. Dezember 1937 Jfld. Gemdndeblatt f. d. Synag.-Gem. in Preußen/Nord deutsch Und »Hoffnung ist für Deine Zukunft« Jerealo« 31, 17. Fot.Sormenfeld Anski und anderen auch in Berlin gastiert (und zwar in der KommandantenstraBe auf der heutigen Kulturbund-Bühne). Diese ausgezeichnete Truppe ist dann nach New York gezogen und zum Teil dort geblieben; aber noch heute gibt es in Wilna und Warschau ein lebendiges und künstlerisch hochstehendes Theater jiddischer Sprache. Gleichfalls in jiddischer Sprache, aber durch eine Fülle anderer Daseinsbedingungen von diesen polnischen Bühnen getrennt, ist das „Mosknuer jüdische akademische Theater“, das in Europa bekannt wurde, als es unter seinem Leiter Granowski 1928 gastierte. Granowski ist inzwischen verstorben, die Bühne aber besteht weiter und spielt in Moskau unter der Führung ihres Hauptschauspielers Michols. Diese Bühne hat auch Teste von Perez, Scholem Alejchem und Goldfaden übernommen, neben solchen der modernen und klassischen europäischen Bühne. Aber der Test ist hier fast gleichgültig, denn dieses Theater kultiviert nun die revolutionäre russische Bühnenform, die leidenschaftlich den Abstand Vom Wirklichen betont, alles Menschliche zu phantastischer Karrikatur umgestaltet und alles Sprachliche mit einem Wirbel von Tanz und Pantomime zudeckt. — Es scheint klar, daß diese Bühne nur sehr bedingt als eine eigentlich „jüdische“ gelten kann, daß bei ihr viel mächtiger als die jüdischen die Bedingungen der Umwelt sind, in der sie sich entwickelt hat und besteht. Aber neben diesem jiddischen Theater entstand nun eine nach Art und Herkunft völlig andere jüdische Bühne; eine hebräische. Sie stammte nicht wie das Theater Goldfadens und der Wilnaer aus einem volkstümlichen Bedürfnis, sie stammte aus dem Willen und der Gesinnung! Es ist in der ganzen Kunstgeschichte ein vielleicht einzigartiger Fall: ein Theater wird nicht für ein Volk geschaffen, das seine Spräche spricht, es wird geschaffen um ein Volk heranzubilden, das diese Sprache sprechen soll! Als im Jahre 1916 Zemach in Moskau mit seinen Freunden das Theater „H a b i - m a“ schuf, gab es wahrscheinlich nirgends auf der Welt einen Ort, der soviel hebräisch sprechende Einwohner besaß, daß sie einen großen Theaterraum hätten füllen können. Aber der jüdisch-nationale Wille, der das Publikum für ein Theater hebräischer Sprache wollte, hat tatsächlich gesiegt; die „Habima“ «pielt bekanntlich heute in Palästina und hat jetzt für ihre Aufführungen ein hebrnwh sprechendes Publikum. Dabei ist das Merkwürdige, daß sie ihren Sfil, der nun durchaus kein realistischer sondern der expressionistische Stil des neuen russischen Theaters ist, von Wachtangoff empfing, einem genialen Schüler Stanislawskis, der selbst kein Wort Hebräisch sprach. Ein seltsamer Beweis dafür, wie sekundär — nicht für die geistige Entwickelung aber für die im Augenblick wirksame Ausprägung eines Theaters — die Sprache ist! Auch die dramatische Literatur der Habima kam und kommt zum großen Teil noch heute aus Übersetzungen. Neben klassischen Werken des europäischen Theaters hat man vor allen Dingen Werke des jiddischen Theaters, so den „Dybuk“ von Anski und den „Golem“ von Leiwik ins Hebräische übersetzt, uni diesen hebräischen Schauspielern Entfaltungsmöglichkeit zu geben. Die Habima kämpft noch heute schwer mit den Sorgen um ein dramatisches Repertoir in hebräischer Sprache, wie namentlich auch um einen vollgültigen schauspielerischen Nachwuchs, der im Lande Palästina einstweilen noch nicht gedeihen will. Aber jedenfalls bleibt diese Bühne eine großartige Kraftleistong des menschlichen Willens, und sie bedeutet mit einigen anderen schwächeren Instituten, die sich heute schon in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa finden, den Anfang eines neuen jüdischen, eines zum ersten Male hebräischen Theaters. Von völlig anderer Art ist die dritte Form eines speziell jüdischen Theaters, die es heute gibt. Sfe ist während der letzten Jahre in Deutschland entstanden. Nicht, wie das Jiddische Theater aus einem allmählich gereiften Bedürfnis, nicht wie das Hebräische aus einem weit zielenden Willen, sondern' zunächst aus einer Notlage. Im Jahre 1933 sah sich plötzlich eine bedeutende Zahl jüdischer Bühnenkünstler in Deutschland (auch Musiker, auch Vortragsredner) von ihrem Beruf ausgeschlossen. Zugleich war die Entwicklung so, daß die Juden vielfach die Theater (auch die Konzerte und Vortragssäle),, in denen sie sonst häufig zu sehen waren, kaum noch aufsuchen konnten und wollten. Einen zweifachen Notstand dadurch zu besiegen, daß man das freigewordene Angebot und die neuentstandene Nachfrage in Beziehung zueinander brachte, — das war die Idee, die zur Gründung des Jüdischen Kulturbundes führte. Der Plan war zunächst im Kopf eines jungen Theatermannes, Kurt Baumann, entstanden, der als Regieassistent bei Dr. Kurt Singer, dem Intendanten der Städtischen Oper in Berlin, gewirkt hätte. Er setzte sich mit seinem früheren Chef, mit dem Dramaturgen Julius Bab und dem Regisseur Löwenberr in Verbindung, und diese Vier, zu denen bald noch als wirtschaftlicher Organisator der Handelsredakteur Dr, Werner Levie trat, nahmen nun Verhandlungen mit den großen jüdischen Organisationen und Zentralstellen auf, und mit deren Hilfe erfolgte die Gründung eines Jüdischen Kulturbundes zunächst in Berlin im Sommer 1933. Dr. Kurt Singer, der an die Spitze des Kulturbundes trat, führte die Verhandlungen mit den Behörden. Als eine geschlossene Vereinigung, deren Veranstaltungen nur für die Mitglieder zugänglich sein durften, trat (zugleich mit Konzerten und Vortragsveranstaltungen) im Oktober 1933 das Theater des Kulturbundes ins Leben, das Schauspiel und Oper zugleich' pflegen wollte.. (In diesem Sinne ist die Berliner Kulturbundbühne als künstlerisches Institut einzig in ihrer Art.) Freilich, die Hoffnung, die man bei der Gründung wohl noch gehegt hatte; die prominenten jüdischen Schauspieler zu sammeln, erfüllte sich nicht. Alle, denen ein bedeutender Name irgend ein Fortkommen außerhalb des Reiches wahrscheinlich machte, gingen ins Ausland. Doch blieben noch genug tüchtige Kräfte übrig, um ein Schauspielensemble von achtbarem Niveau zu bilden, und auch die Oper konnte sich trotz steigender Personal-Schwierigkeiten behaupten. Der Erfolg innerhalb der großen jüdischen Gemeinde Berlin war so stark, die Verwaltung so sparsam und geschickt, daß das Unternehmen von seinen bescheidenen Mitgliedsbeiträgen nahezu ganz existieren konnte. Die Unterstützungen von öffentlicher Seite betrugen noch nicht 4 Prozent der Unkosten. Und das ist in der Wirtschaftsgeschichte des Theaters für einen Betrieb, der Schauspiel und Oper umfaßt, ein noch nicht dagewesener Fallt, denn solche Bühnen pflegen auch bei gutem Besuch 40—60 Prozent ihrer Ausgaben als Zuschuß von öffentlicher Hand zu erhalten. — Auch an anderen Stellen im Deutschen Reich wurde der Versuch gemacht, Theaterbetriebe zu organisieren, in denen nur von Juden und für Juden gespielt wurde. Nachdem all diese Stellen im „Reichsverband jüdischer Kulturbünde“ zusammengefaßt sind, hat es sich schließlich ergeben, daß außer in Berlin noch zwei Schauspielensemble bestehen; eins in Köln, das für den Kulturbund Rhein-Ruhr spielt und auch in , südwestlichen Gemeinden Deutschlands Gastspiele gibt, und eins in Hamburg, das zugleich in Mittel- und Ostdeutschland seine Vorstellungen zeigt. — Der äußere Erfolg der jüdischen Kulturbundtheater in Deutschland ist also beträchtlich. Aber die Frage kann aufgeworfen werden — und sie ist bereits sehr viel diskutiert worden — sind diese Institute nun im inneren Sinn auch jüdische Theater? Wenn sie nur Ersatz und Fortsetzung der alten europäischen Institute sein wollen, so kann man sie im inhaltlichen Sinne kaum jüdisch nennen. Das trifft im Wesentlichen wohl für die Oper zu, die nur in sehr bescheidenem Maße die Möglichkeit bat, jüdisches Wesen zu betonen. Eher ist das schon im Konzertwesen möglich, und am stärksten kann und wird jüdischer Grundcharakter im Vortragswesen zur Entfaltung kommen. Aber ein Hauptproblem bildet das Repertoire des Schauspieltheaters. Das nächste Ziel war ja, den jüdischen Menschen, die auch im Theater die europäische Kultur in großen Ausprägungen zu genießen gewohnt waren, dieses hohe Gut zu erhalten. Und dieses Ziel hat die Leitung des Kulturbundes auch bis heute nicht aufgegeben. Daneben aber hat sich: immer stärker die Notwendigkeit und der Wille entwickelt, dem Spielplan auch eine charakteristisch jüdische Note zu geben. Daß man Werke neuerer jüdischer Autoren aus verschiedenen europäischen Sprachgebieten in den Spielplan nahm, — Werke, die sonst auf keiner deutschen Bühne mehr zu sehen sind, Werke etwa des Österreichers Schnitzler, des Ungarn Molnar, des Franzosen Bernstein, das begründete nur sehr bedingt einen jüdischen Spielplan, denn diese Werke waren inhaltlich kaum jüdisch zu nennen. Bedeutsamer war es schon, wenn 3