Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 11 (1.11.1937)
- Date
- 1937-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/10279739-10021754-10021738--059-3981451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
15. JhrgyNr. 11 Jod. Gemeindeblatt f. d. Synag.»Gem. in Prenßen/Norddeutsdbland_1. November 1937 (38,2%), Pommern (30,73%), Grenzmark- Posen-Westpreußen (34,24%) weisen die stärkste jüdische Not auf; in Berlin ist von 1035/30 bis 1930/37 der Anteil der Betrenten von 19,72% auf 20,42% gestiegen. Lebensmittel, Kohlen, Kleidung waren die Mittel, mit denen die Versorgung geschah; 3030353,63 Reichsmark (gegen 3 044 000,—- RM im Jahre 1935/30) ist der Gesamtbetrag, der für jüdische Hilfe aufgewendet werden konnte. Und nun stehen wir im dritten Jahre eigener jüdischer Winterhilfe. Der an der Spitze der vorigen Nummer dieses Blattes abgedruckte Aufruf der Reichsvertretung und aller jüdischen Organisationen sowie eine große in Berlin abgehaltene Eröffnungskundgebung haben dieses Werk der Nächstenliebe eingeleitet. Kunst ist der Liebe verwandt; Geist der Kunst und der Liebe walteten über dieser Kundgebung in der Synagoge Prinzregentenstraße: das Orchester des Jüdischen Kulturbundes Berlin, unter Leitung von Kapellmeister Rudolf Schwarz, eröffnete mit der Trompetenouverture von Mendelssohn und schloß mit dem dritten Satz aus der Pathätique von Tschaikowsky; Hermann S c h e y sang eine Arie von Mendelssohn und das Arioso von Händel; Werner Baer waltete an der Orgel seines Amtes. Als Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland kennzeichnete Rabbiner Dr. Leo Baeck Umfang und Bedeutung der durch den Eintritt in das dritte Jahr eigener jüdischer Winterhilfe gestellten Aufgabe. Die Zahl derer, die helfen können, so sagte er, ist wiederum kleiner geworden und verringert sich von Monat zu Monat; die Zahl derer aber, denen geholfen werden muß, bleibt ungefähr dieselbe —: das bedeute, daß von jedem nun noch mehr verlangt wird als bisher, und es solle deshalb jeder daran denken: wo ein Jude fällt, da stürzt nicht ein einzelner nur, da vermindert sich gesamtjüdische Substanz; alles, was wir leisten, leisten wir also im Letzten uns selbst, und alles Wohltun ist Zeugnis der Treue gegen die Gemeinschaft des Judentums. — Im gleichen Geiste sprach auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Direktor Heinrich S t a hl. Die Hilfsbereitschaft sei gerade in der Gemeinde Berlin stets groß gewesen und werde anch der immer weiter anwachsenden Schwierigkeiten Herr werden. Während die einzelnen großen Spender auswandern, schaffe die Zuwanderung von Juden aus der Provinz neue Lasten, weil auch die Zugezogenen von der Berliner Jüdischen Winterhilfe wie jeder andere betreut werden. Direktor Stahl nannte sodann die Zahlen, durch die Leistung und Umfang der Berliner Jüdischen Winterhilfe gekennzeichnet sind, und er wies ferner auf die große Bedeutung hin, die der Jüdischen Winterhilfe als Auftraggeberin jüdischer Handwerker und Geschäfte zukommt. Den Grundgedanken des Jüdischen Winterhilfswerkes faßte er in Worten zusammen, die wohl im Herzen eines jeden Juden und jeder Jüdin Echo finden werden: „Die Jüdische Winterhilfe ist nicht nur ein soziales Hilfswerk, sondern der Ausdruck des Gemeinschaf tswillens aller jüdischen Menschen. Die Jüdische Winterhilfe hat uns einen moralischen Gewinn gebracht: sie hat den Anschluß des Einzelnen an die Gemeinschaft gefördert So gehen wir heute voll Vertrauen auch in die dritte Jüdische Winterhilfe.“ —tz. Der Peel-Bericht Von Rechtsanwalt Hans K a lisch. Der Bericht der Peel-Kommission ist jetzt vom Schockenverlag in deutscher Übersetzung herausgebracht worden. Was es bedeutet, ein Buch von gut 400 Seiten binnen zwei Wochen zu übersetzen und zu drucken, vermögen nur die voll zu ermessen, die daran mitgearbeitet haben. Die Übersetzer, die Druckfirma und der Verlag haben gleichermaßen Ursache, auf das Geleistete stolz zu sein. Nicht vergessen werden dürfen die zahlreich beigegebenen Diagramme und Karten, die in gleicher Vortrefflichkeit wie in der englischen Originalausgabe wiedergegeben sind. Daß der Peel-Bericht in dem Vorschlag einer Teilung Palästinas gipfelt, ist aus den Erörterungen in der Presse, auf dem Zionisten-Kongreß, in der Jewish Agency, in der Mandatskommission und im Völkerbundsrat jedem Juden geläufig. Darüber wird leicht übersehen, daß der Bericht in dem — so wie er ist, auf keinen Fall haltbaren — Teilungsplan eben nur gipfelt, und daß daneben in ihm noch sehr viel anderes zu finden ist Der Vorschlag einer Teilung ist das Ergebnis der Resignation, um nicht zu sagen: Verzweiflung, zu der sechs ganz unvoreingenommene Männer gelaugt sind, die viele Monate lang sich alles, aber auch alles, in Palästina genau angesehen, Personen aller Richtungen eingehend gehört und alle Probleme ernsthaft durchdacht haben. Der Teilungsvorschlag selbst ist nur grundsätzlich gemeint, in dem Sinne, daß die beiden Völker, die ein gleiches Anrecht auf das Land haben, nachdem sie, wie die Kommission meint, nicht räumlich vermischt mit einander zu leben vermögen, räumlich auseinander geschoben werden sollen, damit ein jedes, insbesondere die Juden, seinen eigenen Bereich habe. Der konkrete Vorschlag will nur ein Beispiel sein, wie etwa geteilt werden könnte. Die Kommission selbst hat ihn keineswegs als den Vorschlag, der das letzte Wort sei, betrachten wollen. Man täte dem Bericht Unrecht, wenn man ihn nach diesem Vorschlag allein, der ganz und garnicht auf der Höhe des Übrigen steht, beurteilen wollte. Zudem nimmt der Teilungsvorschlag nur einen verschwindenden Teil des Berichts ein. Als Ganzes gesehen ist der Bericht eine wahre Fundgrube der Belehrung über alle Fragen Palästinas. Einer der größten Männer englischer Wissenschaft, Macauley, hat in seiner englischen Geschichte in einem berühmten Kapitel („State of England in 1685“) einen Querschnitt durch den Zustand seines Vaterlandes für ein bestimmtes Zeitalter gegeben. Der Peel-Bericht bietet in einer Weise, die sich neben diesem Musterbeispiel wohl behaupten kann, ein Bild Palästinas für das Jahr 1937. Er tut aber noch mehr. Er sagt nicht nur, was ist, er sucht auch zu erklären, wie es dazu kam. Die Einleitung gibt einen gedrängten, und doch nichts Wesentliches übergehenden, von tiefem Verständnis zeugenden Überblick über die Gesamtgeschichte der Juden. Anschließend wird die Vorgeschichte des Nationalheims („der Krieg und das Mandat“) auseinandergesetzt und die Entwicklung Palästinas von 1920 bis 1936 gezeichnet Darauf folgt eine Darstellung der „Wirren“ von 1936 und ein Überblick über „die gegenwärtige Lage“. So wertvoll diese allgemeinen Kapitel sind, sie werden überboten durch die dreizehn Kapitel, in denen auf mehr als 200 Seiten — man darf sagen —: sämtliche Lebensbedingungen und Lebensäußerungen des Landes erörtert werden. Die Verwaltung, die öffentliche Sicherheit das Finanzwesen, das Bodenproblem (70 Seiten!), die Einwanderung, das Gesundheitswesen, die Erziehung und vieles andere werden bis in die letzten Einzelheiten hinein untersucht Dabei werden mit ruhiger Sachlichkeit die verschiedenen Einstellungen der Juden, der Araber und der britischen Verwaltung beachtet und gewürdigt In vieler Hinsicht bedeutet der Bericht geradezu eine Ehrenrettung der jüdischen in Palästina geleisteten Arbeit Wer ein klares Bild gewinnen' will von dem, was in Palästina geschehen ist darf nicht versäumen, das selbst nachzulesen. Die verhängnisvolle Rolle des Mufti ist nirgends so klar erkannt und so eindringlich 'dargestellt worden wie im Peel-Bericht. Auch Schwächen der englischen Verwaltung werden in keiner Weise bemäntelt aber auch die schwachen Punkte jüdischen Verhaltens — es gibt leider solche — werden nicht übersehen. Eine Wiedergabe des Berichts auf kurzem Raum ist unmöglich, selbst eine einigermaßen zureichende Inhaltsangabe läßt sich hier nicht geben. Es kann nur eindringlich darauf, hingewiesen werden, daß es sich um ein Grundbuch palästinensischer Geschichte handelt, das für alle Zeiten seinen Wert als Quelle behalten wird. In der großen Zahl englischer Kommission-Berichte wird der Peel-Bericht als einer der wenigen von klassischer Bedeutung fortleben. Die Wucht die er auf die Bildung der englischen öffentlichen Meinung ausübt und mit der wir Juden als einer Tatsache rechnen müssen, beruht darauf, daß der seltene Fall eingetreten ist daß alle sechs Mitglieder der Kommission im ganzen und in allen Einzelheiten einstimmig zu den Ergebnissen gelangten. Es hat kein Sondervotum gegeben. Jüdische Auswanderung aus Deutschland 4. Bericht der Meldestelle für^Binnen- und Auswanderung! Quartal April-Juni 1937 |Von Max Birnbaum, Berlin. Die schon im letzten Bericht erwähnte Ausdehnung der Statistik auf sämtliche deutschen Länder hat es zum ersten Male ermöglicht aus der damit gewonnenen Gesamtübersicht gewisse Folgerungen zu ziehen. Insbesondere auf dem Gebiet der Binnenwanderung konnte eine genauere Analyse dieser für die Judenheit in Deutschland neuartigen Erscheinung vorgenommen werden. Dies ist in einer Sonderarbeit des Verfassers*) geschehen. Dabei hat sich ergeben, daß die Wirkungen der Binnenwanderung, insbesondere hinsichtlich des r.roBgPiyef_ sind, daß 'die Binnenwanderung kompliziertere Struktur hat als im allgemeinen angenommen worden ist und daß im ganzen diese Erscheinung zwar von den für die Sozial- und Gemieittdearbeit in Deutschland verantwortlichen Organisationen auch weiterhin sorgfältig beachtet werden muß, für die jüdische Allgemeinheit aber *)„ Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik“ Berlin, August 1937, S. 122. doch nicht von der schicksalhaften Bedeutung ist die heute die nüchternen Auswanderer-Ziffern für jeden Juden in Deutschland haben. In den regelmäßigen Quartalsberichten der Meldestelle sollen deshalb die Ergebnisse der Binnenwanderungs-Auszählung nur ganz kurz mitgeteilt werden, wobei Vorbehalten bleibt in längeren Abständen auch wieder eine eingehendere Darstellung zu bringen. Im Berichtsquartal ist die Zahl der gemeldeten Wegzüge wiederum gestiegen. Sie betrug 8507 gegen 7924 Personen im Quartal Januar/März 1937. Die Steigerung entfällt überwiegend auf die Binnenwanderung, die mit 3257 Wegzugsmeldungen (Januar/März 2823) das höchste bisher erreichte Quartalsergebnis darstellt. Während bei der Binnenwanderung 1408 männlichen Personen 1849 weibliche Personen gegenüberstanden, überwiegt bei der Auswanderung die Zahl der Männer mit 2762 Personen gegen nur 2488 weibliche Personen. Von den im Berichtsquartal erfaßten 5250 Aus Wanderung sfällen entfallen 769 auf „unbekannt" oder „auf Reisen“ abgemeidele