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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1937-11-01 · 11 (1.11.1937) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
15 (1937)
Issue
11 (1.11.1937)
Date
1937-11-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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DIB FÜR SYNAGOGIN - GEMEINDEN IN PRBUSSEN UND NORDDKUTSCHLAND AngtaeUet beim Sonderbeauftragten des ganda betr. Uberwadi rell tätigen Juden tm undl 'ekhsgebiet. Nr. 11 Berlin, 1. November 1937 15. Jahrgang Herausgeber: Preußische» Landesverband jüdischer Gemeinden Meine »Liste« Die Ereignisse Der 2. November' dieses Jahres ist der 20. Jahrestag der Balf our-Deklar a t i on; bei den Kundgebungen, zu denen er uns Juden wohl in allen Ländern vereinen wird, dürfen wir uns sagen, daB jenes vor nun zwanzig Jahren gefertigte Dokument die Rechtsgrundlage für alle seitherige Palästina- Arbeit geschaffen hat. Das war angesichts der Situation von 1917 ungeheuer viel. Aber es war — was Einsichtige immer wußten und was die Situation des Jahres 1937 überdeutlich erweist — doch nur die formale Rechtsgrundlage; die praktische Durchführung kann nur in jahrzehntelanger opferreichster Arbeit erkämpft werden. Palästina steht heute ganz im Zeichen dieses Kampfes. Die Ermordung der englischen Beamten, die Vernichtung des Flughafens Lydda, die Flucht des abgesetzten Mufti — das sind nur die Höhepunkte all jener Ereignisse, durch die England sich zu harten Vergeltungsmaßnahmen und zu einer grundlegenden Änderung seiner Taktik veranlaßt sah; seine Politik hat England nicht geändert; die Erklärungen des Kolonialministers Ormsby-Gore vor dem Unterhause sowie einige andere Anzeichen deuten darauf, daß es am Teilungsplan festhält und dessen Durchführung, wenn auch mit Abweichungen, vorbereitet. Sehr groß — aber auch sehr unterschiedlich — ist das Echo, das die■ palästinensischen Vprgänge und die Maßnahmen Englands in den verschiedenen Ländern der Erde hervorgerufen haben; auch in England selbst hörte man wie Zustimmung so Kritik. Wenn im Zusammenhänge damit sogar das Palästina-Mandat als solches und damit auch die dokumentarische Grundlage des Mandats — eben die Balfour-Deklaratiön — Gegenstand mancher Diskussion - geworden ist, so wird von jüdischer Seite mit um so zäherer Energie an der vor zwanzig Jahren geschaffenen klaren Rechtslage festgehalten werden, und zwar von allen Juden ohne Unterschied ihrer jüdischen Parteizugehörigkeit—: daß in der Jewish Agency for Palestine auch die Nichtzionisten sitzen, hat seinen Grund bekanntlich darin, daß auch diese große Gruppe der Judenheit auf Palästina als Einwanderungsland nicht verzichten will. Wenn gerade jetzt in Polen der Kampf um das sogenannte Hochschulghetto neu entbrannt ist und der Äriteverein den Arierparagraphen eingeführt hat, wenn ferner in Rumänien die Lage wieder bedrohlich wurde, so zeigt all dies die Notwendigkeit, der überall herrschenden Spannung alle vorhandenen Ventile offenzuhalten und neue zu öffnen. Palästina kann dabei nicht entbehrt werden. Das ist noch ganz kürzlich von Max Warburg nachdrücklich unterstrichen worden, der auf der Jahresversammlung des „Hilfsvereins der Juden in Deutschland“ sagte: „Bewußte jüdische Diaspora-Politik bedeutet Mitarbeit am Palästina-Werk“. H Selbstverständlich kann Palästina nicht das einzige Ventil sein. „Die jüdische Wanderungspolitik muß eine universale sein“ — auch dieser Satz stand in der eben erwähnten Warburg-Rede. Jüdische Auswanderung bedeutet heute zur Hauptsache: Übersee- Wanderung. Denn, auch dies wurde auf jener Tagung des „Hilfsvereins“ festgestellt, die Unterbringung größerer Auswanderer- Mengen in Europa ist mißlungen. Sie bedeutet ferner zur Hauptsache fürs erste noch: Einzelwanderung; größere Gruppenwanderungen werden sich erst nach erfolgreicher Einzelwanderung auf diese und auf die von ihr unbedingt zu fordernde Pionierarbeit stützen können. Wichtige Angaben über Tempo und Ziele der Auswanderung aus Deurtschland enthält der im Innern dieses Blattes veröffentlichte Bericht unserer Meldestelle:'' Allgemein wächst die Erkenntnis von der Unerläßlkhkeit der Forderung, daß unsere Auswandernden als Juden auswandern müssen. Das verpflichtet dazu, neben der beruflichen und sprachlichen Ausbildung unserer Menschen auch die jüdisch-geistige Ausbildung zu betreiben. Ihr dient u. a. die in Berlin und in vielen anderen Gemeinden Ende Oktober wieder aufgenommene Lehrhaus-Tätigkeit. Die von der „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ angeregte Aktion für das jüdische Buch (vgl. Seite 4) trägt hoffentlich dazu bei, alten Juden das Gewissen für die Pflege des jüdischen Geistes zu schärfen. Gerade am Tage des Balfour-Jubiläums darf an das Wort Martin Bubers erinnert werden, daß die Wiedergewinnung Zions nicht gelingen kann ohne die Wiedergewinnung des Judentums. Einer, der das gewußt und in eineih gesegneten Leben ununterbrochen betätigt hat, ist der Mann, der in diesen Tagen von den Juden der ganzen Welt betrauert wird: Felix Warburg. Für die Größe dieses wahrhaft jüdischen Lebens, das nun erlosch, zeugt die ungeheure und überwältigende Teilnahme der Juden aller Länder, besonders auch der Juden in Deutschland, da Warburg aus Hamburg stammte und stets mit den Juden Deutschlands in engster Fühlung blieb. Unter denen, die um ihn trauern, steht der. Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden. ir» vorderst«a.Beifae .(vgl, die Beileidskundgebung S. 6). Felix Warburg war — als Nachfolger von Louis Marshall — der führende Mann der amerikanischen Non-Zionists, und ähnlich wie Marshall 1929 alsbald nach der Teilnahme an der Züricher Jewish Agency- Tagung gestorben war, so raffte das Schicksal nun seinen Nachfolger nach seinem Erscheinen auf der Züricher Jewish A^ency- Tagung dahin; wir stehen ergriffen und dankbar vor dem Büde dieses großen Mithelfers am Bau der jüdischen Zukunft. Ich weiß nicht, von wem das Wort stammt, daß jede Sache so stark ist wie die sich ihr zur Verfügung stellenden Menschen. Aber wahr ist diese Bemerkung; wenn irgendwo, so zeigt sich dies bei der Jüdischen Winterhilfe. Als zu Beginn des Halbjahres 1935/36 erstmalig die Notwendigkeit der Errichtung eines eigenen jüdischen Winterhilfswerkes eintrat, entstand für die zentralen jüdischen Stellen und auch für die einzelnen Gemeinden und Gemeindebezirke die Frage: Wie organisieren wir das? Aber das, was dann entstand, war keine Organisation; es war eine Bewegung, denn jeder einzelne von den- Zehntausenden von ehrenamtlichen Sammlern, die sich sofort im ganzen Reiche zur Verfügung stellten, trat mit seiner ganzen Persönlichkeit so eindringlich für „seine“ Liste ein, daß sich niemand dem Anspruch dieses großen jüdischen Gemeinschaftswerkes entziehen konnte. „Meine“ Liste — in diesem Worte liegt der Schlüssel zum Geheimnis, warum unser Werk gelang; zugleich aber liegt in diesem Worte der Berechtigungs-Nachweis; denn daß ein jeder diese Sache als „seine" Sache empfand und empfindet, das ist etwas, was man nicht machen, nicht organisieren kann; es ist Beweis der innerlichen Bereitschaft, die sich im spontanen Tun auswirkt. So war es, so wird es bleiben. So war es im ersten, so war es auch im zweiten Jahre der eigenen jüdischen Winterhilfsaktion 1936/37, über deren Verlauf die „Zentralwohlfahrtsstelle bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ soeben einen gedruckten Bericht vorlegt. Zwangsläufig — infolge der Auswanderung — war eine Minderung gegenüber dem ersten Winterhalbjahr (1935/36) festzustellen; doch bleibt diese durchschnittlich 13% betragende Minderung weit hinter der tatsächlichen Verringerung der wirtschaftlichen Kraft der jüdischen Bevölkerung in Deutschland zurück. Die Quellen, aus denen die Mittel flössen, waren wieder die monatlichen und einmaligen Spenden (82% des Gesamtaufkommens), die Eintopfspende (14,79t), die Pfundsammlung und die sonstigen Spenden. MH Freude und Rührung liest man, daß auch ausgewanderte Juden zum Zeichen der bleibenden Verbundenheit mit ihrer Heimatgemeinde sich großzügig an deir Winterhilfe beteiligt haben; besonders wird in dem Bericht eine Kaffee- Spende aus San Salvador erwähnt. Und die Betreuten, die Hilfsbedürftigen? Von 407 000 auf 387 000 Köpfe war die jüdische Gesamtbevölkerang in Deutschland zwischen 1935/36 und 1936/37 gesunken; wenn nun die Zahl der Betreuten in der gleichen Zeit von 83 761 auf 82 818 fiel, so zeigt sich, daß gegenüber 20 000 Ausgewanderten die Zahl der Hilfsbedürftigen sicITnur um etwa 1000 Personen verringert hat! Das bedeutet relativ ein Anwachsen der Hilfsbedürftigen; in den Groß- und Mittelgemeinden ist jeder fünfte, in den Kleingemeinden sogar jeder vierte Jude hilfsbedürftig. Saarland

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