Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 10 (1.10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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15. Jhrg./Nr. 10 Jüd. Gemeindeblatt f. d. Synag.-Gem.fin Preuffen/Norddeutethland_1. Oktober?!937 Ein Kinderparadies Von Etty Münzer-Hirschfeld Es liegt manchmal etwas Beglückendes darin, Wohlfahrtseinrichtungen zu sehen ... daß sie notwendig sind, ist gewiß hart und schmerzlich, aber daß so riet Not gelindert werden kann und w i e sie gelindert wird, das ist ein Lichtpunkt und gibt uns obendrein Selbstvertrauen. Vor 34 Jahren wurde Jüdische Krankenhilfe Fot. Sonnenfeld das „Heim für Säuglings- und Kinderhilfe“ in 3 Mieträumen in der Artilleriestraße mit 6 Kindern eröffnet Heute sind’s zwei eigene Häuser in Niederschönhausen in einem großen Garten. Man geht durch lichtdurchflutete, peinlich saubere Bäume mit ihren Glaswänden, schleiergeschützten Babykörben, weißen Bettchen, und man macht einen Weg in den Garten, wo unter fruchtschweren Obstbäumen in treuer Hut junger Pflegerinnen Säuglinge schlummern, viele kleine Kinder auf dem Sandplatz und im Planschbecken jubeln — es sind etwa 100 Säuglinge und Kleinkinder im Heim, und sie werden fast von der Stunde ihrer Geburt bis zur Schulfähigkeit dort menschlich und ärztlich betreut. Kinder, die in ungünstigste Verhältnisse hineingeboren sind — uneheliche, kranke, gefährdete Kinder — kommen hier in eine Atmosphäre von Licht, Luft, Freude, Gesundheit und, wenn nötig, werden von hier auch für sie die Adoptiveltern gesucht. Nicht weniger segenvoll arbeitet für Kinder und — Mütter die „Krankenhilfe der jüdischen Gemeinde“, auf der ärztliche und soziale Tätigkeit mit einander verbunden werden: Nahnmgsbeihilfen, Verschickungen, Kuren, Ernährungszuschüsse für werdende und junge Mütter, Tuberkulosen-Betreuung usw.; im Jahre 1936 sind dort 4255 Menschen betreut worden, davon zwei Drittel Frauen. Die Ein Sonnenbad toL Sonnenfaid „Krankenhilfe“ arbeitet außerdem auf das engste mit der „Jüdischen Kinderhilfe“ (im Hause der früheren Naumannschen Kinderklinik, Blumenstraße) zusammen. Hier wird alles getätigt, was Kinder bis zum 16. Lebensjahre angeht, z. B. orthopädische und Zahnbehandlung, Heilung von Sprachstörungen; schwer erziehbare Kinder machen hier unter Leitung eines Heilpädagogen Schularbeiten. Alles in allem: wir dürfen glücklich sein mit diesen großen* Leistungen einer „Hilfe für Mutter und Kind“ — das war das Motto, unter dem das Wohlfahrts- und Jugendamt der Berliner Jüdischen Gemeinde eine Führung durch die hier beschriebenen Anstalten unternahm. Und wenn auch, wie es in der Wirtschaft Die Auswanderung der in Deutschland lebenden Juden vollzog sich bisher, wenn man von Palästina absieht, so gut wie ausschließlich in der Form der Einzelwanderung. Nur auf den südamerikanischen Ica- Siedlungen sind versuchsweise kleine Gruppen jüdischer Auswanderer aus Deutschland angesetzt worden, und weitere Gruppen sollen, wenn der Versuch gelingt, bald folgen. Das Hauptziel der Auswanderung waren jedoch bisher (Palästina wiederum außer Betracht gelassen) die Vereinigten Staaten, und zwar wahrscheinlich gerade deshalb, weil dort Einzelwanderer aller Berufe am leichtesten neue Existenzgrundlagen finden. Für die ältere Generation der in Deutschland ansässigen Juden kommt im allgemeinen auch nur die Einzelauswanderung in Betracht, weil ihrer Umstellung auf eine landwirtschaftliche Berufstätigkeit in der Regel allzu große Schwierigkeiten entgegenstehen. Dagegen wird man im Hinblick auf die jüdische Jugend das Ziel einer Normalisierung der jüdischen Berufsverteilung nicht aus dem Auge verlieren dürfen, wenn man das jüdische Gesamtproblem einer Lösung entgegenführen will. In erster Linie wird dann die Umstellung einer breiten Schicht jüdischer Jugendlicher auf den landwirtschaftlichen Beruf gefordert werden müssen. Denn die Voraussetzung für die jüdische Massensiedlung ist das Vorhandensein einer genügend großen Anzahl tüchtiger, berufserfahrener Landwirte. Das Beispiel Palästinas zeigt, daß diese Aufgabe gelöst werden kann, und daß es möglich ist, junge jüdische Landwirte und Siedler in genügender Zahl auszubiiden, wenn geeigneter Raum für die Betätigung jüdischer Landwirte und für jüdische Massensiedlung gefunden wird. In welchen Ländern ist heute Raum und Land für eine großzügige jüdische Gruppen¬ oder Massensiedlung vorhanden? D r. Mark Wischnitzer, der Leiter des „Hilfsvereins der Juden in Deutschland“, hat vor kurzem auf einem Berliner Gemeindeabend zwei jüdische Siedlungsprojekte erörtert, die vielleicht in absehbarer Zeit praktische Bedeutung gewinnen werden. Die Länder, die von ihm als geeignet für jüdische Kolonisation angesehen werden, sind Costa Rica und Kenya. Es wird daher interessant sein, kurz die wirtschaftlichen Verhältnisse dieser beiden Länder näher zu betrachten und zu untersuchen, welche Existenzbedingungen jüdische Siedler in diesen Gebieten gegebenenfalls vorfinden würden. Costa Rica —- die deutsche Übersetzung des Namens ist „reiche Küste“ — ist eine kleine mittelamerikanische Republik, die von der Küste des Atlantischen bis zu der des Stillen Ozeans reicht. Außer den tropisch-heißen, ungesunden und für Europäer unbewohnbaren Küstentiefebenen umfaßt das Land ausgedehnte Hochebenen mit sehr gesunden klimatischen Verhältnissen. Ein Teil dieses Gebiets ist noch mit dichten Urwäldern bedeckt. Der Boden ist außerordentlich fruchtbar. Haupterzeugnisse der Landwirtschaft von Costa-Rica sind Kaffee, Bananen, Kakao, Rohrzucker, Mais und Obst. Diese Produkte werden auch zum Teil, exportiert, doch besteht die Ausfuhr in der Hauptsache aus Kaffee und Bananen. Einer Natur der Dinge liegt, in" Berlin größere Möglichkeiten bestehen als anderswärts, doch bleibt die allgemeingültige Lehre solcher Besichtigung für jeden unserer Glaubensgenossen in Stadt und Land: Was du deiner Gemeinde gibst, das gibst du dir selbst: denn nur die Gemeinschaft kann die bei ihr zusammenströmenden Einzelbeiträge so anwenden, daß die Einzelleistungen übersteigert und ein sinnvolles Ganzes geschaffen wird. in Ubersee Monokultur, die sich auf den besonders gute Erträge bringenden Kaffeeanbau stützt, aber mit der Gefahr einer zu großen Abhängigkeit von den Schwankungen des Weltkaffeemarkts verbunden ist, wird neuerdings namentlich durch die Förderung der Ausfuhr von Bananen, Kakao und anderen Bodenerzeugnissen sowie durch die Heranziehung neuer Siedler entgegengewirkt. Die Handelsbilanz ist heute aktiv. In dem verhältnismäßig kleinen Costa- Rica (es umfaßt nur rund 53 000 qkm, ist also nicht viel größer als Dänemark) leben jetzt nur etwa eine halbe Million Menschen. Der Hauptteil der Bevölkerung besteht aus Weißen spanischer Herkunft und wohnt in den größeren Städten oder den ländlichen Siedlungen des Hochlandes. Die Sprache der Einwohner ist spanisch, die Religion katholisch; doch herrscht völlige religiöse Freiheit. Der hohe Bildungsstand und die Arbeitslust der Bevölkerung werden besonders gerühmt. In der Hauptstadt San Jost befindet Sich die Landesuniversität. Die Zahl der Schulen ist verhältnismäßig groß. Gewerbe und andere Wirtschaftszweige weisen nur eine geringe Entwicklung auf. Auch die Viehzucht deckt nicht einmal den eigenen Bedarf des Landes. Der Bergbau erstreckt sich auf die Gewinnung von Gold und Silber in geringen Mengen. Die vorhandenen gewerblichen Kleinbetriebe befassen sich mit der Veredelung landwirtschaftlicher Erzeugnisse für den Bedarf der inländischen Bevölkerung. Der Handel liegt überwiegend in den Händen des nordamerikaniseben Kapitals. Seit dem Bau des Panamakanals hat sich die Wirtschaftslage Costa-Ricasjedoch bereits wesentlich gehoben. Die Einwanderung war bisher gering. Die Regierung ist jedoch bemüht, geeignete Siedler heranzuziehen und zu unterstützen. Alles in allem sind also die Bedingungen für eine jüdische Massensiedlung hier nicht ungünstig. Die englische Kolonie Kenya, die bekanntlich in Ostafrika liegt, ist sehr viel größer als die mittelamerikanische Republik. Sie umfaßt beinahe 600 000 qkm, übertrifft also an Ausdehnung das Deutsche Reich, zählt jedoch nur 2,9 Millionen Einwohner. Auch sie liegt in den heißen Tropen, und nur auf den ausgedehnten, sehr fruchtbaren Hochebenen herrscht ein gesundes Klima, das auch für den Europäer durchaus erträglich ist Es gibt hier bereits eine Anzahl von Europäern geleiteter Vieh- und Ackerbaufarmen. Angebaut werden Weizen, Mais, Kartoffeln, Kaffee, Baumwolle, Sisal usw. Die großen Wälder liefern Nutzholz weit über den Bedarf hinaus. Der Bergbau auf Gold, Salz und Glimmer befindet sich -noch in den Anfängen. Die Bevölkerung Kenyas besteht natürlich hauptsächlich aus Negern. Die Zahl der weißen Einwohner beträgt gegenwärtig nur 12 bis 13 000. Unter ihnen befindet sich auch eine Anzahl Juden, so daß jüdische Siedler schon von vornherein nicht ganz isoliert sein würden. Unter dem gleichen Gesichtspunkt darf auch die Tatsache, daß Kenya alten Kulturländern benachbart ist oder jedenfalls nicht weit von ihnen entfernt liegt, gewürdigt werden. Die Uganda-Bahn verbindet die fruchtbaren Hochflächen der Kolonie mit dem Seehafen Mom-