Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 10 (1.10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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S5. JfargyN«! 10 Jüd. Gemeindeblatt t d. Synag.-Gem. in Preußen/NorddeotBtWand 1. Oktober 1$31 Laufe «eines iiibai erarbeiten könnte. So gewiß die Sprache eine Schöpfung von Menschen ist, so gewiß ist sie aber auch schon mH dem AawntlltHck ihrer Entstehung eine Kraft, die selbst wieder auf diese Menschen zurückwirkt. Denn der Mensch, der in eine Sprache hineinwichst, steht für die Dauer seines Leben* unter dem Banne dieser Sprache. Das Vorhandensein eines geistig geformten Weltbildes in der Sprache einer Gemeinschaft bleibt nur für den verwunderlich und unbegreiflich, der in der Sprache eine bloß« Anhäufung zusammenhangloser, einzelner Wörter sieht. Man muß zugeben, daß dieser Anschauung Vorschub geleistet wird durch die üblichen Formen, in denen eine Sprache in Wörterbuch und Grammatik dargestellt wird. Sähe die Wirklichkeit der Sprache so ' aus wie ein Wörterbuch, in dem in' einer ganz äußerlich bestimmt® Art, nämlich alphabetisch, die Wörter aufeinanderfolgen, dann könnte man hinter diesen zusammenhanglosen Brocken kein Weltbild finden. In Wirklichkeit gehören aber diejenigen einzelnen Teile des Wortschatzes zusammen, die an der gedanklichen Bewältigung der einzelnen Lebensgebiete Zusammenwirken. So gehört z. B, in der deutschen Sprache „dick** nicht zu „Dickens“, wie dies im Duden steht, sondern zu dünn; „bald" nicht zu „Baldachin“, sondern zu den übrigen Zeitbestimmungen. Der auf diese Weise aufgebaute Wortschatz schließt aber tatsächlich ein ganzes Weltbild in sich, denn die Wörter, die sich da zusammengefunden haben, umfassen alle die Möglichkeiten der Auffassung, die in einer bestimmten Sprache für die Erscheinungen eines bestimmten Lebensgebietes herausgearbeitet worden sind. Die Leistung der Sprache für eine Gemeinschaft ist also, daß sich für die Angehörigen der Sprachgemeinschaft eine weitreichende Gleichartigkeit der Denkgrundlagen und der Außerungaform® ergibt, die dann auch die Verständigung zwischen verschiedenen Menschen ermöglicht. Sucht man ein Merkmal, um die Zusammengehörigkeit von Menschen festznstellen,. so wählt man die Sprache. Die Sprachgemeinschaft ist die Voraussetzung für alle andere Gemeinschaft, nicht nur, weil sie erst die Verständigung ermöglicht, sondern vor allem, weil sie die Grundlage der Verständigung, die gemeinsame Weltauffassung vermittelt Wenn also irgendwo, so sind in der Sprachgemeinschaft die Voraussetzungen für ein Zusammenleben und Zusammenwirken vieler Menschen gegeben, und so bildet der Geltungsbereich einer Sprache den naturgemäßen Raum für ein Volk. Gewiß wird man für lebendiges Volksein noch vieles andere verlangen, aber mit der Sprachgemeinschaft sind Bindungen geschaffen, denen sich niemand entziehen kann, so daß die Sprachgemeinschaft als die unentbehrliche Voraussetzung für die Volksgemeinschaft bezeichnet werden muß. Und andererseits ist. die Sprache, wie sie in Dichtung und Schrifttum eines Volkes niedergelegt ist, nicht npr der größte, allgemein zugängliche, sondern auch der leuchtendste und bleibendste Ausdruck eines Volkes, der unzerstörbarer ist als Banwerke und Bilder, nachwirkender; als politische Macht, Wirtschaftsformen oder Reichtum, und der staatliche Grenzen und Landschaft überdauert. Keine Gemeinschaft bat den Ausdruck ihrer selbst in, .der Sprache sprechender — im eigentlichsten Sinn des Wortes — als alles niedergelggt als die jüdische, als das Volk des Buche*. Bei keinem Volk spielt unter den Kulturgütern du Schrifttum eine so überragende, Rolle wie bei den Jaden. Dieser Literatur entsprach bis in die vorletzten Epoch® unserer Geschichte — Emanzipation .und näsimHation — ein lebendiges HehrtÜ*cb. Allerdings war die hebräische SpAchc in der Diaspora nicht die gesprochene Sprache des Volkes, dafür war sie aber die Sprache seines geistigen Lebens, seiner Religion. So lange nun du Leben unserer Sprache mit dem religiösen Leben des Volkes verknüpft war, so lange war ihr Fundament stark1 und ihr Fortbestehen gesichert. Die bekannten Auflösungserscheinungen des 19. Jahrhunderts haben jedoch auch du hebräische Wort verdrängt, so daß heute — abgesehen von Palästina, wo das Hebräisch zu neuem Leben erstanden ist — unsere Sprache keine lebendige, keine Volkssprache mehr ist Heute nehmen wir Anteil am geistigen Leben der Völker, unter denen wir wohnen und mit denen wir kulturell verbunden sind, kennen die deutsche, polnische oder französische Literatur und lesen die Werke dentscher, polnischer öder französischer Schriftsteller, aber wir besitzen keinen direkten Zugang zur hebräischen, zur jüdischen Kultur! Sowohl von unserer Urquelle, der Bibel, als auch der nettesten Literatur unserer Dichter und Schriftstetyer haben wir eine völlig unzulängliche Kenntnis. Wir wissen zu wenig, welches große Gut niedergelegt ist in Talmud und Midrasch und kennen gewöhnlich Maimonides und Jehuda Halevi nur dem Namen nach. Die Erlernung des Hebräischen bedeutet deshalb für uns hiebt die Einprägung neuer Vokabeln und grammatischer Regeln, sondern die Wiedergewinnung der Sprache unserer großen Vergangenheit und deren Literatur. Darüber hinaus ist die hebräische Sprache heute die einzige Kraft, , die ztark genug sein könnte, um über alle Gruppen, Parteiungen und Richtungen im Judentum hinweg gemeinschaftsbildend zu wirken, die räumlich, sprachlich und in der Lebensweise getrennten Glieder der Judenheit zu vereinigen und am Leben des gesamten jüdischen Volkes Anteil nehmen zu lassen. Columbus und Abravanell Zum Absdfiad dos Abravaiwll*Jahres * Das Jahr 6695 hat für uns im Zeichen des Maimonides, das Jahr 5Ö97 im Zeichen des Don Jizchak Abravanell gestanden. Wie damals die Persönlichkeit des großen Reli-1 gionsphilosophen, so ist uns jetzt die Persönlichkeit des tiefgründigen Bibelkommentators und tatkräftigen Organisators nahegebracht — diese Wirkung soll bleiben nnd wird bleiben; wir wissen nun wieder, wer Abravanell war, was er für die Juden seiner Zeit getan und für die Juden der Nachwelt geschaffen hat; sein Bild und seine Leistung leben in uns. Damit hat das Abravanell-Jahr seinen Zweck erfüllt, Und daß es nun — mit seinen vielen Vorträgen, Zeitungsaufsätzen, Broschüren und Predigten über Abravanell — zu Ende gegangen ist, wurde äußerlich durch die Schließung der von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin veranstalteten Abravanell- Ausstellung dokumentiert. Eine kleine, aber bedeutsame Einzelheit von dieser Ausstellung soll Mite — ebenfalls zum Abschluß — hervorgehoben werden. Die Ansstellung war außerordentlich vielseitig und enthielt unter anderem auch manche Dinge — oder Bilder von Dingen — die mit Abravanell nur sehr lose, indirekte Beziehung haben und sich lediglich auf seine Zeit beziehen.- Also auch auf das berühmte Jahr 1492. Und da leuchtet denn auch, unheimlich und düster, ein geisterhaftes Antlitz hervor — wir kennen es alle, es ist die Photographie des’ Gemäldes eines unbekannten Meisters und zeigt uns niemand Geringeren als Christof Columbus. Ja, das haben wir schon in der Schule gelernt — 1492, Im jüdischen Religionsunterricht: die Austreibung der Juden aus Spanien; . im allgemeinen . Geschichtsunterricht: die Entdeckung Amerikas. Was wir aber nicht gelernt haben, wird uns nun durch ein kleines erläuterndes Tafel- Di« Frage der Wiedergeburt der Sprache in der Diaspora ist eine Frage der Überzeugung nnd des Willens. Ein zwingendes materielles Interesse, das den einzelnen Juden zum Hebräisch führ® müßte, gibt es nicht Wir können uns daher nur auf Menschen wenden, die Sinn für geistige Werte überhaupt haben. Nicht aus den Quellen eines äußeren Gesetzes soll das Hebräisch entspringen. sondern aus innerem Drang und Pflichtgefühl. Denn die Rückkehr zum Hebräischen bedeutet nicht nur, mit der Absicht sondern mit der Tat zum Judesein zurückzukehren. Die Menschen, die in der hebräischen Arbeit stehen, geraten häufig in die merkwürdige Situation, daß sie.von der Sache, für die sie sich einsetzen, nicht sprechen können. Denn demjenigen, der sich noch nicht entschlossen hat hebräisch zu lernen, kann man die Schönheit nnd den Reichtum der Sprache nicht schildern, weil er sie ja Nicht verstehn Eine weitere Schwierigkeit bedssüet es, jungen Mensch«» die Wichtigkeit der.Erlernung des Hebräischen klarznasacheU, da diese kein geschichtliches Verantwortungsgefühl haben. Dennoch ergeht ein Appell an alle Eltern und Führer unserer Jugend und an deren KnltnrwiHen, daß sich die Jugend an der Wiederbelebung der hebräischen Sprache beteilige. Es wird, zwar schon mancherorts gelernt aber allzu oft wird dieses Lernen noch ails Zwang empfunden. Erzwungenes wird fast stets mit einem gewiss® Unwill® getan. Aber nur diejenigen, die beseelt sind von einem Will® zur Kultur, werd® so viel intensive Arbeit und Idealismus aufbringen, die zum Hebräisch-Lern® gehör®. Nur ein tiefes Gefühl der Pflicht und der Liebe geg®über unserer Sprache wird sie bei ihr® Bemühung® fördern, mit welch® sie sich ein alt-neues geistiges Terrain erobern: die hebräische Kultur. ch® gesagt welches die Ausstellungsleitung über dem Bilde angebracht hat: Christof Columbus, zu dessen Fahrt Abravanell als Erster ein® finanziell® Beitrag stiftete. Wir erinnern uns, daß Columbus mit seinen tollen, all® damalig® Erfahrung® und Anschauung® — auch d® Glaubensanscbaunng® — Hohn sprech®d® Plan® überall auf Ablehnung stieß and verlacht wurde Don Jizchak Abravanell war ein frommer nnd gläubiger Mann, aber er lachte nicht unterstützte das Werk. Und konnte nicht ahn®, daß er damit eine providentielle Handlung beging. Denn einige Jahre später —> in dem gleich® Jahre, als seine an Columbus gegebene Spende zur Entdeckung ein« neu® Welt führte, in dem gleich® JahSe verlor® Abravanell und mit ihm SOfcfOOO Jud® ihre alte Weit. Der Strom ergoß sich zunächst ns® Nord® und Osten, nur ein kleiner Teil fand sogleich d® W«g üb« d® Ozean. Dennoch war die Guttat die Abravanell an Columbus vollführte, schicksalhaft: Amerika ist seit damals und in aller Folgezeit ungezählt® Jud® Zuflucht und Heimat geworden bis auf d® heutig® Tag. Er und Sie In ein« klein® Gemeinde ist ein Rabbiner angestellt der Familie hat Man kann dem Rabbiner nicht viel geben, behandelt ihn dafür ab« außerordentlich gut Eines Taget erhält der Rabbiner, der als sehr guter Predig« bekannt wird, die Bemftmg einer Großgjüneinde. Die Gemeinde ist in höchster Erwartung, ob der Rabbi annehm® wird, und man fragt auf der Straße sein® Sohn, was der dazu meint „Der Vater ist im Gebet verzank®“, antwortet der Sohn, „und erwartet eine Erleuchtung vom Himmel in dies« schweren Frage.“ — „Und was lut die Mutter?“ forscht man weiter. „Sie packt die Koffer”, lautet die Antwort