Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 9 (1.9.1937)
- Date
- 1937-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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15. JhrgyNr. 9 ' Jüd. Gemeindeblatt f. d. Synag.-Gem. in Preußen/Norddeutscfaland 1. September 1937 hier leider wieder nur: Übereinstimmung im Negativen; das Nein der Warburg-Gruppe blieb an Schärfe hinter dem Nein eines Ussisehkin oder Wise, wenn man will selbst eines Jabotinsky, nicht zurück, denn es ist ja bekannt, daß Warburg und seine Freunde mehrfach ganz offen mit Austritt aus der Jewisch Agency drohten; und was die Ausführung solcher Drohung angesichts der gerade jetzt notwendig werdenden Sammelkampagne für die zionistischen Fonds bedeuten würde; braucht nicht näher ausgeführt zu werden. Freilich die Motive für Warburgs Haltung sind denen der zionistischen Weizmann- Opponenten diametral entgegengesetzt; seine Ablehnung vor .allem des vom Peel-Plan projektierten Judenstaates geht nicht von jüdisch-nationalen Gesichtspunkten, sondern von Erwägungen der in Amerika lebenden nichtzionistischen Judenheit aus, Für den Jüdischen Kulturbund Der Jüdische Kulturbund, der vor vier Jahren in Berlin gegründet wurde, ist nun seit langem Besitz und Lebensnotwendigkeit für alle großen und kleineren jüdischen Gemeinden in Deutschland. Es hat sich erwiesen, daß der Wert der Kulturbünde weit über die Möglichkeit hinausgeht, jüdischen Künstlern Betätigung, jüdischen Zuhörern Zerstreuung zu verschaffen. Hier ist ein Bund gegründet, der im Zeichen lebendigen geistigen Interesses jüdische Menschen sammelt 'und vereint, und der dies Interesse immer entschiedener und reiner in eine besonders jüdische Richtung zu lenken strebt. Die Existenz der Kulturbünde ist für alle Juden von innerster Bedeutung. Man kahn es daher weder verstehen noch billigen, daß es immer noch Juden in Deutschland gibt, die nach ihren materiellen Lebensbedingungen wohl dazu imstande wären, Mitglieder ihres Kulturbundes zu sein, aber dennoch beiseite stehen. Der Verlust, den jedes Jahr den Kulturbünden unvermeidlicherweise bringt, kann und muß wettgemacht werden durch den Eintritt dieser noch Außenstehenden. Dem Kulturbund Treue zu halten, dem Kulturbund neue Mitglieder zu werben, scheint uns gemeinsame Ehrenpflicht aller Juden. Reichsvertretung der Juden in Deutschland, gez. Dr. Baeck Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden, gez. Kammergerichtsrat i. R. Wolff — Jüdische Gemeinde zu Berlin, gez. Heinrich Stahl — Verband Bayerischer israelitischer Gemeinden, gez. Dr. Neumeyer — Oberrat der Israeliten Badens, gez. Friedrich A. Straus — Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, gez. Dr. Gumbel — Jüdischer Central-Verein, gez. Dr. Herzfeld — Jüdischer Frauenbund, gez. Ottilie Schönewald (Bochum), Hanna Karminski — Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, gez. Dr. Leo Löwenstein — Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland, Dr. Kurt Singer, Benno Cohn, Dr. Max Wiener — Zionistische Vereinigung für Deutschland, Benno Cohn, Hans Friedenthal. und wenn Weizmann gerade auf dieser Züricher Session so viele Momente der Stärke und Größe gehabt hat so war vielleicht sein stärkster Augenblick der, als er Herrn Warburg fragte, warum er sich das alles nicht früher überlegt habe und ob Warburg, der sich dem im Peel-Plan projektierten jüdischen Staat so heftig widersetzt von dem bisher von ihm unterstützten, in Balfour-Deklaration und Völkerbunds-Mandat zugesicherten „National home* etwa geglaubt habe, es handele sich lediglich um Kolonisation?) — Angesichts dieser ganzen, höchst komplizierten Situation stand die Jewish Agency vor der gleichen Alternative wie wenige Tage vorher der Zionistische Kongreß: entweder es fiel alles auseinander, oder es wurde eine Formel und ein Weg gefunden, der neuen Verhandlungen die Tür öffnet und die Entscheidung auf später verschiebt Es ist vermutlich vor allem Weizmanns diplomatischem Geschick, sodann aber dem zuletzt doch immer siegenden Verantwortungsbewußtsein aller zu danken, daß die Einheit der Organisationen, sowohl der zionistischen wie der Agency, erhalten blieb. Auch die Agency hat schließlich die Resolutionen des Zionisten-Kongresses gebilligt und außerdem eine jüdisch-arabische Verständigungskonferenz gefordert. „Die Arbeit geht weiter.“ IL Kulturbund Eine „Chronik des jüdischen Lebens“ in diesem Monat wäre nicht vollständig, wenn sie nicht die große Werbeaktion des Kulturbundes erwähnte oder, richtiger gesagt, die Werbeaktion für den Kulturbund. Der von allen jüdischen Organisationen und Körperschaften Unterzeichnete Aufruf, den unsere Leaer an anderer Stelle dieses Blattes finden, erinnert daran, wir uns an der materiellen Arbeit für das Leben und die Zukunft unserer Menschen und für die Aufrechterhaltung unserer Gemeinden nicht genug sein lassen dürfen. Und selbst die religiöse Vertiefung wie auch die Besinnung auf die jüdischen Geschichtswerte reichen noch nicht aus, um unserm Leben den geistigen Gehalt zu geben, der dann zugleich auch ein wirklicher innerer Halt ist. Ganz abgesehen von der großen sozialen Aufgabe, die der Kulturbund an allen denen erfüllt, denen er künstlerische oder sonstige Betätigung ermöglicht — eine Aufgabe, die allein wert wäre, daß jeder, der dazu in der Lage, durch Erwerb der Kulturbund-Mitgliedschaft sie unterstützt — ganz abgesehen hiervon also: man müßte eine Broschüre schreiben über die drei Wörter „Jüdisch“, „Kultur“ und „Bund“, um erschöpfend darzustellen, was der Jüdische Kulturbund innerhalb der Judenschaft Deutschlands, in großen wie sogar auch und gerade (soweit es mit seinen ökonomischen Notwendigkeiten nod» vereinbar) in kleineren Gemeinden seiner Berufung nach bedeutet. Der Kulturbund — nostra res agitur — ist wirklich unser aller Sache. Und, liegt es im Wesen der Zeit, in der er entstanden, daß er jährlich einen beträchtlichen Teil seiner Mitglieder durch Auswanderung verlieren muß, so ist es unser aller Sache, dafür zu sorgen, daß auch vom Kulturbund gesagt werden kann, was oben bei dem Bericht über Zürich gesagt wurde: „Die Arbeit geht weiter!“ Wirtschaft in Übersee Der in Deutschland lebende Jude, der sich ein richtiges Bild von den Lebens- und Erwerbsmöglichkeiten in überseeischen Ländern machen will, muß die großen klimatischen und wirtschaftlichen Verschiedenheiten der einzelnen Länder sorgfältig in Betracht ziehen. So gibt es zum Beispiel in dem großen, für die jüdische Auswanderung wichtigen südamerikanischen Raume eine Anzahl von Ländern, die ganz oder hauptsächlich in den Tropen liegen und daher für den europäischen Einwanderer, selbst wenn er dort wirtschaftlich sein Auskommen findet, besonders große Schwierigkeiten in gesundheitlicher Hinsicht bieten. Ein dauernder Aufenthalt in diesen Ländern ist für den Europäer oft so schädlich und gefahrbringend, daß dieser Gesichtspunkt bei der Entscheidung des Auswanderers in hohem Maße Beachtung finden muß. Ein zweites beachtenswertes und wichtiges Moment ist der wirtschaftliche Entwicklungsstand des Landes, in dem der Auswanderer seine neue Heimat finden will. Für den jüdischen Auswanderer wird, wenn er nicht in der Landwirtschaft entsprechend ausgebildet ist, ein Land, das in der Industrialisierung schon weit vorgeschritten ist, im allgemeinen geeigneter sein als ein ausgesprochenes Agrarland mit geringer Industrie und wenig entwickelter Handelstätigkeit. Gewiß kann der einzelne Jude oft auch in einem landwirtschaftlichen Lande als Handwerker, Kaufmann oder Industrieller sein .Brot finden. Aber der Sättigungsgrad, bis zu dem ein solches Land gewerbetreibenden Einwanderern Erwerbsmöglichkeiten zu geben vermag, wird hier in der Regel weit eher erreicht sein als in einem Lande, dessen industrieller Aufbau schon größere Fortschritte gemacht haL So erklärt es sich auch, daß sich der Hauptstrom der jüdischen Amerikaauswanderer bisher, wenn man von den Vereinigten Staaten absieht, in erster Linie nach Brasilien und Argentinien richtet, also nach Ländern, die bereits auf dem Wege zur Industrialisierung sind. Da jedoch neuerdings auch einige andere südamerikanische Länder als Ziele für die jüdische Auswanderung stärker als bisher in Erwägung gezogen werden, wird es nützlich sein, die Wirtschaftsstruktur dieser Länder ebenfalls in einigen Sätzen zu umreißen, um zu prüfen, inwieweit sie für die jüdische Auswanderung in Betracht kommen. Columbien. Dieses Land liegt ganz in den Tropen, und nur ein tropenfester Europäer wird es sich zur dauernden Heimat wählen können. Die erleichterten Ein Wanderung t- und Transferbestimmungen werden zwar häufig die Blicke jüngerer jüdischer Landwirte, Handwerker und Gewerbetreibender auf dieses Ziel richten. Aber niemand sollte außer Acht lassen, daß ein dauerndes Leben in einem solchen Lande stets nur unter bestimmten Vorbedingungen möglich ist Wo diese nicht erfüllt sind, muß von einer Einwanderung in-ein Tropengebiet unter allen Umständen abgeraten werden. Ferner ist hervorzuheben, daß Columbien im wesentlichen noch ein Agrarland ist. Die industrielle Produktion nimmt zwar langsam zu, und die vorhandenen industriellen Betriebe des Landes sind gut beschäftigt. Aber sein Bedarf an industriellen Erzeugnissen wird heute in der Hauptsache noch durch Einfuhr gedeckt Exportiert werden in erster Linie Kaffee und R«n.nm ..l.r» landwirtschaftliche Erzeugnisse, die als Nabrungs- oder Genußmittel Absatz finden. Außerdem ist zu beachten, daß gerade für die Kaffeeausfuhr die Lage des Weltmarkts schon seit längerer Zeit nicht besonders günstig ist und bisher auch kein* 6