Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 9 (1.9.1937)
- Date
- 1937-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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15. JhrgyNr. 9 Jod. Gemetndcblattf. d. Synag.-Gem. In Preußen/Norddeutsdiland 1. September 1937 von Pflanzen — Traube, Baum, Rose. Diese Namen stammen von der Bezeichnung der Wohnhäuser der Toten in der Judengasse und so finden wir auch als Hinweis auf die Stammhäuser — Adam und 'Eva auf den Reliefs („Haus zum Paradies“) oder eine tanzende Minnergestalt („Haus zum Fröhlichen Mann“). Auf den Grabsteinen der alten Frankfurter Familie Schiff finden wir ein Schiff, bei den Kanns das gleiche („Kahn“). Am „Hügel der Märtyrer“ vorbei führt uns der Weg zu der Begräbnisstätte der Rabbiner und der Gelehrten, deren die Frankfurter Gemeinde an Zahl und Bedeutung wie wohl kaum eine andere aufzuweisen hatte. Hier liegt unter unzähligen Leuchten der Wissenschaft und Kündern und Lehrern der Thora — der große Talmudlehrer R. Meir Schiff, in der jüdischen Wissenschaft als Maharam (Morenu haraw rabbi Meir) bekannt, hier ist der Grabstein eines Vorfahren von Ludwig Philippson, des R. Jakob Josua Falk, nach seinem Hauptwerk „Pne Jehoschua“ genannt, der auf seinem Steine den Namen „Herr der ganzen Gola“ führt. Von dem Arzte Abraham ben Joseph Halfcvi (gestorben 1581) kündet die Tafel: „Eis haben gesiegt die Engel und Platz eingeräumt dem Reinen und Lauteren, der hier unten ruht. Er war ein Arzt für Körper und Gemüt. Seiner Kunst stand die* Lehre Gottes znr Seite.'“ Name um Name ziehen an unserem Auge vorbei — aber Namen nicht nur, sondern Leben gewordene Erinnerung aat Leistungen aus jüdischem Geiste und jüdischem Gottesglauben. Eine Stelle wollen wir hier noch erwähnen. Versteckt unter den vielen, vielen Gräbern, nicht unterschieden von ihrer Nachbarschaft, hegen hier auch die Ruhestätten einer Familie, deren Namen einen einzigartigen Klang im Finanzleben Europas haben: die der Rothschilds, deren Gründer, Isaak Rothschild, seit 1567 mit seinem Weibe Esther in dem für sie neugebauten Hause „Zum roten Schild“ am südlichen Ende der Judengasse wohnte. Stunden und stundenlang kann man durch die dicht bewachsenen Wege gehen. Aber wenn einen dann das Leben wieder zur Rückkehr in den Alltag mahnt, wird einem bewußt, warum unsere Weisen diese Stätte nicht die „Stätte des Todes“, sondern Bet ha Chajim — „Haus des Lebens“ genannt haben oder Bet Olam — „Haus der Ewigkeit“. Als ich auf die Straße trete, die Augen nach dem dämmernden Licht auf dem Friedhof, geblendet von der Rothsdilld-Gräber strahlenden Helle des Sommertages, muß ich an das gute Wort einer klugen und frommen Frau an ihre Toten denken, das ich einmal in den Erinnerungen von Moritz Lazarus fand: „Sie sind mir gestern gestorben — und leben heute wieder.“ (Die Photos sind entnommen aus: .Der alte Judenfriedhof in Frankfurt a. M.“ von Julius Hülsen.) Chronik des jüdischen Lebens L Zärieh Der mit leidenschaftlicher Spannung erwartete Zionisten- Kongrel) und die mit kaum geringerer Anteilnahme erwartete Tagung der Jcwish Agency — je mehr sich der Reihe nach diese beiden in unmittelbarem Anschluß aneinander abgehaltenen großen jüdischen Konferenzen ihrem Ende näherten, desto klarer wurde es, daß sie beide nicht die Entscheidung in der jetzt schwebenden großen Palästina-Frage bringen würden. Zwar auch vorher hatten nur sehr wenige sich ein Bild machen können, wie die Entscheidung Zustandekommen und wie sie ausfallen würde; aber jetzt, post festum, wird manch einer, der eine Entscheidung erwartet hatte, sich fragen, wie er eigentlich zu einer derartigen Auffassung über die Züricher Tagungen gekommen sein mag. Denn wer den Berichten über die Beratungen gefolgt ist, der muß jetzt sagen, daß ihr Verlauf — von Einzelheiten abgesehen — und -ihr Ergebnis ganz zwangsläufig waren; und viele Leute wundern sich heute, daß sie nicht vorher gewußt haben, was gegen Abschluß beider Tagungen immer deutlicher wurde: daß der Kampf um den Peel- Plan in der Zeit nach Zürich erst in voller Schärfe entbrennen und nur langsam einer Entscheidung zutreiben wird. Das gilt sowohl für den Kampf extra muros wie für den Kampf intra muros, will sagen: für die Verhandlungen mit England, mit andern Großmächten, mit dem Völkerbund, vielleicht sogar auch_ mit den Arabern, wie für die innerjüdischen Auseinandersetzung gen. Und es liegt eine seltsame, bittere Ironie in der Tatsache, daß sehr ähnlich wie England sich zwei Partnern gegenüber sieht, die nur im Negativen übereinstimmen, indem beide den Peel-Plan ablehnen, so auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft eigentlich nur eines klar ist: daß alle Teile vom Peel- Plan unbefriedigt sind und ihn — zumindest so, wie er jetzt ist — ablehnen. So wurden die Züricher Tage von Anfang an immer mehr zu einer Beratung über die Methode: ob man ein klares Nein oder ein bedingtes Ja sagen solle, und wenn ein bedingtes Ja, welches dann die Bedingungen? Es ist unsern Lesern bekannt, daß der Zionisten-Kongreß sich für das bedingte Ja entschieden und den Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Dr. Chaim Weizmann mit Verhandlungsvollmachten ausgestattet hat, daß aber selbst dieses Ergebnis keineswegs eine Klärung bedeutet. Zunächst deshalb nicht, weil es gegen eine sehr bedeutende Minderheit zustande kam: 300 gegen 158 bei 27 Stimmenthaltungen. Und ferner, weil ein großer Teil der Nein-Sager und derer, die zwar Ja sagten, aber bis zum letzten Augenblick opponierten, sich freie Hand Vorbehalten hat, wie z. B. von den unter Führung von Rabbi Stephan Wise stehenden amerikanischen Zionisten bekannt ist, daß sie alles aufbieten werden, um die amerikanische Regierung zum Eingreifen in die bevorstehenden Verhandlungen des Völkerbund- Rates zu veranlassen. Schließlich läßt sich bei Bewertung des Kongreß-Ergebnisses auch nicht vergessen, daß, die gesamte revisionistische sogenannte Neuzionistische Organisation außerhalb des Kongresses und der Zionistischen Weltorganisation steht und daß man nicht wissen kann, wie weit es dieser Gruppe und ihrem Oberhaupt Jabotinsky gelingt, sich bei den Großmächten und bei den Völkerbundsorganen Gehör zu schaffen. Weiterhin kompliziert wird die Gesamtlage sodann dadurch, daß- Weizmann - zwar sehr genaue! und sehr ins Einzelne gehende Vollmachten erhalten hat, daß aber die letzte Entscheidung (soweit der zionistische Partner des ganzen Palästina-Problems in Betracht steht) nicht bei Weizmann, sondern bei dem nächsten Zionisten-Kongreß liegen soll, den man nach Abschluß der von Weizmann zu führenden Verhandlungen zur Entgegennahme seines Berichts einberufen will. Man sieht: schon allein der Zionisten-Kongreß hat eine Fülle von Problemen teils offen gelassen, teils neu gestellt Die größte Schwierigkeit mit ganz neuen Konflikten und Komplikationen entstand dann aber auf *öer dem Kongreß unmittelbar folgenden Tagung der Jewish Agency. England bzw. der Völkerbund hat es mit zwei Partnern zu tun, mit Juden und Arabern. Der Zionisten-Kongreß nun stellt keineswegs die gapze Vertreterschaft des einen Pachters dar. - Selbst wenn näht von der in der ganzen Weit vorhandenen, zahlenmäßig beträchtlichen Jabotinsky-Gruppe absieht, die außerhalb der Zionistischen Organisation und der 'Jewish Agency geblieben ist: in der Jewish Agency sitzt als andere und gleichberechtigte Hälfte die Richtung der Nicht-Zionisten; mit ihnen hatten sich die durch ihr Kongreß-Ergebnis festgelegten Zionisten zu einigen. Diese Einigung war nicht leicht. Denn der Präsident der Zionistischen Organisation, Weizmann, ist zugleich Präsident der Jenrish Agency; er konnte nicht für die Verhstndlungen mit England, und Völkerbund von der Jewish Agency andere'Direktiven rsß* gegennehmen als vom Zionisten-Kongreß; andererseits haben die Nichtzionisten, insbesondere die unter Führung von Felix Warburg stehende amerikanische Gruppe, dem Peel-Plan. und seiner auch nur bedingten Annahme mit einer Leideaaehaft opponiert, die zu geradezu dramatischen Auftritten führte. Auch