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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1937-09-01 · 9 (1.9.1937) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
15 (1937)
Issue
9 (1.9.1937)
Date
1937-09-01
Page
Seite 7 (sequence 8)
Language
German
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15. JhrgyNf. 9 Jüd. Gcmeindeblatt f. d. Synag.-Gem. ln Preußen/Norddeutsdiland l.September 1937 ---^ Anzeichen etosr Besserung zeigt. Ai» ein aussichtsreiches Moment darf andrerseits die Zunahme der Bautätigkeit in Columbien abgesehen werden, da hierdurch für einwandernde Bauhandwerker gute Erwerbemöglichkeiten gewährleistet werden. Trotzdem wird eine Auswanderung nach Columbien in absehbarer Zeit nur für wenige, besonders geeignete und vorgebildete, jüngere und körperlich kräftige Juden aus Deutschland in Frage kommen können. Chile hat bereits einen wesentlich höheren Entwicklungsgrad von Industrie, Handel und Gewerbe als Columbien aufzuweisen. Außerdem liegt ein größerer Teil des Landes in der gemäßigten Zone. Das Klima ist daher dort für europäische Einwanderer im allgemeinen erträglich. Besondere Erwähnung verdient die Tatsache, daß Chile eine verhältnismäßig umfangreiche Wolle und Baumwolle verarbeitende Textilindustrie besitzt. In der chilenischen Wollwarenindustrie sind bereits mehr als 4000 Personen tätig, in der Baumwollverarbeitung gegen 2000. Es darf freilich nicht unerwähnt bleiben, daß die Löhne und Lebenshaltungskosten in Chile im Steigen sind. Aber das ist nur eine natürliche Folge der jüngsten Aufwärtsentwicklung der Wirtschaft des Landes. Eine der Haupterwerbsquellen des Landes ist neben der Salpetergewinnung der Bergbau, der vor allem große Mengen von Kupfer erzeugt und auf den Weltmarkt exportiert. Die chilenische Bergwerksproduktion nimmt neuerdings stark zu, da der Weltbedarf an Kupfer sich ständig erhöht Die Rohstoffhausse hat der chilenischen Wirtschaft gute Absatzmöglichkeiten nicht nur für Kupfer und Salpeter, sondern auch für Eisenerze und Wolle in die Hand gegeben. Allerdings sind dafür in diesem' Jahre die Ernteaussichten der chilenischen Landwirtschaft recht unbefriedigend, so daß Weizen und Vidi aus Argentinien eingeführt werden müssen. Das Preisniveau ist auch in diesem Lande neuerdings stark im Ansteigen. Für die Einwanderung aus Deutschland bestdien seit kurzem besondere Erleichterungen, -die wahrscheinlich zu einer Zunahme der jüdischen Auswanderung nach Chile führen werden. Uruguay. Die klimatische wie die wirtschaftliche Struktur dieses Landes darf durchaus positiv gewertet werden. Die günstigen Abaatzverhältnisse für einige wichtige Produkte Uruguays (besonders für Wolle) haben auch zu einer Besserung der Devisenlage geführt Einige Teile der Landwirtschaft des Landes leiden freilich gegenwärtig unter dem ungünstigen Ernteausfall, andere wieder unter, Überproduktion. Die große Kühl- und Gefrierfleischindustrie Uruguays hat mit Exportschwierigkeiten zu kämpfen. Trotz alledem ist die Kaufkraft der landwirtschaftlichen Bevölkerung im großen und ganzen in fühlbarer Weise gestiegen. Die Industrialisierung wird durch den Ausbau des elektrischen Stromnetzes und die Errichtung eines großen Wasserkraftwerkes kräftig gefördert. Die höheren - Exporterlöse und die Belebung des Binnenmarktes haben der Regierung eine Konvertierung der Staatsanleihen zum Zwecke der Verminderung der Zinslast ermöglicht. Für die jüdische Einwanderung kommt Uruguay jedoch gegenwärtig nur in geringem Maße in Betracht. Dr. H. N. Auch früher wanderte man aus! Von Heinrich Kurts!g. Wandern! Auswandem! ist heut unser Losungswort. Das ist der Gedanke, der keinen von uns zur Ruhe kommen läßt, das ist die Sorge des Alters, die Hoffnung der Jugend! Und die Entfernungen spielen dabei keine Rolle mehr, leben wir doch in der Zeit der Schnelldampfer und der Luftverbindungen. Als vor drei Jahren liebe Angehörige von mir nach Marokko gingen, erschien mir die Entfernung gewaltig, und dabei sind die sechs Tage, die die Reise dorthin dauert, genau die gleiche Zeit, , die mein Vater brauchte, als er vor etwa 90 Jahren mit dem Pferdegespann aus dem preußischen Städtchen Rackwitz nach dem bei Thorn gelegenen Inowrazlaw fuhr. Von Berlin über Marseille dauert die Reise nach dem afrikanischen Festland sogar nur drei Tage, und gar per Flugzeug ist Casablanca in 24 Stunden zu erreichen. Ebenso sind uns Palästina und Amerika ganz nahe gerückt; etwas Herzklopfen entsteht schon bei Angola, Südafrika und Australien. Aber erst bei Neuseeland überkommt uns die ganze Größe und Gewalt einer Entfernung, die selbst mit dem schnellsten Dampfer in nicht kürzerer Zeit als in fünf Wochen zu überbrücken ist Wie soll man sich aber heute eine' Vorstellung von einer Ausreise vor etwa 80 Jahren mit einem Segelschiff von einem polnischen Städtchen aus nach dem von i dort entferntesten Punkte der Erde, nach Neuseeland, machen! Zwar trieb es auch damals schon mittellose Juden — besonders aus dem Osten — vielfach nach fernen Gestaden, um sich dort eine verlockende Existenz zu begründen. Doch war die Sehnsucht .meist auf Amerika gerichtet Indes sich vor 80 Jahren das weit entfernte Australien und gar das noch um viele Seemeilen östlich gelegene Neuseeland zum Ziel zu nehmen: wahrlich ein phantastisches Unterfangenl Aber es war wirklich einmal geschehen, und das ist ein kleiner Familienroman! Mein Großvater, der Arzt Dr. Kühlbrand in Inowrazlaw, dessen nicht nur familiengeschichtlich, sondern auch kulturgeschichtlich interessanten Lebensweg ich in meinem Buche „Ostdeutsches Judentum“ eingehend geschildert habe, hatte vier Töchter. Die eine von ihnen ist die „Heldin“ meiner romantischen Erzählung. Bertha hatte einen jüdischen Arzt in einem kleinen Städtchen der damaligen Provinz Posen geheiratet Die Praxis war nicht sehr einträglich, so daß dem Strebsamen ein aussichtsreiches Anerbieten außerhalb Deutschlands trotz mancher schwerwiegender Bedenken verlockend erschien. Es wurde ihm nämlich die Stelle eines beamteten Arztes in Rußland, dessen Grenze allerdings nicht weit entfernt war, angeboten, und zwar — was den etwas ehrgeizigen Mann wohl reizte — mit dem stolzen Titel eines „russischen Hofrats“. Allerdings unter der schwerwiegenden Bedingung, sich taufen zu lassen. Eine seelische Belastung, die besonders für den frommen, noch ganz im Judentum wurzelnden Vater schwer zu tragen war. Die junge Frau trat, zum Teil aus praktischen Erwägungen zur Vermeidung späterer drohender Konflikte mit Rücksicht auf ihre Nachkommenschaft gleichfalls zum Christentum über. Das war damals zur Zeit der Emanzipation der Juden, da die moderne Geistesrichtung Mitglieder jüdischer Familien vielfach zum Glaubenswechsel veranlaßte — es erübrigt sich, Namen aufzuzählen — leider keine so besonders auffallende Erscheinung. Das junge Paar entschloß sich, nach Tomaschöw, einer kleinen russischen Kreisstadt, überzusiedeln. Dort verlebten sie nur wenige glückliche Jahre. Ihr Lebenshimmel bewölkte sich allzuschnell. „Der Deutsche“, „Der Jude“ in einem rein russischen Milieu; „Der Renegat“ inmitten einer jüdischen Gemeinde-die sich aus alledem ergebenden Schwierigkeiten und Konflikte, insbesondere auch für die heranwachsenden Kinder, lassen sich leicht vorstellen. Kein Wunder, daß der Wunsch nach einer Änderung dieses bedrückenden Zustandes mehr und mehr die Oberhand gewann. Aber wie ihn zur Wirklichkeit gestalten? — Da führte ein aus Australien unerwartet eingetroffener Brief eines Freundes zu Entschlüssen und zu ereignisreicher Wandlung. Es biete sich in einer aufstrebendem Stadt Neuseelands für einen tüchtigen Arzt eine sehr aussichtsreiche Position. Diese Anregung winkte als Lösung und als — Erlösung. Vor allem auch in seelischer Hinsicht. Denn man hatte in der Fremde empfunden, daß man sich nur äußerlich vom Judentum entfernt hatte, daß man aber im Innern das geblieben, was man früher gewesen war: ein Jude. Beim Beginn eines neuen Lebens auf der fernen Insel wollten nun beide zum Glauben der Väter zurückkehren. Unsere Freunde brachen ihre Zelte in Rußland ab; sie scheuten nicht die ungeheuren Schwierigkeiten und Gefahren einer mehrmonatigen Ozeanfahrt mit einem immerhin primitiven Segelschiff, und sie erreichten wohlbehalten Dunedin, eine damals noch kleine, heute große, moderne Stadt mit allen kulturellen Einrichtungen, wie Universität, Museum, Bibliothek, herrlichem Botanischen Garten usw. Wie eine biblische Erzählung mutet es an, wenn man berichtet, daß der damalige entschlossene Auswanderer auf der fernen Insel der Stammvater einer großen Familie wurde. Seine Kinder, Enkel und Urenkel — alle aufrechte Juden — leben mich heute in Neuseeland. Einige von ihnen haben sich dort als Künstler einen Namen gemacht, als Maler und Bildhauer. Ein Roman, eine aus der Not geborenen Auswanderung einer Familie vor 80 Jahren, die .zu einem glücklichen Ausgang geführt hat, wie er auch heute von unsern Auswanderern aus Palästina, Argentinien, Afrika und andern entfernten Ländern erfreulicherweise nicht selten -j gemeldet wird. , 1

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