Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 9 (1.9.1937)
- Date
- 1937-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 5)
- Language
- German
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15. Jhrg./Nr. .9 Jüd. Gemeindeblatt f. d. Synag.-Gem. in Preuflen/Nofddeutschland 1. September 1937 durch die Deckenlieferung entstandenen Verlust als zufälligen Kriegsschaden betrachten müsse, der so wenig wie andere Kriegsbeschädigungen auf den Provinzial-Kriegsschulden-Tilgungsfonds habe übernommen werden können. Zum Schlüsse sei bemerkt, daß die Judenschaft der Neumark an den freiwilligen Spenden in den Freiheitskämpfen überall regen Anteil genommen hat.' Die angeordneten Dankfeiern mit -Collekten für verwundete Krieger erbrachten z. B. in der Synagoge in Landsberg a. W. am 11.2.1813: 27 Thlr., 16 Gr. und im Mai 1813: 78 Thlr., 17 Gr.' Im übrigen haben die in der Neumark ansässigen Juden am Befreiungskriege sowohl als Freiwillige wie in den aasgehobenen Kontingenten teilgenommen und sich |n diesen Kriegsdiensten, wie später öfters öffentlich anerkannt worden ist, bewährt. Landgerichtsrat a. D. Dr. R. Karo, Berlin. Das Ghetto der Toten Gang durch den alten Judenfriedhof in Frankfurt M. Von Dr. Ernst Fraenkel. F.s ist eine schöne alte Sitte jüdischer Pietät und des Bewußtseins jüdischer Verbundenheit in Leben und Sterben, vor den Feiertagen, besonders am 9. Ab und am Rüsttage des Neujahrsfestes, auf den Friedhof, den „Keber Aboth“. die Grabstätte der Väter, zu gehen, um dort in stiller Besinnung zu verweilen, in Gedanken nicht nur an seine eigenen Toten, sondern an alle die, die als Juden gelebt, als Juden gedient haben, als Juden gestorben sind. In Stunden solcher inneren Sammlung und Losgelöstheit von allem, was der Tag fordert, versinkt die Zeit, schwindet das Bewußtsein für das, was uns an Zeitlichkeit umgibt, und in ehrfurchtsvollem Schaudern erleben wir in uns eine Ahnung von der Größe des Psalmenverses: „Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der gestrige Tag, wenn er entschwunden, und eine Wache in der Nacht“. (Ps. 90.4.) Wenn wir auch in diesen Tagen wieder auf den „guten Ort“ gehen werden, wird uns stärker als in früheren Jahren der Gedanke an die geschichtliche Einheit jüdischen Lebens überkommen, wie es sich in allen Zeiten in Leid und Lebenswille, in Schicksal und Aufgabe offenbart hat. Besonders erschütternd aber werden uns diese Gedanken an Stätten bewegen, an denen Steine Zeugen einer Jahrhunderte alten Vergangenheit sind, Steine schweigend von der Verbundenheit des kleinen Einzelschicksals init dem großen gemeinsamen jüdischen Weg durch die Zeit reden. Nicht fernab vom lärmenden Treiben der Großstadt, dem Sausen der Autos und der Straßenbahnen, dem Hasten und Jagen des modernen Geschäftslebens Hegt am Ende der ehemaligen Judengasse des Frankfurter Ghettos, in der heute als einzig überlebendes Zeugnis einer ver- Märtyrer-Gräber gangenen Zeit nur noch das alte Rothschildhaus steht, von starken Steinmauern umgeben, über die der Blick nicht ins Innere zu dringen vermag, der alte Judenfriedhof. Mehr als fünfeinhalb Jahrhunderte hat er seinen Zwecken gedient: letzte Ruhe zu gewähren Greisen Und Greisinnen, die müde geworden vom Kampfe ihrer Jahre, Männern und Frauen, denen „die Sonne nnterging,' da es noch heller Mittag war“, Kindern, die ahnungslos grade erst die ersten Blicke ins Leben tun wollten. — Ein andrer Anblick als der, den man sonst beim Betreten eines Friedhofes hat, begegnet uns, wenn wir durch die kleine Mauerpforte gehen und nun inmitten der vielen tausende verwitterter, abgebrochener und ' zerborstener Grabsteine stehen. Gras wuchert dort, wo einst vielleicht Wege waren, wild und üppig wächst der Epheu über die niedrigen eingesunkenen Hügel und der ansteigend welHge Boden scheint in sich den Klang unserer Schritte aufzunehmen. Ein „Ghetto der Toten“ ist es, in dessen Mitte wir uns befinden. Zu eng, wie draußen die Judengassen im Ghetto waren, um genügend Wohnstätten für die Lebenden bauen zu können, war auch hier der Platz, der den Toten zur Verfügung stand. So mußte auf beschränktem Raume Schicht um Schicht im Laufe der Jahrhunderte aufgehäuft werden. (Nach einer alten Tradition, die freilich nicht' beglaubigt ist, ist der Friedhof fünfmal überschüttet.) „Die alten Grabsteine der unteren Schichten wurden dabei immer wieder mit in die Höhe genommen, um fernerhin die Namen der früher Bestatteten und die Stelle ihres Grabes mit Sicherheit feststellen zu können, und dieser pietätvolle Brauch hat dem Friedhöfe seine heute noch bestehende, unangetastete einzigartige Signatur verUehen.“ (J. Hülsen: Der alte Judenfriedhof in Frankfurt a. M. 1932.) Aus dem Jahre 1272 stammt der älteste über der Erde stehende Grabstein („Ich bin errichtet als Säule zu Häupten der geachteten Hanna, Tochter des R. Alexander, gestorben ... Ab im Jahre 5032. Möge ihre Seele im Garten Eden weilen! Amen. Selah.“) und 1828 fand die letzte Bestattung auf dem alten Judenfriedhof statt. Ein halbes Jahrtausend Geschichte der Juden in der an jüdischen Erinnerungen so reichen Mainstadt hat die Begräbnisstätte erlebt: Vertreibungen und Rückkehr, Kämpfe, bei denen —■ im Jahre 1552 — Geschütze auf dem Friedhof standen, Vernichtung und Wiederaufbau der Gemeinde. Auf dem Platz der Toten standen nach einer Erzählung in . der Nacht vom 22. zum 23. August 1614 Juden, in ihre weißen Sterbegewänder gehüllt, als draußen in den Straßen der Fettmilch-Auf stand tobte und ihre Häuser vernichtete, ihr Hab und Gut zerstörte. Keine Nefeschot — prunkvolle Grabmäler — wird man hier finden. Der Gleichheit vor dem Tode und vor dem Antlitze der Ewigkeit ist in sichtbarer Weise durch die gleich einfache und bescheidene Ausführung der Steine Ausdruck verHehen worden. Für den Kunsthistoriker Wird es eine lohnende und reizvolle Aufgabe sein, in der torm ihrer Ausführung, der Art ihrer hebräischen Beschriftung, der Anordnung der Reliefs, der Ornamente und Figuren den Stilwandel im Laufe der Zeiten zu verfolgen. Mit dem 15. Jahrhundert etwa „begann man die figürliche Darstellung zur persönlichen Charakteristik des Verstorbenen anzuwenden“. Die Krone deutet auf die „Kröne des guten Namens“, segnende Hände weisen auf die aronidische Abstammung, Krug und Kanne auf levitische Herkunft hin. Namen werden durch Darstellung' von Tieren glossiert — Bär, Löwe, Hirsch usw. — oder die 4