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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1937-09-01 · 9 (1.9.1937) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
15 (1937)
Issue
9 (1.9.1937)
Date
1937-09-01
Page
Seite 2 (sequence 3)
Language
German
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15. Jhrg/Nr. 9 Jöd. Gemeindeblatt f. d. Synag.-Gem. in Preußen/Norddeutsdiland 1. September 1937 nicht auseinanderfallen, daB sie zur Einheit gezwungen werden durch den Bund, den Gott mit unseren Vätern geschlossen hat, der den Einzelnen ebenso wie Volk und Land umschließt. Darum ist es nicht Gegensatz, sondern echte Verknüpfung, wenn der hohe Ernst der ersten Tage des Tischri in die Freude der letzten mündet. Das seelische Erlebnis des Juden beginnt nicht mit der primitiven Freude am Dasein, er muß sich die Freude erkämpfen durch das Wissen um Trauer und Leid. Trotzdem bejaht er die Welt, weil er die Schwere des Lebens kennt, er kommt zur wirklichen Freude, die weiB, daB Gott sich auch dem verbünden wird, der durch die Tiefe der Verzweiflung hindurchgehen mufite. Als Sehnsüchtige, Suchende und Tastende kommen wir heute aus der Fremde und wollen heimkehren. Wir kommen von allen Pfaden der Welt und suchen die Ruhe der Seele. Viel Unruhe und Kampf wird uns im kommenden Jahr bevorstehen. Mögen wir die Kraft gewinnen, im Erlebnis des Tischri gleichnishaft den Weg vorauszuahnen, den unsere Hoffnung der Zukunft unseres Volkes wünscht: den Weg aus der Bitterkeit der Entfremdung und Hoffnungslosigkeit zu den Läuterungen der Selbsterkenntnis und zu den neuen Bindungen, die im letzten Betracht alte Bindungen sind; den Weg aus der Schwere geschichtlicher Erschütterungen zum Emtejubel und zur weiteren Ruhe der Hütte, die unser Gott unserem Volk in unserem Land bauen wird. Zahlen sind Schicksale Man sollte das immer wieder und immer lauter sagen: eine Zeit, sie sei noch so schwer und voll Schmerzen, braucht doch nicht ohne Freuden zu sein. 1850 Kindern konnte die Berliner Jüdische Gemeinde in den nun vergangenen Sommerferien durch Schaffung von Ferien- Tageskolonien Freude und Erholung bereiten — eine ungeheure Leistung! Und doch nur ein kleiner Ausschnitt aus der Gesamtarbeit des Jüdischen Wohlfahrts- und Jugendamtes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Uber diese Gesamtarbeit gibt ein Sammelbericht Aufschluß, den der Leiter und stellvertretende Vorsitzende, Dr. Fritz Lamm, soeben veröffentlicht hat. Vor hundert Jahren — 1837 — hat die damalige „Armen-Commission“ diese Arbeit begonnen, die dann 1923 der unvergeßliche Eugen C a s p a r y modernisierte. Heute fügen sich an die Zentrale 7 Bezirksstellen mit mehr als 1000 ehrenamtlichen Pflegern und- Helfern. Der Gemeindevorsitzende, Direktor Heinrich Stahl, ist zugleich der für das Wohlfahrtswesen zuständige Dezernent. Im Durchschnitt der letzten Jahre sind 20 000 bedürftige Gemeindemitglieder betreut worden. Gesundheitspflege Erwachsener, Hauspflege in Krankheitsfällen, die Führung von Küchen mit täglich bis zu 250 ausgegebenen Portionen, Seelsorge, Unterbringung Obdachloser und Durchreisender, Bearbeitung von Auswandererpaßangelegenheiten und von Mieteangelegenheiten, Gefangenenfürsorge — das alles sind nur die Namen der Arbeitsgebiete! In den Kleiderkammem wurden von Oktober 1936 „bis März 1937 etwa 43 450 neue und 2300 alte Bekleidungsstücke im Werte von 420 000 RM ausgegeben und etwa 4000 Paar Schuhe repariert. Das Jugendamt betreut 450 Kinder in Pflegestellen; es sorgt für Kindergärten und Horte, für Kindertagesheime und Schulspeisungen. In den Sommerferien 1936 wurden ferner 1141 Kinder und bis Ende Juli 1937 rund 700 Kinder verschickt. 1000 Mündel werden in Sammelvormundschaft betreut. Hinter all diesen schlichten Sachangaben und nüchternen Zahlen — welch eine Fülle von Menschenschicksalen! Und zugleich auch von tätiger Liebe und Hilfsbereitschaft im Dienste aller dieser Schicksale. Und schließlich — auch davon muß gesprochen werden — welch ungeheurer Betrag, den die Gemeinde von ihrem Gesamt-Etat für diese Arbeit verwendet. Wohl in jeder jüdischen Gemeinde in Deutschland steht heute die Wohlfahrtspflege an erster Stelle aller Aufgaben. Es ist deshalb auch keineswegs der Sinn dieses Berliner Berichtes, daß mit den mächtigen Zahlen imponiert werden soll — und nicht einmal mit den hinter diesen Zahlen stehenden Schicksale- und lebenumschaffenden Tatsachen — sondern nur dies soll gezeigt werden: ist der Einzelne hilflos, so hilft ihm seine Gemeinschaft, uns Juden also die jüdische Gemeinde. Sie kann es aber nur, wenn sie wirklich die Stelle ist, an der alle die vielen Einzelkräfte zu machtvoller Gemeinschaftsleistung sich vereinigen. Das ist an jedem Orte so, überall! Mag also jeder einzelne sich prüfen, ob er nach Maßgabe seines Könnens seine Gemeinde bei diesem Werke unterstützt, denn nicht um den abstrakten Apparat der Gemeindeverwaltung geht es, sondern um Schicksale lebendiger Menschen: unserer Brüder und Schwestern und, nicht zuletzt, unserer Kinder. Die Handwerker-Lehranstalt des »ORT« Es war ein trost- und hoffnungsreicher Vormittag, an dem Vertreter der jüdischen Presse sich zur Besichtigung der „Privaten Jüdischen Lehranstalt für handwerkliche und gewerbliche Ausbildung auswanderungswilliger Juden“, die schon vor einigen Monaten eröffnet worden ist, zusammenfanden. Es ist allgemach eine Binsenwahrheit geworden, daß unsere Jugend, will sie im Ausland Arbeit finden, gut und fachmännisch gründlich ausgebildet sein muß. Willkommen und gesegnet daher jede Gelegenheit, die solche Ausbildung ermöglicht. Die Gesellschaft „ORT“ Abteilung Deutschland hat mit der Schaffung dieser Fachanstalt Großes getan. Die bereits jetzt etwa 120 Schüler erhalten eine dreijährige gründliche Ausbildung durch systematische praktische Werkstattarbeit und ergänzenden theoretischen Unterricht So sah man sie. und so zeigen sie auch z. T. unsere Bilder: in der Schulklasse und im Maschinenraum, in der Schmiede, in der Schweißerei, im elektrotechnischen Laboratorium; mit hervorragenden Lehrmitteln und Werkzeugen ausgerüstet; in hellen, bequemen, freundlichen Räumen, voll Arbeitslust und dabei in musterhafter Disziplin. Die Ausbildung gilt zunächst drei Berufszweigen, die zurzeit das verhältnismäßig schnellste Fortkommen zu versprechen scheinen: 1. Gas, Wasser, sanitäre Anlagen. 2. Büromaschinen, Nähmaschinen, Fahrräder. 3. Elektrotechnik. Der Arbeit in allen drei Abteilungen geht eine solche in der Schlosserei, als der Grundlage zu allem, voran. Im Oktober soll außerdem eine Abteilung für Schweißerei der ORT - Lehranstalt fot. Abro am Herrenschneiderei eingerichtet werden. — Zeichnen, Rechnen, Physik, Berufs- und Stoffkunde bilden den Hauptinhalt des theoretischen Unterrichts. Die Schule ist als Ersatz für die Berufsschule anerkannt. Die private Ausbildung in mindestens einer Fremdsprache wird den Schülern zur Pflicht gemacht, ebenso die sportliche Betätigung. 16 Räume mit insgesamt einer Fläche von etwa 2

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