Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 9 (1.9.1937)
- Date
- 1937-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE SYNAGOGEN - GEMEINDEN IN PREUSSEN UND NORDDEUTSCHLAND Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reidisministers fürVol ksauf kl&rung und Propaganda betr. Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet. Nr. 9 Berlin, 1. September 1937 Herausgeber: Preußischer Landes- 15. Jahrgang verband jüdischer Gemeinden Tischri Von Gemeinderabbiner Karl Richter, Stettin. Wieder schreitet das jüdische Jahr seinem Höhepunkt entgegen, der zugleich sein Wendepunkt ist. Im Tischri wird der Rhythmus unterbrochen, in dem die übrigen Feste dem jüdischen Jahr seine Cäsuren und seine gestaltenden Elemente geben, und die jüdische Seele scheint in die eng auf einander folgenden großen Feste die. ganze Kraft ihrer Spannweite und Erlebnisfähigkeit auszugießen. Lange geschichtliche Entwicklung hat Gesicht und Geist der Feste bft verändert, mannigfache Begegnungen der Jahrhunderte lassen sich im weitläufigen Bau der ehrfurchtgebietenden Tage aufspüren, und dennoch schaut der fühlende Blick des Juden die Festzeit des Tischri zur unauflöslichen Einheit zusammen. Jedes Volk feiert seine Feste. Die durch die Natur gesetzte Ordnung des Lebens und die Stationen der Geschichte wirken gemeinsam in ihnen. Die Abhängigkeit des Menschenlebens von Segen und Fluch der Erde geben den Festen des Bauernvolks ihren ursprünglichen Sinn, binden sie an die Jahreszeiten, an Saat und Ernte, Frost und Hitze. Die Begegnungen der Geschichte, Sieg und Niederlage, Knechtschaft und Befreiung, Schmerz und Jubel der Gemeinschaft begründen sie neu, prägen der gleichförmig wiederholenden Natur den Stempel der einmaligen geschichtlichen Ereignisse auf. Leib und Seele des Volkes, seine Einordnung in den Raum der Natur und in die Zeit der Geschichte geben den Festen ihren bestimmten, unverwechselbaren Charakter. Auch in der herbstlichen Festzeit, die vor uns liegt, verschmelzen die genannten Motive zur Einheit. Der festliche Tag der Terua, des Trompetenschalls, wird im Lauf der Entwicklung zum ernsten, symbolbeladenen Tag des Gerichts und der Erinnerung, das sakrale Tempelfest des Sabbats der Sabbate wird zum Jom Hakippurim, dem Tag der Versöhnung des Einzelnen mit seinem Gott, das Fest des Erntedanks schließlich wird zur Erinnemngsfeier an die vierzigjährige Wanderung durch die Wüste. Nicht zufällig begibt sich die Wandlung und Vertiefung der Festbedeutung. Je weiter das jüdische Volk seinen schweren Weg in die Geschichte hineingeht, je tiefer es sich seinem Schicksal verflicht, desto inniger und sinniger feiert es seine Feste. Wären wir nur den Weg der anderen Völker gegangen, so wären unsere Feste ohne die Erhabenheit geblieben, die nur der Schmerz zu geben vermag, ohne den tiefen Ernst, der noch in unseren fröhlichsten Feiern mitschwingt. Rosch Haschana ist das Neujahrsfest des Exils. Wären unsere Väter nicht als Verbannte in Babel gewesen, so hätte sich das Volk mit dem ersten Nissan, dem Neujahrstag der Natur begnügen können. So aber hebt im eigentlichen und tiefen Sinn das Jahr des Judentums im Herbst an, am ersten des Monats Tischri. Das Erlebnis des Galuth ist die Voraussetzung dieses Neujahrsfestes, und die Befreiung, die uns das Fest bringen soll, ist die Befreiung von der Fremde, die Rückkehr in die Heimat, im tiefsten religiösen Sinn. Neujahr und Versöhnungstag befreien die Seele jedes einzelnen Juden, sie bringen ihn aus der Ferne der Entfremdung in die Heimat der Gottesnähe, reinigen ihn von den Schlacken des Galuth, um ihn geläutert von neuem der ewigen Auseinandersetzung des Juden mit der Welt entgegenzuführen. Das ist der Sinn des Gerichts, dem wir uns zu stellen haben, der Sinn der Aufrüttlung und Erinnerung, der „teschuwa“, die Umkehr und Heimkehr zugleich verheißt. Warum aber mündet die ernste, hohe Zeit in den Erntejubel der Sukkot-Tage? Bedeutet dies nicht schärfsten Gegensatz der Stimmungen? Der Gegensatz ist nur scheinbar, denn hier begibt sich die befreite Seele des Zn Beginn eines neuen religiösen Jahres senden wir allen Glanbensbrfidern und -Schwestern in Stadt und Land, fern und nah Gruß und Segenswunsch. „Zu einem guten Jahre sollt Ihr eingeschrieben werden“ — dieses alte Wort rufen wir über die Jungen und über die Alten, über die Gemeinden und über alle Diejenigen, die verantwortungsvoll und opferfreudig an der Spitze und im Dienste unserer Gemeinden stehen, die Rabbiner und Lehrer, die Vorsteher und Repräsentanten und alle, die ehrenamtlich und beruflich jüdische Arbeit leisten. Unser Gedenken und unser Wunsch richten sich darüber hinaus an jeden Juden und jede Jüdin, an jedes Glied unserer Gemeinschaft, das für seine und seiner Familie Existenz arbeitet, an Diejenigen, die ihre Lieben hinausziehen sahen, und auch an Diejenigen, die — vor kurzem noch die Unsern — „unter neuem Himmel und auf neuer Erde“ neue Heimat gewinnen wollen und neues jüdisches Leben bauen, insbesondere auch im Heiligen Land der Väter, für welches im kommenden Jahre schicksalsschwere Entscheidungen fallen werden. Ein ernstes Jahr ist zu Ende, ein ernstes Jahr beginnt, — möchte sich erfüllen, was wir am zweiten Neujahrstäge aus dem Propheten (Jeremia 31,17) lesen, Gottes Ruf an Israel: Hoffnung ist für Deine Zukunft. Einzelnen wieder in die Welt hinein, sucht die neue Beziehung zu den anderen und zu seinem Volk. Er fühlt wieder die tiefe Bindung an die Natur, an das Land, das im Jubel der Ernte leuchtet, er erkennt von neuem die Bindung an die Geschichte seines Volkes, die Geschichte ’ der Wanderung durch Wüste und Kontinente. Die leichte Hütte wird ihm zum Gleichnis dieser Bindungen, die Hütte des Einzelnen, dje stark wird, wenn das ganze Volk Hütten baut und um seine Zukunft ringt. So münden die Feiertage, die den Menschen als Einzelnen befreien und erlösen, in das Fest des .Volkes und des Landes. Das Ende aber * verknüpft sich wieder dem Anfang. Denn die höchste Freude heißt uns Simchath Thora, Freude an der Thora, die wir in unser Leben hineinstellen, um unseren Weg und 'unser Ziel zu erkennen. Sie bietet uns die Gewähr, daß Natur und Geschichte, Leib und Geist des Volkes