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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1937-07-01 · 7 (1.7.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
15 (1937)
Issue
7 (1.7.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1937-07-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Verteilung der Arbeitsgebiete bedeutende Ersparnisse an den Verwaltungskosten der Reichsvertretung zur Folge haben würde. Es wurde nach eingehender Aussprache eine Kommission gebildet, welche sämtliche vorliegenden Anträge, darunter den Antrag der Berliner Jüdischen Gemeinde, bearbeiten und dem Rat innerhalb von zwei Wochen entsprechende Vorschläge machen soll. Es wurde ferner mit 14 Stimmen bei 7 Stimmenthaltungen folgende Resolution angenommen: „Der Rat der Reichsvertretung spricht Herrn Dr. Baeck und dem Präsidialausschuß, an seiner Spitze Herrn Dr. Otto Hirsch und seinen Mitarbeitern, das uneingeschränkte Vertrauen aus und wünscht, daß die Reichsvertretung die von ihr übernommene Arbeit weiterführt.1* Es ist zu hoffen, daß die endgültige Bereinigung dieser organisatorischen Fragen zu der einmütig gewünschten Stärkung der Autorität der 'Reichsvertretung führen wird. Die Horcherin Von Pauline Leudesdorf. Es war der Mutter sofort aufgefallen, wie nachdenklich Eva Nußbaum diesmal war, als sie aus der Schule kam. Und als sie am häuslichen Tisch zum Mittagessen beieinander saßen, bemerkte es auch der Vater und sogar die jüngeren Geschwister, obwohl sich doch kleine Kinder meist keine Gedanken über die Stimmungen der Erwachsenen machen. Der Erwachsenen? Nun, Eva war zwar schon in einer der obersten Klassen, in denen die Schülerinnen von ihren Lehrern mit „Sie“ angeredet werden, aber daß sie deshalb noch keineswegs „erwachsen“ war, das hatte sie zu ihrer eigenen Beschämung heute erfahren. Die Sache hatte so angefangen wie die meisten derartigen Vorfälle in der Schule: mit einem „Bock“, der ungerufen und unerklärbar plötzlich da ist; sogar auch bei den „Großen“ in der Prima gehört er keineswegs nur der Vergangenheit an, so sehr auch unsere forschen Primanerinnen sich einbilden mögen, den Kinderjabren endgültig entwachsen zu sein. 0 nein, Eva war eine sehr forsche Primanerin, und benommen hatte sie sich heute wie ein ganz kleines Kind; das wußte sie sehr wohl und war nun tief unzufrieden mit sich. „Ja, wenn so viele heute fehlen“, hatte gleich in der ersten Stunde der Mathematiklehrer Doktor Bernstein gesagt, „dann kann ich das, was ich Ihnen Neues beibringen wollte, heute nicht durchnehmen.“ „Gott sei Dank!“, platzte Eva heraus, und die Klasse echote mit einem wahren Lachgewitter. Einer lachte nicht: Doktor Bernstein. Er gab sich die größte Mühe, die Mathematik, die er liebte, nicht auf trockene Schulmeisterart zu „pauken“; immer, wenn er Neues durchnahm, kam er von dem besonderen Thema der jeweiligen Übung auf das Allgemeine, auf das Gebiet, wo Mathematik in Philosophie übergeht und von dort in zahllose geschichtliche und kulturelle Zusammenhänge. Deutlich spürten es die Mädels jedesmal, daß hier in der einfachen Klasse ihrer kleinen jüdischen Privatschule ein tiefgründiger Denker und umfassender Geist vor ihnen saß, der bald von den Philosophenschulen der Pythagoräer, bald von den astronomischen Lehren der Chaldäer und alten Ägypter, bald auch von den allermodernsten Erkenntnissen zeitgenössischer Forscher ihnen zu erzählen wußte und bei diesem Erzählen sie alle wie mit einem großen Schwung mit auf die Reise nahm: auf weltenferne Gestirne oder ins All der Gedanken oder in längst vergangene Menschenkulturen. Und nun hatte die Eva, die sich mit allen andereh auf jedes Neue, das er durchnahm, freute, diese dumme Bemerkung gemacht, und die Klasse hatte ihr obendrein Beifall bekundet! Doktor Bernstein, der in keinem Winkel seiner Seele auch nur die geringste Anlage zur Wichtigtuerei besaß, sondern ganz nur seiner Wissenschaft und seinem Lehramt lebte, trug in sich doch ein berechtigtes Gefühl vom Wert seiner Leistung; er empfand eine stolze Genugtuung darüber, daß seine Mädels das Glück hatten, die Mathematik auf einladendere Art gezeigt zu bekommen, ab es gewöhnlich der Fall ist Mathematik, das gefürchtete Fach — bei ihm wurde sie gern gelernt, und die Schülerinnen freuten sich auf seine Stunden. So hatte er wenigstens immer geglaubt; sollte er sich geirrt haben? Einen Augenblick war er unsicher, und eine ganze Weit, seine Welt, drohte ejnzustürzen. Aber dann zwang ihn das Verhalten der Mädchen, seine Empfindungen auszuschalten und für Ruhe zu sorgen. Dabei gab es einen Auftritt, der besser unerzählt bleibt; Eva Nußbaum spielte die Anführerin — sie wußte selbst nicht, wie es dazu kam, und es war ihr auch nachher ein Rätsel, wie das alles geschehen war. Doktor Bernstein müßte nicht der überlegene Geist gewesen sein, ab der er hier geschildert wurde, wenn es ihm nicht in kürzester Zeit gelungen wäre, die Mädeb zu der äußeren und inneren Haltüng zu bringen, die ihm gegenüber am Platze war und die überhaupt von Schülern und Schülerinnen — ganz besonders aber in der heutigen Zeit von den Schülern und Schülerinnen unserer jüdischen Schulen — zu verlangen ist. Nun schämten sie sich sehr, am meisten Eva. Aber auch Doktor Bernstein empfand Beschämung — er schämte sich für seine Mädeb, die s o nicht hätten sein dürfen! Und als die Stunde aus war, in der Pause, sprach er ganz kurz, eigentlich in einer Andeutung nur, darüber mit einem Kollegen. Es war Doktor Sonnenthal, der Rabbiner, der hier den Unterricht in Religion und Hebräisch gab. Auch ihn liebten die Mädeb sehr und gingen zu jeder seiner Predigten in die Synagoge. Eva Nußbaum sah die beiden Lehrer den Gang entlang kommen, gerade am Ende, wo sie stand, würden auch Doktor Bernstein und Doktor Sonnenthal stehen bleiben, aber sie wollte, sie konnte ihnen jetzt nicht begegnen. Schnell entschlossen riß sie die große Tür des Geräte - schrankes auf; nun war sie geborgen. Nein — sie war nicht geborgen. Zwar bUeb es ihr erspart, gesehen zu werden oder gar Doktor Bernstein so bald nach dem Erlebnis dieser Stunde wieder ins Auge sehen zu müssen. Aber hören mußte sie, was die beiden Männer miteinander sprachen. Und das drang bis in die letzte Tiefe ihrer Seele. Doktor Sonnenthal verehrte sie mehr ab jeden anderen ihrer Lehrer, ja manchmal schien ihr, ab bedeute er ihr mehr ab selbst der Vater, und auch er wußte Unterricht und Predigt immer so zu gestalten, daß er die Mädeb mit sich fortriß in die erhabensten Sphären menschlichen und göttlichen Geistes. Und nun hörte sie diesen unendlich gütigen, fast „heiligen“ Mann etwas erzählen, was sie nie für möglich gehalten hätte. „Lieber Kollege Bernstein“, sagte er, „hier in der Schule sind wir ja Kollegen; nehmen Sie’s nicht schwer, Kinder wissen nicht, was sie tun. Denken Sie: ich traf gestern mein altes Kinderfräulein, das mich bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr betreut hat. Sie ist heut über siebzig, / und ein Zufall führte uns nach so viel Jahren zusammen. Wir sprachen von alten Zeiten, von Gutem und Bösem. Ja — auch von Bösem: wie ich sie einmal „ekles Vieh“ geschimpft habe-ich hatte das längst vergessen, aber sie nicht. Es hatte einen großen Auftritt im Hause gegeben; jetzt fiel es mir wieder ein, der Vater hatte, was er nur in äußersten Fällen bei uns Kindern tat, den Rohrstock in Bewegung gesetzt, und sie ging dann bald von uns fort. Gestern meinte sie, daß das töricht war; ich sei ja noch ein Kind gewesen, damals. Aber ich kann es verstehn, daß sie ging, und heute, nach so viel Jahren noch, schäme ich mich meiner Ungezogenheit.“ Hier hatte Doktor Sonnenthal zu sprechen aufgehört; eine Schranktür, auf die er nicht geachtet batte, war in Bewegung geraten, und eine Primanerin war schluchzend davongestürzt. Stumm saß sie in den folgenden Stunden, und auch zu Hause sprach sie den ganzen Tag kein Wort. Spät abends erst, ab die Mutter ihr ins Schlafzimmer gefolgt war und sie fragte, was ihr denn sei, warf sie sich auf das 'Bett und erzählte alles. Und sagte, nie möchte sie solchen Schmerz leiden, wie Doktor Sonnenthal noch heute um seine damalige Kinderei empfindet ,Er hat damab, ab Junge, nicht gewußt, wer er einmal sein und wie er denken wird“, sagte Eva. „Aber ich weiß jetzt, daß Ich einmal so sein werde, wie eine Schülerin dieser zwei großen Persönlichkeiten ja werden muß — aber nie will ich dann, ab älterer Mensch, in Erinnerungen mich selber so unzulänglich sehen, wie Doktor Sonnenthal sich selber heute gesehen hat.“ — „Mein Kind“, sagte die Mutter und fuhr Eva mit der Hand über das Haar, „wie freu’ ich mich, daß du einmal so arg entgleistest; aber jetzt weiß ich, und du darfst es auch wissen: du bist nun endgültig auf deinem richtigen Weg!“ 6

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