Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1937-07-01 · 7 (1.7.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
15 (1937)
Issue
7 (1.7.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1937-07-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/10279732-10279738-10021733--665-3981385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Drucke, Gemälde machen den Beschauer mit Menschen und Örtlichkeiten aus dem Leben und der Kulturepoche Abrabanells bekannt. Es fehlt dabei auch nicht ein Bildnis des Columbus, für dessen Reise Abrabanell als Erster einen Betrag zeichnete und so unbewußt den Erdteil entdecken half, der später so vielen seiner jüdischen Landsleute Zuflucht wurde. Erstausgaben, Handschriften und Drucke mit Abrabanells Kommentaren zu Bibel, Gebetbuch und Pessach-Haggadah liegen in den Vitrinen und rufen den zahlreichen Besuchern der Ausstellung die stumme, aber eindringliche Aufforderung zu: Lest diesen Mann!, er stand am Ende einer Entwicklung wie Ihr! Wollt Ihr also wissen, welche Gedanken es sind, die vom Ende zum Wiederanfang, zu einem Wiederaufbau „unter neuem Himmel und auf neuer Erde“ führen, so laßt Euch nicht nur aus seinem Leben erzählen, sondern sehet auch selber zu, lest ihn, lest sein Werk! Das Kind in der jüdischen Mystik Von Dr. Hilde Ottenheimer. Eine Gemeinschaft, die wie das Judentum das Lernen der Schulkinder für wichtiger erklärt als den Bau des Tempels in Jerusalem, hat naturgemäß im Laufe ihrer langen Entwicklung dieser—Wertschätzung des jüdischen Kindes auf vielerlei Art und Weise Ausdruck verliehen. Insbesondere ist das ganze Leben des Kindes von einer mystischen Symbolik umrankt. Sie äußert sich bereits bei der Geburt, bei der Namengebung und Beschneidung in mannigfachen Vblksbräuchen, die sich da und dort bis zum heutigen Tage erhalten haben. Man machte unter anderem dem neugeborenen Kinde eine Art Kondolenzbesuch. Diese Bedeutung hat die sogenannte „Sochor-Feier“ am ersten Freitag abend nach der Geburt eines Sohnes in der betreffenden Familie. Denn in einer ganz ähnlichen Art, wie der Platonismus ein präexistentielles, ein vorgeburtliches Wissen des Menschen annimmt, besitzt nach jüdisch-mystischen Anschauungen das Kind vor seiner Geburt Kenntnis der Tora. In dem Augenblick aber, in welchem es in die irdische Welt eintritt, gibt ihm ein Engel einen Schlag auf den Mund. Dadurch vergißt es sein früheres Wissen — Grund genug, ihm einen Beileidsbesuch zu machen. Ein anderer mystischer Brauch war bei der Beschneidung üblich. Man nahm an, daß das Kind immer, in der Nacht vor der Beschneidung aber ganz besonders, dämonischen Einflüssen ausgesetzt sei. Zum Schutze dagegen wurde in dieser Nacht, der sogenannten „Wachnacht“, gelernt. Und da nach talmudiscben Anschauungen das Lernen der Schulkinder besondere Wirkung besitzt, versammelte sich in der Wachnacht der „Belfer“ (der Hilfslehrer) der betreffenden Gemeinde mit den zwei unteren Klassen des Cheders, der jüdischen Schule, im Hause der betreffenden Wöchnerin, um mit den Kindern laut im Chore Bibelverse herzusagen. In vielen Gemeinden bestand der Brauch, daß Kinder, die im vergangenen Jahr geboren waren, am Schemini Azeret mit Früchten und Süßigkeiten als der Symbole der Fruchtbarkeit überschüttet wurden. Größere Rinder, die zu dieser Feier eingeladen wurden, lasen die Gaben auf und verzehrten sie. Um die Kinder vor dem sogenannten „bösen Blick“ zu bewahren, wurden sie nicht gezählt. Aus demselben Grunde und zum Schutze gegen die Einwirkung der Gestirne, insbesondere gegen den Einfluß der „Lewone“, des Mondes, achtete man auf Ihre Bekleidung. Als Schutzmittel trugen sie bestimmte Schmuckstücke, Mädchen vor allem Korallen oder Amulette, die es in besonderer Form und mit besonderen Zeichen für Kinder gab. Bei der besonderen Wertschätzung von Erziehung und Unterricht im Judentum war naturgemäß alles, was mit dem Lernen zusammenhing, von vielen magisch-symbolischen Gebräuchen umgeben. Der „erste Scbulgang“ im Judentum mit seinem ganzen Zeremoniell ist schon sehr häufig geschildert worden. Ein in etwas späterer Zeit aufgekommener Brauch ergab sich aus dem Engelsglauben, wie er mit der Lurjanischen Kabbala zusammenhing: wenn Vater oder Mutter in die Schule kamen, um zu sehen, wie das Kind lernt, warfen sie einen Groschen auf die Alef- Bet-Tafel des Kindes, und der Lehrer sagte zu ihm: „der .Mal’och' (Engel) (hat dir den Groschen zugeworfen, weil du lernst“. Wie der erste Schulgang als solcher ,war auch der Anfang des Bibelunterrichts von einer Symbolik umgeben. Die entsprechende Feier, die aus dem chassidischen Gedankenkreise stammt, wird als eines der schönsten Familienfeste bezeichnet. Sie fand im Elternhaus des Kindes unter Teilnahme des Lehrers, der Mitschüler, von Verwandten und Freunden statt. Der neue Bibelzögling wunde schön angezogen, auf den Tisch gestellt, von einem älteren Kinde „gebenscht“ und ihm oder einem anderen fortgeschritteneren Schüler gab das Kind Antworten auf bestimmte Fragen. Die Schulentlassung, die religiöse Mündigkeit des Kindes mit ihrer Feier der Barmizwa hat erst im 19. Jahrhundert die uns heute vertraute Form erhalten. Die mystischen Strömungen im Judentum waren bald — wie die Lurjanische Kabbala — der Ausdruck tiefster Lebensverneinung, bald — wie der Chassidismus des Baal Schern Tow — freudigster Weltbejahung. Naturgemäß haben sich diese Strömungen auch in der Stellung des Kindes im Judentum ausgewirkt. Die Erziehungsgrundsätze, die der Lurjanischen Lehre entstammen, zeichnen sich durch ihre besondere Härte und Strenge aus. Unter diesem Einfluß wurde ein Ersticken kindlicher und jugendlicher Bedürfnisse wie der Freude an Schmuck und Kleidern, am Gespräch und am Spaziergang üblich. Wie das ganze Leben der Erwachsenen der Herbeiführung der messianischen Zeit geweiht wurde, so wurde aiuch die Erziehung der Kinder auf dieses Ziel eingestellt. Ganz anders wurde die Stellung des Kindes im Chassidismus. Vom Baal Schern Tow wird zum Beispiel erzählt, er habe in seiner Eigenschaft als Hilfslehrer die ihm anvertrauten Kinder Tag für Tag singend durch die Straßen zur Schule und auf einem weiten Weg über Wiese und Wald wieder nach Hause geführt. Die Kinder senkten nicht mehr wie vorher die blassen, schweren Köpfe. Sie jubelten und trugen Blumen und grüne Zweige in den Händen. Auch in der Gegenwart, die von einer stark mystischen Strömung durchglüht ist, entstehen viele neuen Volksbräuohe, deren Entstehen wir Tag Um Tag selbst miterleben. Ihr „Geburtsort“ ist bezeichnenderweise sowohl die jüdische Großgemeinde als auch das neue Palästina. Die alten jüdischen Volksbräuche leben dagegen noch vielfach in den kleinen Gemeinden und in einzelnen Familien. Damit solche Bräuche der Vergessenheit entrissen, damit aus ihnen die Kontinuität der jüdischen Kulturentwicklung erkennbar gemacht werde, wäre es gut sie aufzuzeichnen und zu sammeln. Vielleicht darf hier die Anregung gegeben werden, daß der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden, der so viele zentrale wirtschaftliche und kulturelle Aufgaben übernommen hat, sich auch dieser zweifellos bedeutsamen Kulturaufgabe annhnmt und sich alle derartigen in zahllosen Orten geübten Bräuche von den Gemeinden mitteilen läßt. Offene Auslandsstellen Genehmigt durch das Landesarbeitsamt. Eine Firma in Caracas, Venezuela, S.-A., sucht einen jüdischen Uhrmacher, der nachweislich mit guter Ausbildung perfekt in Uhren - Reparaturen ist. Es wird bei freier Station zunächst ein Wochenlohn von 50 Bolivar geboten. Ausführliche Bewerbungen auf Dünnpapier mit Zeugnisabschriften, Lebenslauf und Paßfoto werden weitergeleitet durch die Jüdische Gemeinde, Berlin SW 19, Lindenstr. 48/50. Jüdischer Mechaniker für Reparaturen an National- Register-Kassen, Schreibmaschinen und Addiermaschinen nach Curacao D. W. 1 gesucht. Alter 28 bis 35 Jahre. Jüdischer Autoschlosser mit mehrjähriger Erfahrung nach Columbien gesucht. Umschichtler ausgeschlossen. Jüdische Fotografin, durchaus perfekt, für Tätigkeit in der Dunkelkammer sowie für Kopieren und Vergrößern von Bildern in größeren Mengen, nach Philadelphia gejucht. Für Paris wird jüdischer Edelmetallchemiker gesucht, der möglichst Spezialist für Zahngoldlegierungen ist. Druckereifachmann für Broschüren und Formulardruck, welcher über die entsprechenden Maschinen hierfür verfügt, spanische Sprachkenntnisse hat, nach Cali (Columbien) gesucht 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.