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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1937-07-01 · 7 (1.7.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
15 (1937)
Issue
7 (1.7.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1937-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Selbständigkeit der Organisationen von allen Seiten als erwünscht bezeichnet wurde. Es ist im Rahmen eines Zeitungsaufsatzes unmöglich, mehr als eine Skizze des Sozialapparates und seiner Funktionen zu geben, aber schon diese Umrisse werden den großen Umfang des jüdischen Hilfsweijts erkennen lassen. Die Tätigkeit des Zentralausschusses und der ihn bildenden Organisationen erstreckt sich auf vier Hauptgebiete: Berufsvorbereitung (Erstausbildung und Berufsumschichtung), Wanderung (Binnenwanderung und Auswanderung), Wirtschaftshilfe (Kredithilfe und Vermittlungsdienst), Wohlfahrtspflege (offene Wohlfahrtspflege und Anstaltswesen). Die folgenden Ausführungen werden nur auf die Aufgaben und Leistungen der Wohlfahrtspflege näher eingehen, da die anderen Gebiete wiederholt ausführlich dargestellt worden sind. Träger der Wohlfahrtspflege sind in erster Linie die Gemeinden. Die größeren Gemeinden führen die Arbeit selbstständig durch. Die mittleren und kleineren Gemeinden können ohne den von den Zentralinstitutionen herbeigeführten Lastenausgleich ihren Anforderungen nicht gerecht werden. Die starke Auswanderung der jüngeren Jahrgänge hat den schon an sich ungünstigen Altersaufbau der Juden in Deutschland noch verschlechtert und dadurch die Wohlfahrtspflege auf lange Sicht vor fast unlösbare Aufgaben gestellt. Nach den neuesten Ermittlungen sind von 100 jüdischen Menschen 15 im Alter von unter 20 Jahren, 30 im Alter von 20—45 Jahren, T>5 im Alter von über 45 Jahren. In vielen Kleingemeinden sind nur die Alten und Leistungsschwachen zurückgeblieben, sodaß fast alle Familien hilfsbedürftig geworden sind. Die krasseste Folge des Bevölkerungsrückgangs sind die Gemeindeauflösungen, die auch im abgelaufenen Jahre in einer Reihe von Gemeinden notwendig geworden sind. Zu den' betrüblichsten Posteingängen gehören die Briefe, in denen die Gemeindevorstände sich zum Verkauf der Synagogengrundstücke veranlaßt sehen. In Auswirkung dieser Umstände mußten 276 Gemeinden zu Notstandsgemeinden erklärt werden. Bei diesen Gemeinden müssen die Zentralinstitutionen auch noch den gemeindlichen Teil der Kosten für die Berufsausbildung und Auswanderung mittragen. Nur wer diese Faktoren berücksichtigt, wird die Anforderungen und Leistungen des jüdischen Sozialwerkes richtig beurteilen können. Die Beanspruchung des Sozialapparats läßt sich mit den Mitteln der Statistik nicht aufzeigen. Wir wissen nichts von den Schiksalen der jüdischen Familien, wenn wir wissen, daß 83 761 Personen von der indischen Winterhilfe betreut werden mußten. Ein ungefähres Bild der sozialen Situation läßt sich nur aus der unmittelbaren Anschauung, wie sie der Fürsorger hat, gewinnen. Die vorliegenden Zahlenancaben können nur roh die Entwicklungstendenz der Wohlfahrtspflege angehen und dadurch erkennen lassen, auf welchen . Gebieten die Tätigkeit künftig verstärkt werden muß und auf welchen sie abeebaut werden kann. Ein Streifzug durch den Arbeitsbericht des Zentralausschusses des Jahres 1936 zeigt uns, daß die Altersfürsorge erheblich ausgebaut werden mußte und künftig noch intensiviert werden muß. Die 2988 verfügbaren Altersheim- und Siechenhausplätze reichten nicht mehr aus. um all den hilfsbedürftigen Alten Aufnahme zu gewähren. In verschiedenen Gemeinden sind neue Altersheime, bezw. zusätzliche Plätze geschaffen worden. Wo die Anstaltsunterbringung nicht bewerkstelligt werden konnte, versuchte die Hauspflege Abhilfe zu schaffen. Es wurden — besonders in Krankheitsfällen — Kräfte zur Besorgung des Haushalts und zur Krankenpflege zur Verfügung gestellt. Eine Betreuung der Alten, aber such der anderen Hilfsbedürftigen in Form der offenen Fürsorge bedeuten auch die Speiseeinrichtungen, die im i letzten Jahr sehr erweitert worden sind. Einen besonderen Tvpus dieser Volksküchen stellen die sogenannten Bärwaldküchen in Berlin dar. In den verschiedensten Stadtteilen Berlins wurden in Wohnungen von Familien, die sonst selbst der Fürsorge anheimgefallen wären, Küchen gegründet. Von diesen Küchen aus wurden auch Lebensmittelpakete verschickt, und die Gäste der Küchen wurden auch sonst betreut. Die 47 bestehenden Küchen haben im Jahre 1936 2 357 250 Portionen ausgegeben. Die Gesundheitsfürsorge ist von jeher ein Kernstück jüdischer Sozialarbeit gewesen. Die Aufrechterhaltung der jüdischen Krankenhäuser und Kliniken wird immer schwieriger. Die großen Zuschüsse sind aus jüdischen Mitteln auf die Dauer nicht aufzubringen, außerdem bereitet die Frage des ärztlichen Nachwuchses ernste Sorge. Zu den Aufgaben der Gesundheitsfürsorge gehört auch die Frage der schulärztlichen, berufs- und gewerbeärztlichen sowie der wohlfahrtsärztlichen Versorgung. Die drei der Gesundheitsfürsorge zur Verfügung stehenden Fonds zur Durchführung von Heilkuren für organisch Kranke und Kuren für Nervenkranke wurden im letzten Jahr außerordentlich stark in Anspruch genommen. Es würde zu weit führen, wollte man alle Zweige der Wohlfahrtspflege wie Kinderverschickung, Schulkinderfonds, Gefährdetenfürsorge usw. zur Darstellung bringen. Aufgaben und Leistungen der „Jüdischen Winterhilfe“ können als bekannt vorausgesetzt werden. Landesverbände und Gemeinden haben dafür Sorge getragen, daß keine Gemeinde mehr ohne fürsorgerische Betreuung ist. . Die Wohlfahrtspflege ist nur ein kleiner Teil des umfassenden jüdischen Sozialwerks. Die für den Fortbestand der Judenheit ungleich wichtigere Arbeit wird von der produktiven Sozialarbeit geleistet, von der Berufsvprbereitung mit ihrem großen Netz von Ausbildungsstellen, von dem 160 Schulen umfassenden jüdischen Schulwerk, von den 68 im Dienste der Wirtschaftshilfe stehenden Darlehnskassen und. nicht zuletzt von den zentralen und örtlichen Beratungsstellen des Hilfsvereins und des Palästina-Amts zur Lenkung der jüdischen Auswanderung. Ein Sozialwerk, das jeden Vergleich mit den entsprechenden Einrichtungen ausländischer jüdischer Gemeinschaften aushält, aber ein- Werk, das von den verschiedensten Seiten her gefährdet ist. Gefahren und Hoffnungen. Das jüdische Sozialwerk ist von außen und innen gefährdet. Von außen: Die ungeheuren Soziallasten werden auf immer weniger Schultern abgewälzt. Der zahlenmäßige Umfang der Hilfsbedürftigkeit trat bei der Winterhilfe deutlich in Erscheinung. Jeder fünfte Jude mußte betreut werden. Noch ungünstiger wird das Bild, wenn nur die berufsfähigen Jahrgänge miteinander verglichen werden. Wir nähern uns dem Zustand, daß jed§r Berufstätige einen Berufslosen miternähren muß. Die sozialen Einrichtungen konnten bisher nur durch die tatkräftige Unterstützung der großen ausländischen jüdischen Hilfsorganisationen aufrecht erhalten werden. Es ist aber völlig ungewiß, wie lange die ausländischen Judenheiten sich noch zu diesen angespannten Hilfsleistungen in der Lage sehen. Die jüdischen Mittel müssen an viele Stellen verteilt werden. Die neuesten Berichte des „American-Joint- Distribution-Committee“ aus Osteuropa, insbesondere Polen, lassen mit unüberhörbarer Deutlichkeit erkennen, daß unsere Glaubensbrüder im Osten die materielle Unterstützung noch weit nötiger brauchen als die Juden in Deutschland. Dieser Gefahr kann nur begegnet werden, wenn jeder Jude ein Höchstmaß von Opferbereitschaft aufbringt und ein innerer Umbau der sozialen Fürsorge vorgenommen wird. Die Sozialarbeit muß mehr und mehr produktiviert werden. Der Sektor der reinen Wohlfahrtspflege sollte nach Möglichkeit verkleinert und die sozialen Einrichtungen nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt werden. Anfänge auf diesem Gebiet sind bereits gemacht. Einige Altersheime sind in privatwirtschaftliche Regie gegeben worden. Sie erhalten sich zum größten Teil aus den Beiträgen der Insassen oder ihrer Angehörigen. Bei den landwirtschaftlichen Berufsausbildungsstätten ist man sorgsam bemüht, solche Güter ausfindig zu machen, die bei normaler Bewirtschaftung eine Rente abwerfen. Und bei Unterstützungsanträgen sollte man in jedem Fall prüfen, ob eine Form der Kredithilfe nicht zweckmäßiger als Almosen ist. In Polen iet man mit Hilfe 2

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