Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 6 (1.6.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Halle, Bremen, Nordwestdeutschland, Stettin und Pommern)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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der Wunsch, mit unseren ausgewanderten Freunden in Fühlung zu bleiben, natürlich ein elementarer, rein von menschlichen, ganz unmateriellen Regungen getragen. Der Verfasser dieser Zeilen beispielsweise hat Verwandte und Freunde in allen fünf Erdteilen, in Indien so gut wie in Chile, in Südafrika und Australien, >— von Palästina und Nordamerika ganz zu schweigen. Bei allem Optimismus glaubt er nicht, annehmen zu dürfen, nur einen Bruchteil von ihnen je wieder zu sehen. So ist es mehr als begreiflich, daB er Ängstlich besorgt ist, wenigstens brieflich mit ihnen in Verbindung zu bleiben und — wenn auch in gemessenen Abständen — Nachrichten und Eindrücke auszutauschen. Ein solcher Briefwechsel trägt seine Rechtfertigung durchaus in sich selbst und ist von jeden Neben- Absichten ungetrübt. Und doch... wie anders liegt bei vielen Anderen der Fall, wie sehr drängt es sie, die hier ohne Lebensgrundlage geworden sind, hinaus. Ein junger Freund von mir, der nun verlassen auf einem indischen Hochplateau als Zahnarzt wirkt, schreibt mir, er habe den Ehrgeiz, mindestens einem Dutzend seiner noch hier verbliebenen Freunde zur Auswanderung nach Indien zu verhelfen. Ich will hoffen, daB ein entsprechender Wunsch jedem einzelnen unserer Auswanderer als freiwillig auf sich genommene Verpflichtung aufliegt. Dabei ist es völlig unerheblich, ob der Auswandemde zur Ermöglichung seiner neuen Existenzgründung jüdisch-öffentliche Hilfe (sei es seiner hiesigen Stelle oder eines Hilfskomittees im Ausland) in Anspruch nehmen mußte. Auch diejenigen, die so glücklich waren, darauf noch verzichten zu können, haben in genau, dem gleichem Umfang diese selbstverständliche jüdische Bruderpflicht. Haben wir nicht alle erlebt, wie schnell sich Gebende in Empfangende verwandelten? Aus der Geschichte erkennen wir, daB aber auch Nehmende rasch zu Spendenden werden können. Die Aelteren unter uns erinnern sich noch wohl der trostlosen Massen, die von Osteuropa nach Nordamerika zogen, um dort — erfreulicherweise meist erfolggesegnet! — neu ihr Leben zu bauen. Rührend und erhebend ist es, zu erleben, in welchem Umfang Amerika zu einer Hilfsquelle für das verarmte Europa, insbesondere seine bedrängte Judenheit geworden ist! Nicht weniger als 58 Millionen Dollar flössen in dem einen Jahr 1928 (das keineswegs ein besonderes Krisenjahr für uns war) aus amerikanischen Hilfsquellen in die Alte Welt, eine Zahl, deren Gewicht durch jeden Kommentar nur abgeschwächt würde. — Der sagenhafte Aufschwung mancher jener Auswanderer-Familien,, die 1492 die iberische Halbinsel fast mittellos verlassen muBten. ist nnr erklärlich durch die wunderbare Bewährung jüdischen Gemeingeists allerorts, wo damals Juden wirkten. Die Gefühle jüdischer Zusammengehörigkeit werden oft so wenig von Außenstehenden recht verstanden, daB man sie mit mvstischen und dunklen Zusammenhängen und Absichten erklärt. Aber ist es denn wirklich so unfaßbar, daB ein Häuflein Menschen: das seit mehr als zwei Jahrtausenden in alle Welt verstreut heimatlos sioh in ihr erhalten muß, zusammen- und für einandersteht?! Wir können daran nichts Arges erblicken und hoffen, daß auch unser heutiges Geschlecht von Auswanderern sich als stark erweist — stark im Leben und stark in Hilfsbereitschaft und Treue! Frühjahrsausstellung jüdischer Künstler in Berlin Von Dr. Max Osborn. Wie vor zwei Jahren, im April 1935, hat man diesmal die jüdischen Künstler Berlins zu einem Generalappell ins Jüdische Museum berufen. Der Kreis ihrer Gemeinschaft ist immer noch recht ansehnlich. Gewiß, sie hat in Max Liebermann ihr Haupt verloren, das unersetzlich bleibt, und manche tüchtigen Kräfte, wie Spiro, Batö, Meta Cohn-Hendel, Vater und Sohn Fingesten u. a., leben jetzt im Ausland. Aber der Stamm, der nach wie vor zur Stelle ist, sucht sich in redlicher Künstlerarbeit zu entwickeln, und es fehlt nicht an Nachwuchs. Was der ganzen Ausstellung dieses Frühjahrs den Stempel gibt, ist die handwerkliche Solidität, die anständige künstlerische Haltung des aufgebotenen Materials, die frische, lebensvolle Ausbildung angeborener Gaben und eine in ernster Selbstzucht gewonnene Qualität der Arbeit. Mit Recht hat man in dem repräsentativen Hauptsaal die sichere Könnerschaft von Erich Wolfsfeld in den Mittelpunkt gestellt. Hier ist alles reife, harmonisch in sich geschlossene Kunstübung. Unerschöpflich ist Wolfsfeld in den Bildern und Studien, die seinen MitteJmeer- und Orientfahrten ihre Entstehung dankten. Man sieht nun das große Bild eines marokkanischen Töpfers, prächtig in der Einheit der Farbkomposition, wobei der bräunliche Ton der Töpferwaren und der Haut des Mannes wirksam gegen die helle Gewandung gestellt ist. Daneben das kleinere Gemälde eines jemenitischen Thoraschreibers. Dazu eine ungemein reizvolle Interieurstudie, „das kalte Zimmer“ genannt, mit einer weiblichen Gestalt, die sich auf einem Diwan eng in bunte Decken und Kissen schmiegt. In die erste Reihe kamen, man könnte sagen, mit einem Ruck, zwei Künstler, die durch so ungewöhnlichen Fortschritt allgemein überraschen. Das ist einmal Heinz Rosenthal, als Zeichenlehrer an zwei Berliner jüdischen Schulen tätig, der immer schon durch seine Zimmerbilder fesselte, wobei er einfache Gegenstände und Blicke durchs Fenster in ganz eigenwilliger Auffassung malerisch behandelte, der Realität nicht ausweichend, doch übet sie hinaus zu einem zusammenfassenden Aufbau strebend. Jetzt hat er in einem größeren Qemälde diese Formgebung und dies Thema zu besonders schöner Wirkung gesteigert Anregungen von Henri Matisse her sprachen dabei wohl mit, doch sie sind völlig selbständig verwertet. Das schlichte Motiv wird zum Ausgangspunkt einer ganz großgefaßten Darstellung. Zugleich schickte Heinz Rosenthal ein Straßenbild „Abziehendes Wetter“, von einer Feinheit und Eindringlichkeit des Natuigefühls, £iV-'F' Barmizwah Fot.Abrohai» Gomälda von Bvatrlc* lion daß man von einem außerordentlichen Gelingen sprechen darf. Und da ist zweitens Beatrice Lion, auch sie immer schon unter den beachtlichen Talenten genannt aber nun plötzlich zu bedeutendem Können aufgestiegen. Sie malte einen Barmizwah-Knaben mit dem Gebetmantel über den Schultern, Kopf und Nebenwerk in breiten Strichen hingesetzt iu der Linienführung, bewußt oder 5