Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 6 (1.6.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Halle, Bremen, Nordwestdeutschland, Stettin und Pommern)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/10279732-10279738-10021732--648-3981369- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der seine Jüngste verheiratet, „aasgibt“ und die Tänzer und Musikanten anspomt:. „Lauterl Besser 1 Den Kreis, den Kreis macht größerl Groß hat Gott mich gemacht, Segen hat er mir gebracht, Feiert, Kinder, die ganze Nacht! — Das Nesthäkchen ausgegeben, Das Nesthäkchen ausgegeben.“ Im Osten wird vielfach sieben Tage Hochzeit gefeiert. Von allen Bräuchen in Ost und West aber scheint uns der Hochzeitsbrauch bei portugiesischen Juden (gettodien von Picard) Fot. Sonnenfeld schönste, daß, wer sein Kind verheiratet, auch der Armen gedenkt, und daß wohlhabende Leute, die ihr Kind „in Freuden ausgeben“, zugleich auch einer armen jüdischen Waise die Aussteuer mitgeben, die Heirat ermöglichen und die Hochzeit mitausrichten. - Ünd daß zur Hochzeit Groß und Klein eingeladen und willkommen ist, daß den Bettlern selbst ein guter Tag gemacht wird, und daß mit jedem, der sie auffordert, die Braut tanzt. . Mögen wir alle dergleichen viel und in Freuden erleben. Fühlung wahren ...! Eine Forderung unserer Zeit Von Hans Lamm. Die Juden Deutschlands haben schnell und still und in einem Umfang, den man früher kaum für denkbar gehalten hätte, gelernt, den Wanderstab wieder in die Hand zu nehmen. Kleingemeinden oft ehrwürdigen Alters schrumpfen teilweise bis zum plötzlichen Zerfall, viele unserer Menschen zogen in die Großstädte, noch weit mehr aber hinaus über die Grenzen des Reichs, in der Mehrzahl nach fernen überseeischen Orten, deren Namen zum Teil bisher nur den gewiegten Geographen unter uns ein Begriff war. Wir haben aber schnell überseeische Erdkunde zu erlernen gewußt, und mancher Zurügkgebliebene kennt durch die Briefe seiner Kinder (sagt doch ein bitteres Wort, daß in dieser Zeit aus Kindern Briefe geworden sind) deren neue Umgebung fast besser als seine eigene neue Umwelt... In dieser Zeit, da Zehntausende -hinaus gezogen sind und weitere Zehntausende ihnen noch folgen werden, erscheint es von vordringlicher Bedeutung, dafür zu sorgen, daß der Kontakt zwischen der Heimat und den neuen Wohnländem erhalten, gefestigt und gestärkt wird. Wir denken an den Kontakt in beiden Richtungen: sowohl uns, die wir vorerst noch hier zu leben haben, erwächst die Aufgabe, die ' Fühlung zu unseren hinausgezogenen Freunden und Verwandten zu bewahren, als auch ihnen, die sich dort neu ein Lebensfundament zu erkämpfen haben, die Fühlung mit uns nicht aufzugeben. Ein Wort zunächst zur Lage der Ausgewanderten: es hat sich als von allen innerjüdischen Richtungen akzeptierte Grundhaltung herausgebildet, für alle Wanderung zu empfehlen: 1. n i c h t in Gruppen zu wandern (das gilt nicht für Palästina) und 2. sich nicht in den Wohnzentren und Großgemeinden, wo sich bisher bereits Juden in größeren Massen ansiedelten, zu konzentrieren. Es heißt nur ein offenes Geheimnis wiederholen, wenn man die Vermutung ausspricht, daß z. 6. die südafrikanische Einwanderungs-Erschwerung wohl nicht gekommen wäre, wenn unsere Südafrika-Wanderer in stärkerem Maße die Kleinstädte und das flache Land aufgesucht hätten. — Die zukünftige Lage wird also so sein, daß mehr als bisher Siedlungspunkte aufgesucht und errichtet werden müssen, die fernab von jüdischem Leben liegen. Dies ist notwendig, um das materielle Leben unserer Freunde zu sichern; natürlich werden sie dadurch schwerer als bisher und als in bestehenden Gemeinden in der Lage sein, ein wirklich erfülltes und gestaltetes jüdisches Leben zu bauen. Und gerade in der „Ausgesetztheit“ (in jedem Sinn des Worts), die diese erschwerte Lage darstellt, wird sich zu zeigen haben, ob und wie tief jene Bewegung gewirkt hat, die wir als jüdische Erneuerung bezeichnen und die — für die meisten von uns wenigstens — vom Geschehen des Jahres 1933 ihren Ausgang nahm. Wenn diese Erneuerung jüdischen Lebens — wie man doch hoffen und annehmen soll — mehr war als eine bloße Mode- und Konjunktur-Sache, dann wird sie ihre Kraft jetzt erweisen müssen! Wir, die hier Verbliebenen, wie auch die Hinausgegangenen, müssen beide ihren Teil zu diesem Beweis beitragen: sie werden zeigen, daß, auch unter härtesten äußeren Bedrängnissen, der Wille und die Kraft zu. jüdischem Lernen und jüdischem Tun lebendig bleiben, und sie werden auch auf diesem Lebensgebiet Pioniergesinnung erweisen; wir dagegen werden von uns aus alles dazu tun müssen, um ihnen jüdisches Leben in neuer Umgebung unter erschwerten Bedingungen zu erleichtern. Der seelsorgerischen Aufgaben, die hieraus erwachsen, beginnen sich Rabbiner und Gemeinden bereits ' 3 t Faksimiledruck aus einem alten italienischen Machsor Fat. Sonnanfald anzunehmen, durch regelmäßige Weitersendung jüdischer Literatur, jüdischer Bücher und Zeitschriften, kann jeder von uns diese Arbeit erweitern und vertiefen. Besonders die Weitersendung der „Gemeindeblätter“ ist geeignet, die Verbindung zwischen den Ausgewanderten und ihren Heimatgemeinden aufrechtzuerhalten. Und was die „Kehrseite der Medaille“ betrifft, so trägt sie wesentlich auch „praktischen“ Charakter. An sich und ursprünglich ist 4