Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 5 (1.5.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Stettin, Pommern und Tilsit)
- Date
- 1937-05-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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die Derascha zur Uebersetzung ins Russische. Diese Arbeit übertrug ich dem jungen Dubnow. Er führte sie mit Geschick aus und wurde von dem Spender honoriert. Auch dieses Mal war ich überzeugt, daß ich ein aufblühendes Talent vor mir hatte. Bei der Redaktion des „Raswiet“ war schwer etwas zu erreichen. Sie wird schon von so vielen Journalisten umlagert, voh den Kulischers, Rosenfelds, Bintschtoks und Waharows und für jede Abteilung und Branche hat die Redaktion ihre Spezialisten. Dagegen hat der „Russische Jude“ Mangel an Schriftstellern; Dr. Kantor mußte fast allein das ganze Blatt füllen. Er mußte selbst die Hauptartikel schreiben, die Kritiken und die Übersichten. Ich schlug Herrn Dubnow vor, einen Brief aus Mestislawl, seiner Vaterstadt, zu schreiben; ich würde ihn der Redaktion des „Russischen Juden“ zur Veröffentlichung übergeben, und er würde Honorar erhalten. Da 1 sagte Dubnow: „Wie kann ich über das Gemeindeleben dort schreiben?“ Darum, so beruhigte ich meinen jungen Freund, sei unbesorgt. Ich bin nie in Kowno oder in Witwosk gewesen, und doch sind in der letzten Nummer zwei Briefe aus diesen beiden Städten veröffentlicht, und beide habe ich geschrieben. Auch über Mistislawl werde ich dir umfassende Dinge sagen: in der großen öden Stadt gehen die Knaben der Talmud-Tora barfuß und nackt: .das Badehaus ist dem Einsturz nahe; die Treppe in der Mikve ist baufällig; das Dach der Synagoge ist am Verfaulen u. s. w. Das alles mußt du schreiben und die Gemeinde anfeuern, daß sie ihr Möglichstes tut, um alles zu reparieren. So schreibt man — sagte ich ihm. Und der Brief wurde im „Russischen Juden“ gedruckt. Das war der erste gedruckte Artikel von Simon Dubnow. Die Prüfung am Gymnasium bestand er nicht, er fiel gerade mit seinem russischen Aufsatz durch, — dieser ausgezeichnete russische Stilist I Genau dasselbe ist vor zwei Jahren dem Sch. S. Luria zugestoßen; auch er war ein ausgezeichneter russischer Schriftsteller. Dubnow hat die Prüfung nicht noch einmal versucht, sondern sich gleich der literarischen Arbeit zugewandt. Er schrieb damals seine erste Studie: „Einige Momente in der Geschichte der Entwickelung des Hebräischen Gedankens“. Sie war eigentlich für „Raswiet“ geschrieben, für die erste Nummer des Jahres 1881, aber Rosenfeld lehnte sie ab mit der Begründung, daß für längere Artikel in einer Wochenschrift kein Platz sei, zumal gerade Adolf Landau eine Monatsschrift „Waschod“ begonnen hätte. Nach vielem hin und her erblickte die Studie das Licht der Welt in den Blättern der „Russsische Jude“ in vielen Fortsetzungen; sehr zur Unzufriedenheit des Herausgebers Dr. Kantor, der anfangs nicht gewußt hatte, daß so viele Fortsetzungen kommen würden, die in Wochenschriften nicht sonderlich beliebt sind. Aber diese literarische Arbeit zeigte schon zur Genüge, daß wir -es mit einem aufblühenden Talent zu tun hatten, das viel versprach. Kinderfahrten in die Großgemeinden Unsere Anregung, Kinder aus kleinen und Kleinstgemeinden, in denen die Feiertage in alter Schönheit nicht mehr begangen werden können, weil die Zahl der vorhandenen Mitglieder zu sehr zusammengeschrunrpft ist, zur Teilnahme an den feierlichen Veranstaltungen in Berlin zu versammeln, hat auch an diesem Pessachfest, wie wir dankbar feststellen, stärksten Widerhall gefunden. Besonders dankbar ist der Preußenverband der Berliner Jüdischen Gemeinde, die nun schon die bei’ ihr zu einem festen Minhag gewordene Einrichtung zu wiederholten Malen durchgefflhrt hat. Auch aus einer Reihe anderer Gemeinden liegen erfreuende Berichte vor. Die aus der Provinz Brandenburg in Berlin versammelten Kinder, die zum großen Teil zurrt ersten Male die Herrlichkeit des Sederabends kennen lernten, vielfach auch zum ersten Male Gemeindegottesdienste besuchten, und deren glückstrahlenden Gesichtern man das große Erlebnis ablas, wurden, wie immer, vom Provinzialverband Brandenburg betreut, in den freien Stunden mit Gesang und Spiel in den Räumen der Abawa beschäftigt, an den Zwischentagen zu den Sehenswürdigkeiten Berlins« die Großen auch zu einer Aufführung im Kulturbund geführt. Die beiden Bilder, die wir veröffentlichen, zeigen di£ Kinder in der Ahawa. Auf dem einen Bilde ist Herr Rabbiner Dr. Salomonski, der Vorsitzende des Provinzialverbandes für jüdische Wohl- * fahrtspflege, von Ihnen umgeben, der immer wieder in dankenswertester Weise an dieser Kinderaktion aufs treueste teilnimmt und sie leitet, auf dem anderen Bilde sehen wir Herrn und Frau Rechtsanwalt Dr. Klee, — unseren Freunden ist erinnerlich, daß die schöne Anregung zu diesen Feiern von Herrn Dr. Klee einmal ausgegangen ist,' und dankbar muß ausgesprochen werden, wie herzlich er sich um diese Aktion kümmert und immer wieder auch die erforderlichen Mittel durch * Kinder aus Kleingemeinden als Gaste in Berlin Fot. Sawady den Gemeindevorstand bereitstellen läßt, — und bescheiden ganz links Frau Dr. Böhme, die Provinzialpflegerin für Brandenburg, die Frau, die in ihrem schlichten Wirken so unsagbar viel Segen in jüdische Häuser unserer Diasporagemeinden trägt. Der Wunsch unseres Preußenverbandes geht dahin, daß diese Einrichtung, die sich offenbar durchgesetzt hat, immer mehr und mehr, vor allem an den Pessach- und Sukkothtagen, Ausbreitung finden und Allgemeingut unserer Gemeinden in Deutschland, und wenn möglich, auch darüber hinaus, werden möge. E. K. S. Recht und Gericht in Palästina Von Rechtsanwalt Dr. Hans Kalisch, Berlin. I. Rechtsverhältnisse Wer nach Palästina geht, wechselt damit nicht nur die Heimat und kommt in andere seelische und wirtschaftliche Bedingungen, er gelangt auch unter ganz anderes Recht und Gesetz. Es handelt sich dabei um Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit in manchen Beziehungen fühlbar machen werden. Es soll versucht werden, (hier in ganz großen Zügen einen Überblick des Wichtigsten zu geben. Palästina wird als Mandat des Völkerbundes von England regiert. England hat dort nicht nur Rechte sondern auch völkerrechtliche Verpflichtungen, deren für uns wichtigste sich auf das jüdische Nationale Heim beziehen. Palästina ist das einzige Land der bewohnten Erde, in dem die Juden ein verbürgtes Recht auf Einwanderung haben. Auf Grund des Mandats ist jüdische Einwanderung und der Erwerb der palästinensischen Landesangehörigkeit durch Juden zu erleichtern. Wenn wir auch Ursache haben, mit dem Tempo der Einwanderung unzufrieden zu sein, so bleibt doch bestehen, daß bis in die letzte Zeit alljährlich Zehntausende dort eine Zuflucht haben finden können. Die Landesangehörigkeit kann nach drei Jahren . erworben werden, auch das ist eine Frist, wie sie so kurz in keinem ändern Einwanderungsland bemessen ist. Palästina untersteht als Mandatsland zwar englischer Verwaltung, ist aber kein Bestandteil des britischen Empire. Das hat zur Folge, daß der Palästinenser nicht Angehöriger des Empire wird, er ist in England und allen Kolonien genau so Ausländer und braucht ein Visum, wie übrigens der Engländer selbst in Palästina Ausländer ist, der keineiiei Vorzugsrechte vor den Angehörigen anderer Länder genießt. Das bezieht sich natürlich nur auf die Engländer, die sozusagen privat sich in Palästina aufhalten, nicht auf diejenigen, die als Beamte dienstlich im Lande sind. Wirtschaftlich macht sich die Sonderstellung Palästinas insofern bemerkbar, als es von England nicht in den Kreis der sogen. Imperial Preference hineingezogen werden 5