Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 5 (1.5.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Stettin, Pommern und Tilsit)
- Date
- 1937-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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unberufene Hände geraten und mir Ungelegenheiten bereiten, zumal ich bei diesen Aufzeichnungen recht offenherzig bin und alle guten und bösen Gedanken, so wie sie sind, aufgeschrieben werden. Vielleicht hat mein Warner recht, und man muß in dieser Zeit auch auf unlautere Zwischenfälle gefaßt sein, denn wir sind alle nicht ganz rein ... aber, was soll man tun? Ich kann mich nicht zurückhalten, ich mache meine Aufzeichnungen gefühlsmäßig ... noch sind meine Augen nicht trübe, mein Herz schlägt noch... Die Augen sehen, was ringsum geschieht. Sie sehen und werden betrübt; das Herz krampft sich zusamhalte ich mich dabei an Papier und Tinte, und zu meinem Tagebuch spreche ich mit den Worten Bialiks: „Nimm mich unter deine Fittiche, Sei mir Mutter und Schwester, Sei dein Busen meines Hauptes Zuflucht, Nest für mein irrendes Gebet“. In den Busen meines Tagebuches ergieße ich meine Rede, wie ich nicht an mich halten kann, — komme, was da will!... * Kiwi» *ir '■ Vx Abschied der Auswanderer Sonnenfeld men beim Anblick all der Schrecknisse des Lebens, die die Brüder treffen und die Hand kann nicht helfen. Und meine eigene Lage?! Ich habe zwei Brüder und drei Schwestern, und ich bin der Jüngste. Schon drei Jahre weiß ich nichts von meinen Brüdern und Schwestern. Meinen ältesten Bruder habe ich krank und in Lebensgefahr zurückgelassen. Meine älteren Schwestern sind bereits über siebzig, meine jüngste Schwester hatte vor dem Kriege eine Operation in Berlin zu überstehen. Wie mag es ihr gehen? Leben sie alle noch? Werde ich sie Wiedersehen? oder vielleicht? Schon zwei Jahre habe ich keinen Brief von meinem Schwiegervater, der mir Vater, Bruder und Freund war an die 40 Jahre. Auch er ist nicht mehr jung! Und nun meine Kinder, meine geliebten Sprößlinge, die mir so viel Freude bereitet und Befriedigung gewährt haben. Mein Herz bangt nach ihnen. Wo sind sie? Schon zwei Jahre habe ich keinen Brief von meinem ältesten Sohn, und meine liebe Dina habe ich schon fünf Jahre nicht gesehen, und den Mann ihrer Wahl kenne ich noch gar nicht!. .. Zwei Jahre, drei Jahre, fünf Jahre — großer Gott, ihre Briefe pflegten nach Wochen öder nach Monaten zu kommen, und wir sahen uns von Zeit zu Zeit mehr oder weniger oft, wie das natürlich ist. Aber da brach über uns der furchtbare Krieg hereip, der Krieg ohnegleichen, wie es solchen vorher nicht gab, und wie er später nicht sein wird, ein Krieg, der alle Verbindungen unter den Menschen aufhob, alle Grenzen von Gesetz und Recht verwischte, das ganze Leben von Staaten und Privaten von Grund auf umkehrte. Und ich sitze mitten in diesem Kessel — nicht lebend und nicht tot, nicht wach und nicht schlafend, eine nackte Seele ... Wer wird sein Vergnügen finden an diesen Aufzeichnungen? Werden sie einmal Menschen in die Hände fallen? Wird einmal nach dem Kriege jemand dieses Tagebuch lesen? Und wenn, dann wird er Vielleicht alle diese Zweifel beantworten können. Ich aber mache meine Aufzeichnungen aus einem inneren Zwange heraus, aus dem Drange eines lebenden Menschen, eines politischen Menschen seiner Natur nach, eines Menschen der Gemeinschaft auf Grund seiner Entwicklung, der aussprechen muß, was er über all das denkt, was er sieht. Vor wem soll ich denn mein Herz ausschütten, und wem soll ich meine geheimen Leiden und meine Sehnsucht und meine innersten Gedanken künden? Schon über 40 Jahre Die Entdeckung Dubnows. (Olami I 134 ff.) im Jahre 5640 (1880) Um diese Zeit kam ein junger Mann nach Petersburg aus der Stadt Mestislawl im Bezirk Mohilew, meiner Vaterstadt, er hieß Seew Dubnow. Er brachte mir einen Brief von dem staatlichen Rabbiner in Mohilew, Jakob Mordechai Kohn, dessen Frau aus Mistislawl ist. Daß junge Leute wie diese mit Empfehlungsschreiben zu mir kamen, war keine seltene Erscheinung und so schenkte ich dem nicht viel Beachtung. Einige Zeit danach kam sein jüngerer Bruder Simon Dubnow. Von der Familie Dubnow hatte ich schon gehört, und ich wußte auch, daß in Mistislawl ein Rabbi Benzion Dubnow lebte, ein großer Torakenner. Wohin Seew Dubnow ging, weiß ich nicht. Aber Simon ging bei mir aus und ein, und wir wurden gut bekannt. Er hatte vorher in Smolensk gelebt und sich auf die Reifeprüfung vorbereitet. Nun schließlich kam er in die Hauptstadt, um auf einem der hiesigen Gymnasien sich prüfen zu lassen. Durch seinen großen Fleiß, seine Bescheidenheit und seine guten Manieren machte er Eindruck auf mich. Ich erkundigte mich nach seiner materiellen Lage; sie war sehr schlecht. Aber es war schwer, einen Weg zu finden, um ihm zu helfen. Wenn er Student gewesen wäre, hätte man ihn leicht bei der Schülerkasse des Vereins „Marbe Haskala“ einordnen können. Aus der Unlerstützungskasse der Gemeinde wollte er nichts nehmen. Nur nach Arbeit sehnte er sich. Nach welcher Arbeit? Wohl literarische Arbeit. Ich fragte ihn, ob er dazu die Fähigkeit besäße. Als Antwort brachte er mir ein Manuskript, eine Erzählung, die, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, den Titel hatte „Auf dornigem Pfade“. Ich las das Manuskript und fand, daß es eine reife Erzählung war, in sehr gutem Russisch geschrieben. Ich sah ein viel versprechendes Talent vor mir. Bald stellte sich durch Zufall eine kleine Arbeit für ihn ein. Ein freigelassener 'Kleiner Mann auf großer Fahrt *■ >• Fot. Sonnenfeld Soldat, ein reich gewordener Schneider, hatte in der Soldatensynagoge ein „Ner tamid“ gespendet zur Erinnerung an die Kaiserin, die Gattin Alexanders -II. Bei der Festlichkeit im Gotteshause hielt der Maggid der Synagoge eine Derascha. Die Beamten und Offiziere, die zu der Feierlichkeit geladen waren, wollten gern den Inhalt der Rede kennen lernen. Der Spender des Ner Tamid brachte mir 4