Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 4 (1.4.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Tilsit, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Gedenkblatt Von Dr. Hermann Schildberger. Es gehört zum tempo vivace unseres jetzigen jüdischen Lebens, daB nicht hur die Ereignisse sich überstürzen, sondern daß auch die Menschen schneller kommen und gehen, als wir es früher gewohnt waren. Das führt leicht zu Undankbarkeit gegen diejenigen, die uns verlassen haben; wir vergessen zu schnell und sollten das rächt tun. Die Menschen, die noch vor gamicht langer Zeit unserm jüdischen Gemeinschaftsleben und seinen Institutionen den Stempel ihres Geistes, ihrer Persönlichkeit und ihrer Arbeitsweise aufprfigten, haben es verdient, daß wir ihr Andenken stets lebendig erhalten. Ein solcher Mann, der nicht vergessen werden darf und auch nicht vergessen wird, war Justizrat Hugo Sonnenfeld, der erste Präsident des Verbandstages unseres Landesverbandes. Zehn Jahre sind jetzt seit seinem Tode, der ihn völlig unerwartet mitten aus seiner rastlosen - Arbeit abberief, vergangen; die Ideale, denen sein Leben nnd Schaffen galt, sind vielfach durch neue Ziele ersetzt worden, und doch; wie vieles von diesem Manne lebt noch und wirkt nach für immer! In alten Aktenstücken und Protokollen finden wir seine Notizen und Hinweise, und die Arbeitsweise unseres Verbandes folgt noch heute den Grundsätzen, die Sonnenfeld vorgeschwebt und die er zu seinem Teil verwirklicht hat. Mag der Inhalt unserer Arbeit seit 1933 zu einem großen Teil ein anderer geworden sein, doch ist es noch der alte Geist, der uns beseelte und den er bei der Eröffnung des ersten Verbandstages 1925 in unverändert noch heute gültigen Worten aussprach; daß wir diese Arbeit leisten, „nicht um kleine Vorteile zu erreichen, sondern um Zeugnis abzulegen für unser Wollen, für die Aufgaben, die Gott uns gesetzt hat, Nächstenliebe zu üben und so den Namen Gottes auf Erden zu heiligen.“ Sonnenfeld hat, wie es in einem der Nachrufe heißt, „von der Konrtzer Schicksalszeit bis zu seiner letzten Stunde“ für das Wohl der jüdischen Gemeinschaft gearbeitet; „Pflichterfüllung, Treue und Herzensgüte“ waren nach den Worten, die Dr. Baeck an seiner Bahre sprach, die Tugenden, die ihn beseelten. Und er selbst rechnete noch eine Tugend ganz besonders zu seinen Pflichten —: bei .Antritt seines Präsidentenamtes hat er es ausgesprochen, daß er als die wichtigste Pflicht diejenige der Unparteilichkeit ansehe. Er hat sie in vorbildlicher Weise geübt, und nicht zuletzt durch ihn ist Unparteilichkeit zu einer der unverrückbaren Grundlagen unserer gesamten Verbandsarbeit geworden. Seiner Mitarbeit in der Repräsentantenversasunluhg der Berliner Jüdischen Gemeinde, im Jüdischen Centralverein, dessen stellvertretender Vorsitzender er war. vor allem aber seiner großen, im Stillen geübten Wohltiitigkeit soll noch gedacht sein; wer um dies alles weiß, versteht es, warum an seinem Grabe der Präsident des Landesverbandes, Kammergerichtsrat i. R. Leo Wolff, sagen mußte; „Die Worte fehlen ....“ ' Als nach Sonnenfelds Tode der Verbandstag zum ersten Male wieder zusammentrat, ist seine Unparteilichkeit und Ritterlichkeit auch von denjenigen anerkannt worden, die innerjüdisch in einem anderen Lager standen. Rechtsanwalt Max Kollenscher war es, der als stellvertretender Präsident des Verbandstaßes diesen Empfindungen öffentlichen Ausdruck gab — und nun fügt es das Schicksal, daß diese beiden Namen wieder nebeneinander genannt werden müssen, denn wenn auch Kollenscher uns schon seit einer Reihe von Jahren verlassen hat, so erfüllt uns doch die jetzt aus Palästina kommende Nachricht von seinem Hinscheiden mit Trauer und läßt das Gedenken an seine Mitarbeit in unserem Kreise wieder wach werden. :— Kollenscher stammte aus Posen und hatte sich dort schon in aktivster Weise für die jüdischen Interessen eingesetzt, als er nach Kriegsende nach Berlin kam und sehr bald in den Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde gewählt wurde.. Dem Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden gehörte er als Abgeordneter an und war, wie schon erwähnt, Vizepräsident des Verbandstages. Aehnlich wie Sonnenfeld, aber von einem entgegengesetzten jüdischen Standpunkt her, hat er sich um die Schaffung einer jüdischen Gesamtorganisation in Deutschland bemüht; wenn dem damals von ihm ausgearbeiteten Entwurf ebenso wie allen anderen diesbezüglichen Entwürfen ein Erfolg versagt geblieben ist, so weiß man heute, daß es erst des Eingreifens der Weltgeschichte bedurft hat, um unter den Juden Deutschlands die innere Grundlage für die Schaffung einer derartigen Einheitsorganisation - herzustellen. Kollenscher hat an diesen Arbeiten nicht mehr teilgenommen; er war nach Palästina gegangen und hat sich hier um die Betreuung der aus Deutschland 'kommenden Einwanderer mit Hingabe und Erfolg bemüht. Noch eines Mannes muß hier gedacht werden: wenige Tage nach Hugo Sonnenfeld ist im März 1927 Paul Nathan den Juden Deutschlands und, man darf sagen, den Juden der. ganzen Welt entrissen worden. Was er als Begründer des Hilfsvereins und als Initiator des palästinensischen Schulwerks der Alliance geleistet hat, gehört der Geschichte an. Sein Wirken für die Juden Osteuropas hat bewiesen, daß diejenigen, die für das Denken und Handeln der Juden Deutschlands wirklich repräsentativ waren, stets um die Einheit des Schicksals aller Juden gewußt haben; gerade die jetzige Zeit hat gezeigt, daß die Juden des Ostens dieses Wirken Paul Nathans nicht vergessen haben und daß — woran er selber nie gedacht und was er nicht ahnen konnte — mancher von Paul Nathan gestifteter Segen nun auf die Juden in Deutschland wieder zurückfällt; so z. B. wenn eine Reihe jüdischer Lehrstätten in östlichen Ländern während der letzten Jahre auch für unsere jüdischen Jungens und Mädels aus Deutschland offenstanden. Paul Nathan hat den Körperschaften des Landesverbandes nicht angehört; aber die Einheit des Judentums war in seiner Person und in seinem Lebenswerk in solchem Maße verkörpert, daß seines zehnten Todestages auch in diesem der jüdischen Einheit dienenden Gemeindeblatt gedacht werden mußte. Auf alle drei Männer aber, denen diese Zeilen der Erinnerung gewidmet sind, trifft das zu, was Hugo Sonnenfeld bei der Eröffnung des ersten unserer Verbandstage gesagt hat: sie haben ihre hingebende Arbeit für die jüdische Gesamtheit so vollbracht, daß „.... wenn uns der grüne Rasen längst deckt, unsere Enkel gern von uns und unseren Mühen und Leistungen erzählen werden . —“ Ausblick auf die Wirtschaff Auf einem Vortragsabend der Deutschen Weltwirtschaftlichen Gesellschaft hat vor kurzem Prof. Dr. Maurice Parmelee, New York, auf die Veränderungen aufmerksam gemacht, die sich in der Wirtschaft der meisten Länder durchzusetzen scheinen. Er versuchte nachzuweisen, daß die modernen technischen Methoden eine Planwirtschaft, also eine gelenkte Wirtschaft erfordern, und daß daher die freie Wirtschaft überall in der Welt nach und nach durch ein sozialisiertes Wirtschaftssystem ersetzt werde. Natürlich handelt es sich hier nur um eine wissenschaftliche Theorie. Aber wenn sie zutreffend ist — und manches spricht zurzeit für Ihre Richtigkeit —, so bedeutet das zugleich auch eine Umwälzung ln der Berufsfrage. Denn in einer gelenkten Wirtschaft nehmen d 1 e Berufe, die, sich mit der Güterverteilung befassen, also die kaufmännischen und auch ein Teil der freien Berufe, eine weit weniger bedeutungsvolle Stellung als in der heutigen Wirtschaft der hochindustrialisierten Länder ein. In zahlreichen Berichten aus überseeischen Ländern (auch in solchen, in denen die jüdische Einwanderung überhaupt nicht erwähnf wird), wird mit großem Nachdruck betont, daß nur für Farmer, s