Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 4 (1.4.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Tilsit, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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sehen Empire-Politik einbezogen. Im Interesse der Judenheit der ganzen Welt soll die Hoffnung ausgesprochen werden, daß die Mandatsregierung auch künftig eine großzügige jüdische Einwanderungspolitik verfolgen möge. Die jüdische Wanderung ist nur ein Sonderproblem des viel umfassenderen weltpolitischen Fragenkreises einer gerechteren Verteilung der Wirtschafts- und Arbeitsräume auf dieser Erde. Sie wird weitgehend beeinflußt von den weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Ereignissen der nächsten Zukunft. Um so notwendiger ist es für die einflußlose jüdische Gemeinschaft, in allen praktischen Fragen der Wanderung einmütig zusammenzustehen und so wenigstens jüdischerseits die Voraussetzungen für eine befriedigende Lösung zu sichern. Mehr Allgemeinbildung Eine Zuschrift von Rechtsanwalt Dr. Charlg, Stendal Die nadislebende Zotdirlft, die der Redaktion seit einiger Zelt voriiegt, wegen Raummangels aber bisher nldit gebracht werden konnte, knOpft an den in der Dezember~Nunmier 1936 erschienenen Anfsats „Das Jüdische Lehrhaus in unserer Zeit4* von Dr. Eva Keichmann-Jungmann an. In der Zeit, als ich am Kammergericht meine Referendarprüfung ablegte, — es war im Jahre 1021 — ereignete es sich, daß ein Professor den Kandidaten fragte, ob Darmstadt nördlich oder südlich des Mains liege. Der Gefragte entschied sich nach einigem Zögern für das erstere. Darauf wünschte der Professor zu wissen, wie die Hauptstadt von Baden heiße. Auch die Antwort hierauf befriedigte nicht. Nunmehr ging der Prüfer zur neueren Geschichte über. Das Ergebnis war nicht viel besser. Der Kandidat, der gar kein schlechtes juristisches Wissen besaß, fiel glatt durch, da ihm die nötige Allgemeinbildung fehlte. An dieses Erlebnis muß ich öfters denken, wenn ich sehe, daß wir Juden außerhalb der Großstädte unserem Bildungsstand nicht mehr die Bedeutung beilegen, die unbedingt erforderlich ist, wollen wir nicht auf eine allzu tiefe Kulturstufe herabsinken. Wir lesen zwar — so noch vor Kurzem in diesem Blatt — sehr schätzenswerte Ausführungen über jüdische Lchrhäuser. Man verkennt dabei aber, daß derartige Einrichtungen für die Juden in hunderten von Klein- und Mittelgemeinden nichts weiter als böhmische Dörfer sind. Der alte Fehler, jüdische Belange allzu sehr durch die Brille der Großgemeinde, insbesondere Berlins, zu betrachten, scheint immer noch nicht ganz überwunden zu sein. Was kann man also tun, um einem übel abzuhelfen, über dessen Vorhandensein wir hoffentlich alle einig sind? In erster Linie muß jeder von uns den Mut und den Willen aufbringen, tatkräftig an sich selbst zu arbeiten. Wir haben ja genug Zeit dafür. Die Tatsache, daß wir infolge der politischen Umwälzung aus verschiedenen Bereichen ausgegliedert sind, braucht uns nicht abzuschrecken. Mag auch die Möglichkeit der Fortbildung in verschiedener Hinsicht erschwert sein, so gibt es doch genug Wege, um vorwärts zu kommen. Das Hauptbildungsmittel ist und bleibt das Buch. Ich denke dabei nicht an Romane, die man gern einmal liest und dann vergißt. Denn bleibenden Wert besitzen nur wenige. Die Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Völkerkunde, der Weltgeschichte, der Erinnerungen großer Männer aus allen Ländern, der Reiseerlebnisse usw. — um nur einige Beispiele zu nennen — dringen viel zu wenig in unsere Kreise vor. In jeder Stadt findet man heute eine gute Leihbücherei, die allen Wünschen entspricht. Sie stellt gerade für uns eine überaus schätzenswerte Kultureinrichtung dar. Was soll man zu einem Kaufmann sagen, der von »ich bekennt, er habe seit Jahren kein Buch mehr zur Hand genommen? Paßt ein solcher Mann in die heutige Zeit? E» genügt nämlich nicht, daß man irgendeine kleine Zeitung liest, um auf dem Laufenden zu bleiben. Richtig wäre es, wenn zwei oder drei Familien ein teures und dafür großes, wertvolles Blatt gemeinsam halten würden, da ja oft der Einzelne sich diese Ausgabe nicht leisten kann. Es spielt keine Rolle, wenn man eine solche Zeitschrift erst einige Tage nach dem Erscheinen zu Gesicht bekommt. Die neusten Nachrichten hört jeder doch durch den Rundfunk. Denn das darf man wohl als selbstverständlich voraussetzen: Ohne Rundfunk kann auch kein jüdisches Haus auskommen, am wenigsten in den Klein- und Milteigemeinden. Aber nicht nur wegen der Nachrichtenübermittlung ist das Rundfunkgerät unentbehrlich. Man erlebt ja am Lautsprecher das wichtigste Weltgeschehen unserer Tage unmittelbar mit. Das sollte sich niemand entgehen lassen. Und nicht zuletzt stellt der Rundfunkvortrag ein hervorragendes BildungsmiMel dar, denn nach alt«r Erfahrung wirkt das gesprochene Wort stets eindringlicher als das gedruckte. Die Auswahl ist übrigens größer, als mancher glaubt. Dabei besitzt der Rundfunk die gute Eigenschaft, daß man zwanglos wählen darf und sofort abstellen kann, wenn der Vortrag nicht zusagt. So bequem hat man es sonst nicht. Kgnn somit der Einzelne unendlich viel für seine Allgemeinbildung tun, so fällt es bedeutend schwerer, zu prüfen, auf welche Weise die Kulturarbeit dergroßen Verbände dem Juden ln der Kleinstadt zu helfen imstande ist. Bisher lag den Kulturfahrten des Landesverbandes hauptsächlich der Zweck zu Grunde, die Glaubensgenossen seelisch zu erheben ’iyy Rhamses II. der Große, Fo*- Sonnenfeld der Pharao zur Zeit der Knechtschaft in Ägypten und zu stärken. So überaus dankenswert und notwendig diese Arbeit war und ist, so sollte man doch nicht verkennen, daß auch eine Abwechslung nichts schaden könnte. Es gibt genug Gemeinden, in denen die geistige Anregung, die Belehrung, ebenso wichtig erscheint, wie die Aufrichtung. Daß in diesem Zusammenhang der Wanderbücherei jdes Landesverbandes größte Bedeutung zukommt, versteht sich von selbst. Mir fällt auch auf, daß die Pflege der Musik einen fast zu großen Umfang angenommen hat, da hierdurch die bildende Vortragstätigkeit zu kurz kommt. Ich denke dabei an die Programmgestaltung gewisser Kulturbünde, deren Wirkungskreis auch kleinere Gemeinden umfaßt, wie etwa in Westfalen. Muß man erst warten, bis ein Krieg oder sonst ein großes Ereignis die Gemüter erregt, bis man sich mit einem Lande und seinen Merkwürdigkeiten beschäftigt, wie es z. B. bei Abessinien der Fall war. Nachdem diese Modesache nicht mehr geht, schwelgt man wieder. Wieviele Themen gäbe es doch für uns, die unseren Blick weiten und unser Wissen um die Welt vertiefen könnten I Man wird mir entgegenhalten, daß zumindest unsere Jugend heute andere Sorgen kennt. Das ist nur eine halbe Wahrheit. Wie unklug handeln Eltern, die von dem Standpunkt ausgehen: Warum soll unser Junge sich mit den Schularbeiten so sehr herumplagen? In ein paar Jahren geht er doch nach Südamerika oder Palästina. Dort braucht er all das schwere Zeug gar nicht. — Man faßt sich an den Kopf und fragt sich, ob wir noch im 20. Jahrhundert leben und ob so überhaupt Juden sprechen können. Denn auf der einen Seite wissen wir doch genau, daß in der ganzen Welt die Anforderungen an die Allgemeinbildung der Menschen beträchtlich gestiegen sind. Ein Handwerker, der nur seine Facharbeit gelernt hat, ist überall auf der Erde ein Stümper, wenn er außer Lesen, Schreiben und Rechnen nicht viel mehr gelernt hat. Das gleiche gilt für den Siedler und natürlich für den Kaufmann. Auf der anderen Seite ist es zu allen Zeiten eine ehrenvolle Eigentümlichkeit des Judentums gewesen, das Buch — an der Spitze die Bibel — zu schätzen und zu gebrauchen. Sollte es heute anders sein? Im Gegenteil! Je schwerer die Aufgabe gerade für die Jugend gestellt ist, je besser gelingt die Lösung, wenn das Allgemeinwissen einen hohen Stand aufwelst. Mit der Gefahr einer Überzüchtung der rein geistigen Ausbildung, wie sie früher vorhanden war, braucht man ja nicht mehr zu rechnen. Also auf an die Arbeit! 4