Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 3 (1.3.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Tilst, Duisburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1937-03-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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D Aufstieg der Gesamtwirtschaft nicht ohne Rückwirkungen auf die beruflichen Betätigungsmöglichkeiten der jüdischen Erwerbslosen bleiben dürfte, so wird doch das Problem der in Deutschland lebenden Juden auf diesem Wege nicht gelöst werden können. Im Mittelpunkt der konstruktiven Hilfstätigkeit der jüdischen Gemeinden und Gemeindeverbände für - die jüdischen Erwerbslosen und für die heranwachsende Jugend, die zum großen Teil keine Arbeitsplätze mehr findet, steht aber notwendigerweise die Aufgabe, die Arbeitslosen und den Nachwuchs auswanderungsreif zn machen, damit sie in anderen und namentlich in überseeischen Ländern neue Erwerbsmöglichkeiten finden können. Der Weg zu diesem Ziele führt vor allem über eine planmäßig organisierte berufliche Ausbildung der Jugend wie auch der Umschichtler in Handwerk und Landwirtschaft In dieser Hinsicht besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen den Erfordernissen der palästinensischen Alijah und denen der Auswanderung in andere Länder. Die Einrichtungen, die von den jüdischen Gemeinden und Verbänden geschaffen worden sind, um alle diejenigen, die auswandern müssen, möglichst vorher auswanderungsreif und auswanderungstüchtig zu machen, haben soeben durch die Schaffung von jüdischen handwerklichen Lehrwerkstätten mit dreijähriger Ausbildundsdauer in einer Reihe von Großstädten eine besonders wertvolle Ergänzung und Bereicherung erhalten. In dieser neuen Art von Umschichtungswerkstätten soll nicht mehr älteren jüdischen Menschen, die einen neuen Beruf erlernen müssen, eine notdürftige handwerkliche Schnellausbildung vermittelt werden. Diese Lehrwerkstätten sollen vielmehr einen vollwertigen Ersatz für die nicht in genügender Zahl vorhandenen Lehrstellen bei tüchtigen Handwerksmeistern bilden. In ihnen werden schulentlassene jüdische Jungen in den handwerklichen Grundberufen der Metall- und Holzbearbeitung theoretisch und praktisch aufs sorgfältigste ausgebiklet werden, damit sie später im Auslande den erlernten Handwerksberuf mit guter Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg ■ ausüben können. Die heute wesentlich bessere weltwirtschaftliche Konjunktur stellt diesem neuen Hilfsmittel im Kampfe gegen die jüdische Erwerbslosigkeit ein günstiges Horoskop. Denn überall in der Welt verursacht die Steigerung der Produktionstätigkeit einen erhöhten Bedarf an tüchtigen, in ihrem Beruf gut ausgebildeten Handwerkern, Facharbeitern und Technikern. Für die ältere Generation der in Deutschland lebenden Juden ist der Einzelhandel eines der wenigen übrig gebliebenen wirtschaftlichen Betätigungsgebiete. Für sie ist daher die Tatsache wichtig und erfreulich, daß sich die Einzelhandels Umsätze weiter in aufsteigender Richtung bewegen. Im Textileinzelhandel z. B. waren im Dezember 1936 — also in dem Monat, der für den Einzelhandel im allgemeinen den Höhepunkt der Saison darstellt — die Umsätze um 13,4 Prozent höher als in dem gleichen Monat des Vorjahres. Die Umsätze des Textileinzelhandels in dem Gesamtjahr 1936 überstiegen diejenigen des Jahres 1935 um 10,5 Prozent. Von den einzelnen Branchen des Textilwarenhandels haben die Fachgeschäfte für Teppiche, Möbelstoffe und Gardinen, die Bettwarengeschäfte sowie die Fachgeschäfte für Herren- und Damenbekleidung aus bekannten Ursachen umsatzmäßig am besten abgeschnitten. Unter dem allgemeinen Durchschnitt liegt z. B. die Umsatzentwicklung bei den Handarbeits-, den Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäften. Auch in den einzelnen Landesteilen war die Umsatzsteigerung nicht gleichmäßig. Sie entsprach vielmehr der Beschäftigungskonjunktur in den verschiedenen Landesteilen, da ja die Kaufkraft der Verbraucher für den Einzelhandel die wichtigste Quelle des wirtschaftlichen Erfolges ist. Dr. H. N. Chronik des jüdischen Lebens Rechenschaft, Rückschau und Ausblick — so lautete das Thema einer großen Kundgebung, die die Reichsvertretung der Juden in Deutschland unter dem Präsidium von Leo B a e c k Mitte Februar in Berlin vor einer großen Zuhörerschaft veranstaltete. Ministerialrat i. R. Dr. Otto Hirsch, Rabbiner Dr. Hoffmann, Rechtsanwalt Dr. Julius L. Seligsohn und Dr. Franz Meyer referierten über die Leistungen, die die Reichsvertretung in den 3Vs Jahren ihres Bestehens im Dienste der Juden Deutschlands auf dem Gebiete der Organisation und Finanzierung, der Wohlfahrtspflege und Wirtschaftshilfe, der jüdischen Schule und Erziehung, der Wanderung und Berufsvorbildung vollbracht hat. Die von den einzelnen Rednern mitgeteilten Angaben decken sich im Wesentlichen mit dem Inhalt des von dem der Reicbsvertretung angegliederten Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau in diesen Tagen herausgegebenen Tätigkeitsberichtes für 1936, der in der jüdischen Oeffentlichkeit zweifellos ein lebhaftes Echo hervorrufen wird und auch in unseren Blättern noch eingehend besprochen werden soll. — Ueberhaupt scheint jetzt dev Zeitpunkt gekommen zu sein, daß die großen jüdischen Organisationen ihre Berichte über das Jahr 1936 abschließen und der Oeffentlichkeit vorlegen können. Unser Landesverband hat damit anläßlich seiner Ratstagung im Januar den Anfang gemacht; die Reichavertre tung bczw. der Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau sind gefolgt; ebenso der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände, dessen — freilich drei Jahre umfassenden — Arbeitsbericht wir ebenfalls an leitender Stelle dieses Blattes schon erwähnt haben. Auch der Keren Hatorah in Deutschland hat über seine beträchtlichen Leistungen berichtet, die hauptsächlich auf religiösem und erziebeschem Gebiete liegen. Weniger den Charakter eines Berichts als vielmehr einer jüdisch-politischen Kundgebung trug eine andere Veranstaltung, die fast gleichzeitig mit der der Reichsvertretung in Berlin stattfand: die Unabhängige Misrachi - Organisation in Deutschland hat im Beisein von Vertretern der Reichsvertretung, des Landesverbandes und des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde ihre Delegiertentagung abgehalten, auf der u. a. Rabbiner Dr. Jacob Hoffmann (Frankfurt) und Rechtsanwalt Dr. Paul Sulzberger (Berlin) sehr wichtige Referate hielten und auf der eine Reihe bedeutsamer Resolutionen angenommen wurde, von denen besonders zwei hervorgehoben zu werden verdienen, in denen einerseits eine stärkere Beachtung der orthodoxen Forderungen, vor allem auch der sogenannten Luzerner Zusagen durch die Zionistische Exekutive verlangt und gleichzeitig dieser, insbesondere auch der Politik Chajim Weizmanns, das vollste Vertrauen ausgesprochen wird. Unwillkürlich wird bei der Erwähj nung dieser Tatsache jeder an das Oberhaupt desjenigen Teiles i^der zionistischen Bewegung denken, der sich zur Politik Weizmanns im Gegensatz befindet: Wladimir Jabotinsky ist vor der Royal Commission in London als Zeuge aufgetreten; in sehr würdiger Form hat er versucht, den innerjüdischen und innerzionistischen Meinungsstreit, in dem er sich mit Weizmann und dessen Richtung befindet, vor der Kommission nicht weiter zu erörtern, ohne daß er deshalb seinen Forderungen, die er weit über diejenigen Weizmanns hinaus an England als an die Mandatarmacht über Palästina erhebt, auch nur das geringste an Deutlichkeit fehlen ließ. Daß auch der High Commissioner Sir Arthur Wauchope, und zwar auf Wunsch des britischen Kolonialministers, nach London gekommen ist, ist bekannt. Man wird nun die weitere Entwicklung aller mit der Arbeit der Königlichen Kommission zusammenhängenden Dinge abwarten müssen; jede Mitteilung oder auch nur Vermutung darüber scheint zur Zeit verfrüht, und alle Nachrichten, wie z. B. die von der geplanten Kantonisierung des Landes u. a., haben sich bisher als plumpe Sensationsmeldungen erwiesen. Freilich scheinen gewisse Besorgnisse, die man Mitte vorigen Jahres hatte, auch heute noch nicht behoben, wie u. a. aus einer Aeußerung des politischen Dezernenten der Jewish Agency, Professor Brodetsky hervorzugehen scheint, der auf einer repräsentativen Veranstaltung in London erklärt hat, schon das bloße Bestehen einer Königlichen Kommission bedeute eine Gefahr. Diese Aeußerung scheint äußerst betrüblich, besonders wenn man sie mit anderen Vorgängen zusammenhält. Der Plan einer jüdischen Siedlung in den französischen Kolonien, von dem allen Warnungen zum Trotz noch im Januar so viel gesprochen wurde, ist auf ein Minimalprogramm zusammengeschrumpft, dessen Bedeutung angesichts des jüdischen Auswanderungsbedürfnisses gleich Null ist: UnteTstaatssekretär Bouteilte vom französischen Kolonialministerium hat einem Exekutivmitglied des Jüdischen Welt-Kongresses mitgeteilt, es würde im Jahre 1937 nur möglich sein, zehn jüdische Familien in den französischen Kolonien nnterzubringenl Es bedarf keiner näheren Ausmalung, was diese Mitteilung angesichts der Tatsache bedeutet, daß inzwischen das südafrikanische Einwanderungsgesetz in Kraft getreten und auch seine für Purim-Narren um 1740'** Fot. Abraham 6