Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 3 (1.3.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Tilst, Duisburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1937-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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eine Frau mit dem Säugling an die Wand lehnt, nur ein Greis majestätisch sitzen bleibt und an der Spitze von Henkersknechten und Hellebardisten ein Kardinal der Inquisition die Kellertreppe herabkomint. Dieses sein originellstes Werk ließ Antokolski bei einem Ferienbesuch in Wilna zu Hause, und als er wiederkam, fand er die „Inquisition“ von den Seinen nutzbar gemacht, nämlich in einen Hühnerstall verwandelt. — In der Petersburger Akademie wurde seine Originalität erkannt und bekämpft. Enttäuscht wollte er anderweitig sein Glück versuchen, aber in Berlin konnte er 1868 nicht einmal bei einem Anstreicher eine Stellung bekommen, und von neuem begann er in Petersburg. 1871 schuf er den Koloß „Iwan Abravanel-Plaketta fo*. Sonnenfeld Anläßlich der 500. Wiederkehr seines Todestag*« vom Aufbringungswerk der JOdlsdien Gemeind* zb Berlin gestiftet der Schreckliche“, aber die Akademie verweigerte ihm einen zur Vollendung des Kollossalwerkes geeigneten Raum, und um sie in das Bodenloch, da* man ihm gab, zu schleppen, mußte er der Statue die Arme abhaeken. Von der Arbeit krank, mit Lungenbluteh fiebernd, lag er eines Nachts, als ihm gemeldet wurde, ein Teil des Tonblocks hätte sich losgelöst. Er sprang auf, um sein Werk zu retten, und es war ein Wunder, daß er selbst mit dem Leben davonkam. Aber nun ging es bergauf mit ihm. Er hatte sich in seiner Not an den Akademiepräsidenten gewendet, der den „Iwan“ besichtigte und bewunderte, und bald kletterten viele Bewunderer die schreckliche Boden- ' treppe hinauf. Jetzt lehnte Antokolski es ab, sein Werk in einen anderen Raum zu bringen, und so mußte auch der Kaiser durch das nun teppichbelegte Treppenlabyrinth in das Bodenloch klettern. Der Kaiser ließ ihn zum Mitglied der Akademie ernennen, den „Iwan“ in Bronze für das Winterpalais ausführen, Antokolski heiratete eine Rabbiner-Enkelin und zog, da er das nördliche Klima nicht mehr ertrug, nach Italien, dann nach Paris. Und doch lebte er in der Fremde „wie ein Einsiedler unter einem brausenden Wasserfall“, und die unglückliche Liebe dieses Juden zu seiner stiefmütterlichen Heimat wurde tragisch. Das Jüdische und der Zug zum Judentum war vielleicht das Wesentlichste in Antokolskis Kunst und Leben. Mit die meisten und besten von seinen Skulpturen stellen jüdische Menschen und Szenen dar. Antokolski war in jeder Hinsicht ein Autodidakt, er hatte auch zu Hause nicht viel Jüdisches gelernt, aber spät», dank seinem Eifer und geistig hochstehenden Freunden, brachte er es zu einer universalen Bildung, und so waren seine großen Freunde, vor allem Turgenjew, keineswegs nur die Gebenden. .Einer von ihnen, Tolstoj, hielt ihm dann, als AntokqpRi 1903 im 61. Lebensjahr in Hombucgstarb und auf Wunsch des Zaren in Petersburg beigesetzt wurde, die Grabrede. Weder die Zurücksetzungen, denen er als Jude ausgesetzt war, noch die Erfolge, die er sich trotzdem mit seinem Genie erkämpfte, konnten ihn veranlassen, dem Judentum untreu zu werden, die Taufe zu nehmen, die ihm alles erleichtert hätte, oder auch nur auf die Gestaltung jüdischer Stoffe zu verzichten. Und obwohl «eine Vorliebe für Rußland ihn in aller Herren Ländern nur mit russischen Menschen umgeben ließ, lernte er die russische Sprache nie vollkommen beherrschen. Und doch hat er einen glänzenden Beweis dafür erbracht, daß er wenn . nicht der größte Bildhauer seiner Zeit ein hervorragender russischer Schriftsteller hätte werden können: er schrieb einen Roman „Ben Jehuda“, und natürlich war es eih Judenroman. Der Zwiespalt zwischen dem Russentum und ■dem Judentum ließ ihn nicht los. Während das Ausland ihn feierte, wurde er in der Heimat vielfach verleugnet. Er war längst Mitglied der Berliner Akademie der Künste und des Pariser Instituts, ehe man sich in Rußland bequemte, ihm den Titel eines Professors zu verleihen. „In der Fremde“, klagte er, „hält man mich für einen Russen. In Rußland sieht man in mir den Juden, den Fremden. Mein Leben und Fühlen gehört Rußland. Ihm gab ich, was ich ihm verdanke.“ Man legte ihm öfters nahe, sich taufen zu lassen, aber die Frage, ob er denn noch immer Jude wäre, brachte ihn außer sich. „Ich betrachte mein persönliches Mißgeschick als das der Juden im allgemeinen ...“ Er ist. durchaus nicht blind für jüdische Fehler und alles andere als ein „Fanatiker, der die Juden im landläufigen Sinne als auserwähltes Volk betrachtet“ Aber „alle für einen beschuldigen“, die Identifizierung^ der gesamten Judenheit mit den Fehlern Einzelner „kränkt mich zehntausendmal mehr als eine persönliche Beleidigung“. Während der Pogrome von 1881 fällt ihm das Atmen schwer. Mit einem erschütternd klagenden Brief wendet er sich an Turgenjew, der aber ausweichend antwortet, es sei eben die Zeit nicht, öffentlich etwas zu unternehmen. Später, während die Dreyfus-Affäre auf dem Höhepunkt ist, besucht Antokolski Tolstoj, und auch Tolstoj weicht aus. Der einzige Trost inmitten dieser Enttäuschungen ist dann ein unverhoffter Brief des jungen Maxim Gorki. Die Judenfrage beschäftigte nicht nur Antokolskis Ressentiment, er war ein bei aller künstlerischen und jüdischen Sensibilität ungemein klarer Kopf und empfahl 1892 die Umschichtung als Hilfsmittel: „Aus zwölfjähriger Erfahrung kann ich positiv behaupten, daß die Juden durchaus befähigt sind, im Handwerk einen Ehrenplatz einzunehmen.“ Man kann, wenn man will, Antokolski in manchem mit Spinoza vergleichen, den er so eindringlich dargestellt hat. Sein Verhältnis zum Geld, seine Kühle materiellen Dingen gegenüber, seine Geradheit, seine Armut, seine Leiden usw. würden der beliebten Art, heterogene Erscheinungen zu parallelisieren, hinreichend enlgegenkommen. Uns erscheint es wichtiger festzustellen, daß der spätgeborene östliche Künstler die Philosophie des westlichsten Juden aus tiefstem Herzen geliebt hat und daß diese beiden sehr männlichen Juden einander auf der Ebene des rein Geistigen begegnen, wo die Liebe zu Gott die Gegenliebe Gottes nicht mehr erwartet. Ausblick auf die Wirtschaft Die amtliche Statistik weist für den Monat Januar eine Zunahme der Arbeitslosen um 374 000 auf rund 1,85 Millionen ”* aus. Diese Zunahme hat aber ausschließlich saisonmäßige Ursachen. Die anhaltende Kälte in dem ersten Monal des laufenden Jahres zwang nämlich die Außenberufe, erheblich mehr Arbeitskräfte als vorher freizusetzen. Nur ein Teil der hierdurch arbeitslos gewordenen Kräfte konnte in den von der Witterung unabhängigen, rein konjunkturpolitisch orientierten Wirtschaftszweigen oder Betrieben Beschäftigung finden. Aber es handelt sich hier zweifellos nur um eine vorübergehende Saisonarbeitslosigkeit, die sich hauptsächlich in der Landwirtschaft und in den Baugewerben fühlbar machte. Der konjunkturelle ßochitand der Wirtschaft ist unverändert geblieben. Die Erzcugangsziffern im Kohlenbergbau, in der Eisenindustrie, in der Elektroindustrie usw. zeigen sogar eine weitere Steigerung der Beschäftigungskonjunktur und damit auch der Ausnützung der industriellen Anlagen. Wenn sich auf manchen Gebieten der Wirtschaft das Tempo dieses Aufstieges verlangsamt bat, so ist das durchaus natürlich und normal. -- .Man darf freilich aus der anhaltenden Besserung der Beschäftigungskonjunktur keine Schlüsse Unsichtlich der jüdischen Beschäftigungslosen ziehen. Wenn auch sicherlich ein 5